* * *
»Ich mag deine Eltern«, erklärte Mia Korum während des Essens. »Sie scheinen sehr nett zu sein.«
»Das sind sie auch«, sagte Korum und biss in ein Stück Jicama mit Granatapfelgeschmack. »Riani ist großartig. Chiaren auch, obwohl es scheint, dass wir manche Dinge aus sehr verschiedenen Perspektiven betrachten.«
»Warum?«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich bin mir nicht sicher. Es ist schon immer so gewesen. In manchen Sachen sind wir uns sehr ähnlich, in anderen dagegen völlig verschieden. Er hat niemals verstanden, warum ich meine ganze Zeit damit verbracht habe, meine Firma aufzubauen, anstatt einfach das Leben zu genießen und eine Partnerin zu finden, so wie er das getan hat. Und er hat mir nicht wirklich verziehen, dass ich Krina verlassen habe und Riani somit ihren einzigen Sohn genommen habe, obwohl ich sie häufig in der virtuellen Welt besuche.«
Mia lächelte, da sie in diesem Punkt auch ihre eigene Familie wiedererkannte. Es war für ihre Eltern schwierig gewesen, als sie zum Studieren nach New York gegangen war; sie konnte sich gar nicht vorstellen, wie sie damit zurechtgekommen wären, wenn sie in eine andere Galaxie verschwunden wäre. Sie konnte Korums Vater nicht wirklich einen Vorwurf machen, aufgebracht zu sein, besonders dann, wenn er den Ehrgeiz seines Sohnes nicht nachvollziehen oder bewundern konnte.
Sie dachte immer noch an Korums Familie, als sie langsam ihren Eintopf aß und die Kombination der geschmacksintensiven Wurzeln und Gemüsesorten Krinas genoss. Plötzlich schoss ihr ein beunruhigender Gedanke durch den Kopf. Sie legte ihr Besteck zur Seite und schaute Korum an.
»Würdest du jemals wieder nach Krina zurückkehren wollen?«, fragte sie und zog ihre Stirn leicht in Falten. »Du musst deine Eltern vermissen, und es scheint auch sehr schön dort zu sein …«
Er zögerte einen Augenblick. »Vielleicht eines Tages«, sagte er schließlich und sah sie mit einem unleserlichen, goldenen Blick an, »aber wahrscheinlich erst einmal für eine lange Zeit nicht.«
Mia fühlte, wie sich ihre Brust ein wenig zusammenzog. »Und was ist mit mir?«
»Du wirst natürlich mit mir mitkommen«, antwortete er beiläufig und nahm einen Schluck Wasser. »Was denn sonst?«
Sie atmete tief ein und versuchte, ruhig zu bleiben. »Zu einem anderen Planeten? Alles und jeden zurücklassend?«
Seine Augen verengten sich leicht. »Ich habe ja nicht gesagt, dass wir bald gehen werden, Mia. Vielleicht nicht einmal, solange deine Familie lebt. Aber es könnte sein, dass ich eines Tages Krina besuchen muss, und dann würde ich dich gerne mitnehmen.«
Mia blinzelte und schaute weg, da sich ihr Herz bei der Erinnerung an den großen Unterschied, der zwischen ihr und dem Rest der Menschheit bestand, zusammenzog. Dank der Nanozyten, die durch ihren Körper wanderten, würde sie niemals alt werden und sterben – aber das bedeutete gleichzeitig, ihre geliebte Familie zu überleben. Es ärgerte sie wahnsinnig, dass die Krinar Mittel hatten, die Lebensspanne eines Menschen ins Unendliche auszudehnen, sich aber dazu entschieden hatten, es nicht zu tun. Sie fühlte sich regelrecht schuldig, wenn sie über das ganze Thema nachdachte.
