Kapitel 2-3

490 Worte
* * * Nach dem Lärm und den Menschenmassen in Shanghai war die karge Landschaft der sibirischen Tundra geradezu beruhigend. Wäre es hier nicht so kalt, würde Saret den Besuch dieser abgelegenen Region im Norden Russlands wahrscheinlich genießen. Aber es war kalt. Die Temperaturen hier, ein wenig oberhalb des arktischen Kreises, waren niemals warm genug für einen Krinar, nicht einmal an einem heißen Sommertag. Allerdings lagen sie heute unter dem Gefrierpunkt, und Saret kontrollierte noch einmal, dass auch wirklich jeder Zentimeter seines Körpers mit Thermobekleidung bedeckt war, bevor er sein Schiff verließ. Das lange, graue Gebäude, welches sich vor ihm befand, war eines der hässlichsten Beispiele der sowjetischen Architektur. Stacheldrahtzaun und Wachtürme an jeder Ecke kennzeichneten das Gebäude als genau das, was es war – ein Hochsicherheitsgefängnis für die schlimmsten, gewalttätigsten Verbrecher ganz Russlands. Nur wenige Menschen wussten, dass dieser Ort existierte, was auch der Grund dafür war, weshalb Saret ihn für seine Experimente ausgewählt hatte. Er näherte sich ganz offen dem Tor, ohne sich Sorgen darüber zu machen, von den Kameras oder Satelliten aufgezeichnet zu werden. Für diesen Ausflug trug er eine von vielen Verkleidungen, die er im Laufe der Jahre entwickelt hatte. Diese Verkleidungen änderten nicht nur sein Aussehen, sondern sogar die äußerste Schicht seiner DNA und machten es somit fast unmöglich, seine wahre Identität herauszufinden. Die Menschen wussten, dass er ein Krinar war, aber das war auch schon alles. Als er nah genug herangekommen war, ging das Tor auf, und er ging hinein. Saret steuerte zügig das Gebäude an und wurde von dem Gefängnisdirektor begrüßt – einem dickbäuchigen Menschen mittleren Alters, der nach Alkohol und Zigaretten stank. Ohne ein Wort zu sagen, führte ihn der Direktor in sein Büro und schloss die Tür. »Und?«, fragte Saret den Russen, sobald sie allein waren. »Haben Sie die Daten, die ich bestellt habe?« »Ja«, sagte der Direktor langsam. »Die Ergebnisse sind ziemlich … ungewöhnlich.« »Inwiefern ungewöhnlich?« »Seit Ihrem letzten Besuch sind sechs Wochen vergangen«, antwortete der Mensch, und seine Hände spielten nervös mit einem Stift. »Im letzten Monat gab es nicht einen einzigen Mord. In den letzten drei Wochen gab es keine Kämpfe. Ich leite diesen Ort seit zwanzig Jahren und habe so etwas noch nie erlebt.« Saret lächelte. »Das glaube ich Ihnen ohne weiteres. Wie hoch war die Mordrate davor?« Der Mann öffnete einen Ordner und nahm ein Blatt Papier heraus, welches er Saret reichte. »Schauen Sie selbst. Normalerweise passieren pro Monat zwei bis drei Morde und pro Tag ein Kampf. Wir bekommen nicht heraus, was passiert ist. Es ist, als ob alle Insassen eine Persönlichkeitstransplantation bekommen hätten.« Sarets Lächeln wurde breiter. Wenn dieser Mensch nur die Wahrheit kennen würde. Zufrieden faltete er das Blatt Papier zusammen und steckte es in die Tasche seiner Thermohose. »Sie bekommen den Rest der vereinbarten Zahlung morgen«, sagte er zu dem Gefängnisdirektor und verließ den Raum. Er konnte es nicht erwarten, endlich wieder auf sein Schiff und raus aus der Kälte zu kommen.
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN