Seth widersprach nicht. Er nickte einfach, verließ den Raum und ließ mich mit meinen Gedanken allein.
Daraufhin trat Serene näher; ihre Anwesenheit war eine stille Beruhigung.
„Du scheinst abgelenkt zu sein“, sagte sie, ihre Stimme war sanft, aber mit Neugierde durchsetzt.
„Chloe ist weg“, murmelte ich. „Und jetzt das. Der König schmeißt eine Party für seine Tochter, aber niemand weiß, wer sie wirklich ist. Es heißt, sie habe sich all die Jahre versteckt. Du glaubst doch nicht, dass es…“ Ich brach ab, meine Gedanken stolperten über diese Möglichkeit.
Sie legte mir eine Hand auf die Brust. Ihre Berührung war beruhigend, und doch hatte sie etwas an sich, das den Raum um mich herum zu verengen schien.
„Du machst dir zu viele Gedanken, Dylan. Sie ist weg. Lass sie gehen. Es ist Zeit, weiterzuziehen.“
Aber ich konnte das nagende Gefühl nicht unterdrücken, das in mir arbeitete. Ich musste es mit eigenen Augen sehen. Was auch immer es war – ich musste dabei sein. Ich musste sehen, wer die Tochter des Königs war.
Eine Woche später…
Der Abend der königlichen Willkommensparty brach an, die Luft war voller Aufregung. Man flüsterte vom Königtum und von Neuanfängen. Der große Saal des Schlosses war mit Adligen, Rudelführern und Würdenträgern aus allen Teilen des Königreichs gefüllt. Ich stand am Rand des Saals und ließ meinen Blick über die Menge schweifen. Der Geruch von teurem Parfüm, das Lachen – alles wirkte wie eine Show, eine Aufführung.
Die Mitglieder meines Rudels waren im ganzen Saal verstreut und unterhielten sich mit verschiedenen Personen aus den anderen Rudeln. Keiner wusste etwas über die Königstochter, aber es lag eine unausgesprochene Spannung in der Luft. Der König hatte noch keinen Auftritt, aber seine Präsenz war spürbar – ebenso das Geheimnis um die Identität seiner Tochter.
Ich konnte meine Augen nicht davon abhalten, die Menge abzusuchen, als könnte mein Instinkt sie aus dem Meer der Gesichter herausziehen.
Wenn Chloe hier ist, dachte ich, werde ich es wissen.
Aber je mehr ich suchte, desto verwirrter wurde ich. Keine Spur von ihr.
Plötzlich betrat der König den Raum mit ruhiger Autorität, seine Präsenz zog sofort alle Aufmerksamkeit auf sich. Sein Blick schweifte über die versammelte Menge, als würde er eine Bestandsaufnahme machen. Ein Murmeln ging durch die Menge, als der Moment kam, auf den alle gewartet hatten.
Und dann betrat sie den Raum.
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Sie war umwerfend – ihre Präsenz beherrschte den Raum, als hätte sie schon immer dort hingehört. Ihr dunkles Haar fiel ihr in Kaskaden über die Schultern, und in ihren Augen lag, obwohl sie weit entfernt waren, ein Funke von etwas… Vertrautem.
Ich blinzelte, versuchte, die Welle von Gefühlen, die mich überrollte, einzuordnen. Das war sie. Sie musste es sein.
Aber diese Frau – diese königliche Gestalt – war nicht mehr die sanfte und ruhige Chloe, die ich einst gekannt hatte. Ihre Haltung war anders, ihr Ausdruck scharf und selbstbewusst. Sie war nicht mehr die unterwürfige Frau, von der ich geglaubt hatte, ich könnte sie kontrollieren. Nein, diese Frau war jemand ganz anderes. Und in diesem Augenblick wurde mir klar: Die Chloe, die ich geheiratet hatte, war nicht mehr da.