»Mia …« Korum streckte seinen Arm über den Tisch aus und nahm ihre Hand in seine. »Hör mir zu. Ich habe dir versprochen, für deine Familie eine Petition bei den Ältesten einzureichen, und habe auch schon mit den Formalitäten begonnen. Allerdings kann ich dir nichts versprechen, da ich noch nie von einer Ausnahme gehört habe, die für einen Menschen gemacht wurde, der kein Charl war.«
»Aber warum?«, fragte Mia frustriert. »Warum teilt ihr nicht einfach euer Wissen und eure Technologie mit uns? Warum bedeutet dieses Thema den Ältesten so viel?«
Korum seufzte, und sein Daumen strich über ihre Handfläche. »Das weiß niemand von uns so genau, aber es hat wohl etwas mit der Tatsache zu tun, dass ihr als Rasse immer noch sehr unvollkommen seid, und die Ältesten euch mehr Zeit für eure Entwicklung geben wollen …«
»Wir sind unvollkommen?« Mia starrte ihn ungläubig an. »Was soll das denn heißen? Sagst du gerade, wir weisen Mängel auf? So wie ein Autoteil, das nicht richtig funktioniert?«
»Nein, nicht wie ein Autoteil«, erklärte er ihr geduldig, und seine Finger griffen fester zu, als sie versuchte, ihre Hand wegzuziehen. »Eure Rasse ist ziemlich jung, das ist alles. Eure Gesellschaft entwickelt sich sehr schnell, was wahrscheinlich etwas mit eurer hohen Geburtenrate und kurzen Lebenserwartung zu tun hat. Wenn wir euch jetzt schon unsere Technologie geben würden, wenn jeder Mensch Tausende von Jahren leben könnte, dann würde euer Planet schnell überbevölkert sein … außer wir würden auch eure Geburtenrate verändern. Du siehst Mia, es geht um alles oder nichts: entweder wir kontrollieren alles, oder wir lassen euch im Großen und Ganzen so, wie ihr seid. Es gibt in diesem Fall keinen Mittelweg, meine Süße.«
Mia merkte, wie ihre Zähne aufeinanderschlugen. »Und warum überlasst ihr diese Entscheidung nicht den Menschen?«, fragte sie verärgert, »Warum lasst ihr sie nicht wählen, ob sie lieber sehr, sehr lange leben oder Kinder bekommen möchten? Ich bin mir sicher, dass viele sich für die erste Variante entscheiden würden, anstatt Tod und Krankheit zu begegnen.«
»So einfach ist das nicht, Mia«, entgegnete Korum und schaute sie ruhig an. »Überbevölkerung ist nicht das Einzige, worüber sich die Ältesten Gedanken machen. Jede Generation steuert etwas Neues zu eurer Gesellschaft bei und verändert sie zum Besseren. Noch vor zweihundert Jahren haben sich die Menschen in deinem Land keine Gedanken über die Sklavenhaltung gemacht. Und jetzt finden sie sie furchtbar – weil Generationen vergangen sind und sich die Werte geändert haben. Denkst du, ihr hättet die Sklavenhaltung aufgeben können, wenn die gleichen Menschen, die damals Sklaven besaßen, immer noch auf der Welt wären? Der Fortschritt eurer Gesellschaft wäre sehr viel langsamer gewesen, wenn wir einfach einheitlich eure Lebenserwartung verlängert hätten – und das möchten die Ältesten bis jetzt einfach nicht.«
»Also sind wir einfach nur ein Experiment«, sagte Mia und konnte die Bitterkeit nicht aus ihrer Stimme verbannen. »Ihr wollt einfach sehen, was aus uns wird, und es ist euch egal, wie viele von uns dabei leiden müssen …«
»Die Menschen wären überhaupt nicht hier und würden nicht leiden können, wenn die Krinar nichts gemacht hätten, meine Süße«, unterbrach er sie und war über ihren Zornesausbruch leicht amüsiert. »Du scheinst diese Tatsache immer sehr leicht zu vergessen.«
»Richtig, ihr habt uns erschaffen, also könnt ihr jetzt Gott spielen.« Sie merkte, wie ihr alter Ärger wieder hochkam und sie Lust hatte, wegen dieser Ungerechtigkeit handgreiflich zu werden. So sehr sie Korum auch liebte, manchmal wollte sie wegen seiner Arroganz einfach nur schreien.
Er grinste und war völlig unbeeindruckt von ihrer Wut. Seine Finger lockerten ihren Griff um ihre Hand, berührten sie sanft und begannen wieder, sie zu streicheln. »Mir fallen da ganz andere Dinge ein, die ich gerne spielen würde«, murmelte er, und seine Augen begannen, sich mit goldener Hitze zu füllen.
Und während Mia ihn ungläubig anschaute, schob er den schwebenden Tisch weg, der vorher zwischen ihnen gestanden hatte. Er hielt ihre Hand immer noch fest und zog sie zu sich, bis ihr nichts anderes übrig blieb, als sich rittlings auf seinen Schoß zu setzen.
»Denkst du, dass s*x alles besser machen wird?«, fragte sie und ärgerte sich darüber, dass ihr Körper wie immer unvermeidbar auf seine Nähe reagierte. Egal wie wütend sie auf ihn war, alles, was er tun musste, war, sie auf eine bestimmte Art und Weise anzuschauen, und sie war völlig verloren, nur noch ein Häufchen Verlangen.
»Hmm-mm …« Er beugte sich gerade nach vorne, um ihren Hals zu küssen, und sein Mund fühlte sich heiß und feucht auf ihrer nackten Haut an. »Sex macht immer alles besser«, flüsterte er und knabberte an dem empfindlichen Verbindungspunkt von Hals und Schulter.
Und für die nächsten Stunden hatte Mia dieser Aussage nichts entgegenzusetzen.