Kapitel 2

1374 Worte
Lyras Perspektive {•HEUTE•] Ich wusste nicht, wer schneller war, Barry Allen oder meine hyperaktive Zweijährige. Sie sauste an mir vorbei, und ich hätte die Schachtel beinahe auf meine Füße fallen lassen. Ihr platinblondes Haar glänzte in den ordentlich gebundenen Zöpfen. „Eleanor, Schatz … du hast doch versprochen, dass du dich heute für Mama von deiner besten Seite zeigst, oder?“ Ich packte sie am Arm, während sie ununterbrochen kicherte und versuchte, sich zu befreien. Um ehrlich zu sein, hatte sie das nicht versprochen. „Nee. Ich werde ein böses Mädchen sein!“ Das war ganz allein die Schuld meiner Mutter. Sie liebte Punkrock und Heavy Metal. Und seit wir in unsere Heimatstadt zurückgezogen waren, hatte sich Eleanor in ihrem Wohnzimmer verschanzt und ihre Ohren mit allerlei unwiderstehlicher Heavy-Goth-Musik vollgestopft. „Die meisten Mädchen in deinem Alter würden Sachen mit Prinzessinnen-Motiven lieben, Schatz.“ Ich hob den Plastik-Zauberstab vom Tisch. „Weiche, rosa, vielleicht lila, grüne oder weiße Sachen.“ Sie neigte den Kopf zur Seite und nahm mir den Zauberstab ab. Bevor sie ihn sich in den Mund schob und darauf herumkaute. „Eleanor Edavanne Murray Carter!“ Sie kicherte. „Kleine Dame, du—“ Ich wurde durch das Aufleuchten meines Bildschirms unterbrochen. Mist, ich hatte mein Handy auf lautlos geschaltet. Ich setzte Eleanor auf meinen Schoß und ließ mich auf das Sofa sinken. „Hey, Mama.“ „Lyra, mein Schatz, wie geht es dir?“ Sie klang fröhlich. „Wie geht es meiner lieben Enkelin?“ Ich warf einen Blick auf Eleanor, die gerade versuchte, sich den Plastikstab in die Nase zu stecken. „Sie ist … zwei. Und das mit voller Begeisterung.“ Sie kicherte. „Das ist mein Mädchen.“ Eleanor lächelte zurück, ermutigt durch die Worte. Und stach sich dann fast mit dem Zauberstab ins Auge. „Mama –“ Ich nahm ihn ihr weg und schaltete den Lautsprecher ein. Mama fuhr fort. „Hör mal, Schatz, ich wollte mit dir über etwas reden.“ Sie klang viel zu ernst. „Stimmt… etwas nicht? Geht es dir gut?“ „Ja. Es geht nicht um mich, Schatz, es geht um dich.“ Sie hielt inne. „Lyra, Schatz, ich habe nachgedacht.“ „Worüber…?“ „Ich… weiß, dass du letzten Monat deinen Job bei der Marketingfirma verloren hast, und ich möchte dir helfen.“ Meine Hände legten sich um die schmollende Eleanor. „Mama…“ „Bitte, hör mir einfach zu. Ich habe etwas Geld beiseitegelegt. Ich kann dir genug geben, um die Miete und die Lebensmittel für die nächsten paar Monate zu bezahlen, während du dir einen neuen Job suchst. Du musst dich nicht so abmühen, nicht wenn du an Eleanor denken musst.“ Ich spürte, wie meine Wangen brannten. Sie hatte schon genug getan. Als ich die Scheidungspapiere unterschrieb und verschwand, kam ich nach Hause, und das Einzige, was ich hatte, waren die Kleider, die ich am Leib trug, und mein schwangerer Bauch. Sie hatte selbst zu kämpfen, aber sie bezahlte während meiner Schwangerschaft trotzdem alle Rechnungen und lehnte es ab, dass ich ihr etwas zurückgab. Ich schloss die Augen und fühlte mich schuldig. „Ich weiß das zu schätzen, Mama. Wirklich. Aber ich kann dein Geld nicht mehr annehmen.“ „Doch, das kannst du, ich bin deine Mutter.“ „Ich weiß, Mama … ich weiß. Und ich liebe dich dafür, dass du es anbietest. Aber ich muss das selbst regeln.“ „Lyra, es ist keine Schande, Hilfe von deiner eigenen Mutter anzunehmen.“ „Das weiß ich.“ Eleanor rutschte von meinem Schoß und watschelte zu ihrer Spielzeugkiste. „Aber ich habe mir schon etwas überlegt. Ich kümmere mich darum.“ Am anderen Ende der Leitung herrschte lange Stille. „Was meinst du damit, du kümmerst dich darum?“ Ich hatte vor, es ihr bald zu sagen. Aber ich wusste nicht, wie. „Ich bin … sei nicht böse, aber … ich … äh …“ Wie konnte ich das formulieren, ohne dass sie mir den Kopf abreißt? „Du bist was, Lyra? Du weißt, ich mag keine Spannung.“ Ich wickelte unbeholfen eine Haarsträhne um meinen kleinen Finger. „Ich vermiete den Westflügel des Hauses.