Der König trat nach vorn, seine Stimme war laut und deutlich, als er die Einführung machte.
„Meine Damen und Herren“, sagte er mit königlichem Stolz, „ich stelle Ihnen meine Tochter vor. Diejenige, auf die Sie alle gewartet haben – die Zukunft unseres Königreichs.“
Der Beifall dröhnte in meinen Ohren, aber ich nahm ihn kaum wahr. Mein Blick blieb auf der Frau haften, die neben dem König stand. Sie war gelassen, eine Vision von Macht und Anmut, aber die Kälte in ihren Augen – dieselben Augen, die mich einst mit Fürsorge und Liebe angesehen hatten – war nun dunkel und kalt wie der Abgrund.
Chloe…, rief ich innerlich, mein Atem stockte. Diese königliche Frau, die an der Seite des Königs stand, als wäre sie dazu geboren worden, war dieselbe Frau, die einst meine Luna gewesen war. Die Frau, die ich vor ein paar Wochen vertrieben hatte.
Der König strahlte in die Menge, sichtlich erfreut über die Reaktion. Sein Stolz auf seine Tochter war greifbar. Ich spürte, wie sich das Gewicht der Blicke im ganzen Raum verlagerte, wie das Flüstern zu einem lauten Summen wurde. Doch Chloe schien es nicht zu hören.
Sie stand da, ihr Gesichtsausdruck war unleserlich – als wäre sie eine Fremde auf dieser Welt. Und für mich.
Mein Herz pochte, als ich mich durch die Menge bewegte. Meine Füße trugen mich zu ihr, obwohl jeder Instinkt mir sagte, ich solle aufhören. Ich musste wissen, ob sie es wirklich war – ob sie wirklich jemand anderes geworden war und warum sie ihre Identität vier Jahre lang vor mir verborgen hatte.
Als ich sie erreichte, stand sie mit leicht abgewandtem Rücken und erhobenem Kopf da. Ihre Haltung war tadellos – als wäre sie ihr ganzes Leben lang auf diesen Moment vorbereitet worden. Die Frau, die ich einst als Chloe – meine Frau – gekannt hatte, war verschwunden und durch diese… Königin ersetzt worden.
Ich räusperte mich, meine Stimme war trotz aller Beherrschung unsicher.
„Chloe“, sagte ich. Der Name kam rau und fremd über meine Lippen. „Es ist lange her.“
Sie zuckte nicht zurück. Nicht einmal ein Zucken des Erkennens ging über ihr Gesicht. Stattdessen drehte sie sich langsam um, und ihre Augen trafen meine. Es waren dieselben blassgrünen Augen – früher sanft, jetzt kalt, berechnend, distanziert.
„Es tut mir leid“, sagte sie, ihre Stimme war sanft und unbeeindruckt. „Kenne ich Sie?“
Ihre Worte trafen mich wie ein Schlag in die Magengrube.
Ich erstarrte und starrte sie an, den Mund leicht offen. Sie hatte keine Ahnung, wer ich war. Kein Wiedererkennen, keine Wärme. Nur… Gleichgültigkeit. Ein völlig unbeschriebenes Blatt.
„Du… du erinnerst dich nicht an mich?“ fragte ich, meine Stimme stockte.
Sie legte den Kopf leicht schief, ein höfliches Lächeln umspielte ihre Lippen.
„Ich fürchte, ich weiß es nicht“, sagte sie. „Sollte ich?“
Die Menge um uns herum war still geworden, weil sie die Spannung spürte. Sie flüsterten untereinander, aber ich hörte sie nicht. Alles, was ich hörte, war das Rauschen meines eigenen Blutes in meinen Ohren.
Sie erinnert sich nicht an mich.
Ich schloss den Mund, wich aber nicht zurück.
„Wir waren einmal verheiratet. Du warst meine Luna.“
Die Worte kamen über meine Lippen, bevor ich sie stoppen konnte. Ich bereute sie sofort. Aber es war zu spät – der Schaden war angerichtet. Die Wahrheit war herausgerutscht.
Chloes Lächeln veränderte sich nicht. Sie betrachtete mich mit höflicher Neugier, als spräche sie mit einem Fremden, an dem sie kein Interesse hatte.
„Es tut mir leid“, wiederholte sie leise. „Aber ich kann mich nicht daran erinnern, jemals die Luna von jemandem gewesen zu sein. Vielleicht verwechseln Sie mich mit jemand anderem. Ich meine… jeder Mann hier möchte, dass ich seine Luna bin.“
Ihre Worte waren wie Eiswasser, das über meine Seele gegossen wurde. Sie tat so, als hätte sie mich nie gekannt, als hätte es unsere Vergangenheit nie gegeben. Sie war nicht nur distanziert – sie spielte die Rolle einer Fremden perfekt.
Um uns war es inzwischen völlig still geworden. Alle Augen waren auf uns gerichtet. Ich stand da, sprachlos, und starrte die Frau an, die einst meine Frau gewesen war – und die ich nie wirklich gesehen hatte.
Ich wollte etwas sagen, eine Erklärung verlangen – aber die Worte blieben aus. Stattdessen sah ich zu, wie sie sich abwandte und mich wie ein Nichts stehen ließ. Als ob sie keine Ahnung hätte, wer ich war – und noch schlimmer: als ob es ihr egal wäre.
Ihre Augen glitten über die Menge, und ich sah ein schwaches Schimmern von Belustigung in ihrem Blick. Sie genoss es, so zu tun, als wäre ich ihr vollkommen fremd.
Bevor ich reagieren konnte, trat ein junger Mann an mich heran, gut gekleidet, in den späten Zwanzigern. Er sah mich nervös an und wandte sich dann an Chloe.
„Mein Alpha möchte mit Ihnen sprechen, Eure Hoheit“, sagte er mit ehrfürchtiger Stimme.
Chloes Blick glitt über ihn, sie nickte leicht, ohne jeden Anflug von Überraschung.
„Sagen Sie Ihrem Alpha, dass ich kein Interesse daran habe, mit irgendeinem Alpha zu sprechen. Mein Vater wird das regeln, falls nötig.“
Die Worte schmerzten – doch es war ihre Art, wie sie sie sagte – so kühl, so abschließend –, die mir das Herz schwer machte. Sie hatte mich wirklich vergessen. Oder, schlimmer noch, sie hatte mich absichtlich ausgelöscht.
Ich stand wie gelähmt da, unfähig zu reagieren, während Chloe sich weiter mit der Eleganz einer Königin durch die Menge bewegte und mich in der Mitte des Raumes zurückließ.
Kurze Zeit später…
Die Stimme des Königs durchbrach die Stille und zog die Aufmerksamkeit erneut auf sich.
„Meine Tochter Chloe“, verkündete er voller Stolz. „Ihr habt alle die Gerüchte gehört. Sie ist in der Tat die Zukunft unseres Königreichs. Es ist mir eine große Freude, sie der Öffentlichkeit zum ersten Mal als meine Erbin vorzustellen.“
Wieder brach Beifall aus – doch ich klatschte nicht. Ich konnte nicht.
Chloe hatte keine Ahnung, wer ich war. Sie hatte alles ausgelöscht, was wir einst hatten, und stand nun da – umgeben von ihrer königlichen Familie und dem Leben, das sie sich ohne mich aufgebaut hatte.
Als ich so dastand, verloren in der Menge, wurde mir klar, was ich all die Zeit gespürt, aber nie akzeptieren wollte: Chloe war fort. Die Frau, die mich einst geliebt hatte – die Frau, die immer gewartet hatte, dass ich nach Hause komme –, existierte nicht mehr.
Und jetzt hatte ich keine Ahnung, wer diese Frau vor mir wirklich war.