“ Ich sagte es so schnell, dass ich mir nicht sicher war, ob sie meinen Satz verstanden hatte. Aber sie hatte ihn verstanden. Und es gefiel ihr definitiv nicht. „Du machst was?!” „Das Haus ist riesig, Mama. Vier Schlafzimmer, und ich nutze kaum die Hälfte davon. Der gesamte Westflügel steht einfach leer.“ Ich redete jetzt schneller, defensiver. „Ich kann ihn vermieten und das Geld stattdessen nutzen.“ „An einen Fremden? Lyra, auf keinen Fall.“ „Ich habe es bereits getan.“ Die Worte kamen schneller heraus, als ich beabsichtigt hatte. „Ich habe die Anzeige vor zwei Wochen geschaltet. Jemand hat sich gemeldet und wir haben ihn überprüft – nun ja, der Makler hat das gemacht, er hat eine Hintergrundüberprüfung durchgeführt und es gab keine Beanstandungen. Sie haben die vollen vier Monate im Voraus bezahlt.“ „Im Voraus? Lyra, das ist –“ „3.200 Dollar, Mama.“ „Dann gib das Geld zurück.“ Ihre mütterliche Autorität kam zum Tragen. „Das ist keine gute Idee. Du hast eine zweijährige Tochter in diesem Haus.“ „Vertrau mir, ich werde Eleanor beschützen.“ „Ich vertraue den Leuten nicht, Lyra. Mach das rückgängig. Gib ihnen das Geld zurück, Liebling, du kannst sie anrufen und erklären, dass sich die Situation geändert hat –“ „Das geht nicht.“ Ich rieb mir die Schläfe, als ich spürte, wie sich Kopfschmerzen ankündigten. „Ich habe bereits einen Teil davon für Lebensmittel, Eleanors Kita-Kaution für nächsten Monat und die überfällige Stromrechnung ausgegeben. Ich kann nicht einfach Geld zurückerstatten, das ich gar nicht mehr habe.“ Meine Mutter stieß einen frustrierten Laut aus. „Dann werde ich zusätzliche Schichten arbeiten und die Kosten decken ...“ „Mama, nein.“ Ich unterbrach sie entschieden. „Das tust du nicht. Du hast schon genug für mich getan. Mehr als genug sogar.“ „Lyra ...“ „Bitte, Mama. Vertrau mir doch mal. Ich habe mir das gut überlegt. Der Makler sagt, der Mieter hat Referenzen, ist unbescholten und alles stimmt überein. Es sind nur vier Monate. Das schaffe ich schon.“ Sie schwieg einen langen Moment. Dann gab sie schließlich nach. „Du bist genauso stur wie dein Vater, weißt du das?“ „Ich habe von den Besten gelernt.“ Ich versuchte, meiner Stimme etwas Leichtigkeit zu verleihen. „Hör mal, wenn irgendetwas nicht stimmt, ganz egal was … Ich verspreche dir, ich rufe dich sofort an und schicke Eleanor vorbei, okay?“ „Das solltest du besser.“ Gerade als ich das Gespräch beendete, klingelte es an der Tür. Mein Herz schlug wie wild. Es war zwei Uhr. Die Mieterin war pünktlich. „Eleanor, Schatz, komm her.“ Ich hob sie hoch und strich ihr über die platinblonden Zöpfe. „Erinnerst du dich, worüber wir gesprochen haben? Benimm dich vorbildlich, okay? Kannst du das für Mami tun?“ Sie blinzelte mich mit diesen moosgrünen Augen an, meinen Augen. „Eis danach?“ „Wenn du brav bist, ja. Eis danach.“ „Okay!“ Sie strahlte und zeigte ihre winzigen Zähne. Ich schnappte mir das Tablett mit den Willkommens-Cupcakes, die ich gestern Abend aus Stress gebacken hatte – Vanille mit Buttercreme-Glasur, verziert mit kleinen Blumen, weil ich nicht wusste, was ich sonst mit meiner nervösen Energie anfangen sollte. Ich hob Eleanor auf meine Hüfte, balancierte das Cupcake-Tablett in meiner anderen Hand und öffnete die Tür. „Hallo! Du musst wohl …“ Die Worte blieben mir im Hals stecken. Das Tablett wäre mir fast aus den Händen gerutscht. Nein. Nein. Vor meiner Haustür stand, im Gegenlicht der Nachmittagssonne, ein Mann mit schieferblauen Augen, die ich einst im Matheunterricht auswendig gelernt hatte. Cassian. Meine Lungen vergaßen, wie man atmet. Eleanors Gewicht an meiner Hüfte war das Einzige, was mich davon abhielt, zu Boden zu sinken. Was machte er hier? Wie hatte er mich gefunden? Doch dann bewegte er sich, und das Sonnenlicht fiel anders auf sein Gesicht. Moment mal … Das war nicht Cassian.
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN