Je weiter ich in den Schwarzwald hineinlief, desto mehr fühlte sich die Luft in meinen Lungen wie Glasscherben an. Die Ablehnung war nicht nur ein Herzschmerz, sie war ein physisches Gift. Jeder Schritt, den ich mich von Kaelen entfernte, fühlte sich an, als würde mein Herz durch ein Schlüsselloch gezogen.
Ich brach in einer kleinen Schlucht zusammen, meine Finger gruben sich in den gefrorenen Schlamm. Mein Körper zuckte.
„Er will uns nicht“, wimmerte meine Wölfin in meinem Kopf. Ihre Stimme wurde leiser und verwandelte sich in ein gespenstisches Echo. „Die Bindung ist dunkel, Elara. Sie wird dunkel.“
Ich wusste, was sie meinte. Wenn ein Alpha einen Partner zurückweist – insbesondere einen, der sich noch nicht vollständig verwandelt hat –, kann der Schock tödlich sein. Die meisten Omegas starben innerhalb von achtundvierzig Stunden nach einer öffentlichen Zurückweisung. Ihre Wölfe gaben einfach auf, und ihre Herzen folgten ihnen.
„Ich werde dich nicht sterben lassen“, keuchte ich und umklammerte meinen Bauch, als eine neue Welle der Qual mich durchfuhr. „Er ist nur ein Mensch.“
„Er ist unser Alpha“, schrie sie. „Ohne das Rudel sind wir nichts.“
„Dann werden wir zusammen nichts sein“, knurrte ich, während der Schmerz endlich einen Funken Wut in mir entfachte.
Diese Wut war der Auslöser.
Plötzlich verschwand die Kälte des Waldes und wurde durch eine weißglühende Hitze ersetzt, die an der Basis meiner Wirbelsäule begann. Sie unterschied sich von dem Schmerz der Zurückweisung. Dies war strukturell. Dies war die Verwandlung, auf die ich mein ganzes Leben lang gewartet hatte und die im ungünstigsten Moment eintrat.
Meine Knochen bewegten sich nicht nur, sie zerbrachen und formten sich neu. Ich schrie, aber der Laut, der meine Kehle verließ, war ein feuchtes, kehliges Heulen. Meine Haut fühlte sich an, als würde sie von Blitzen durchbohrt.
Ich erwartete einen kleinen, grauen Wolf – das Zeichen eines rangniedrigen Omegas. Ich erwartete, ein Aasfresser zu sein, ein Wesen, das für die Schatten bestimmt war.
Aber als meine Sicht verschwamm und meine Sinne sich auf erschreckende Weise schärften, spürte ich die schiere Größe der Gestalt, die ich annahm. Ich spürte die Kraft, die in meinen Pfoten pulsierte, als sie auf den Boden trafen.
Ich blickte auf meine Gliedmaßen hinunter. Ich war nicht grau. Ich war nicht braun.
Mein Fell war weiß wie ein frisches Leichentuch und leuchtete im Mondlicht mit einer ätherischen, silbernen Lumineszenz. Ich war groß – größer als eine typische Wölfin, fast so groß wie ein Beta.
„Elara?“, meine Wolfsstimme war kein Wimmern mehr. Es war ein hallender, eindringlicher Ton. „Wir sind ... anders.“
Ich hatte keine Zeit, das silberne Fell oder die seltsame Kraft, die durch mich floss, zu verarbeiten. Der Wald war still geworden. Die Vögel hatten aufgehört zu zwitschern, die Grillen waren verstummt.
Etwas kam auf uns zu.
Der Geruch schlug mir entgegen – verdorbenes Fleisch und nasses Fell. Einzelgänger.
Im Gebiet von Blood Moon wurden Einzelgänger mit dem Schwert des Henkers bestraft. Es waren Wölfe, die ihren Verstand an die Blutgier verloren hatten, Ausgestoßene, die sich von allem ernährten, was sich bewegte. Und sie konnten eine frische Verwandlung aus kilometerweiter Entfernung riechen.
Drei von ihnen tauchten aus dem Unterholz auf. Sie waren räudig, ihre Augen leuchteten unnatürlich, fiebrig rot. Sie umkreisten die Schlucht, ihre Lippen zurückgezogen, sodass man ihre vergilbten, von Speichel tropfenden Reißzähne sehen konnte.
„Schau dir das an“, zischte einer von ihnen in der Gedankenverbindung – eine abgehackte, unterbrochene Verbindung. „Ein kleiner weißer Snack, ganz allein in der Dunkelheit. Hat dich dein Rudel verstoßen, kleines Lämmchen?“
Ich versuchte zu knurren, aber ich war noch schwach von der Ablehnung. Meine Beine zitterten. Ich war ein neugeborener Wolf, der drei erfahrenen Killern gegenüberstand.
„Sie ist eine Weiße“, stellte der größte Einzelgänger fest, seine Stimme ein leises Grollen der Gier. „Die Sammler im Süden würden ein Vermögen für eine solche Haut bezahlen. Oder wir könnten einfach probieren, wie sie schmeckt.“
Der Große stürzte sich auf mich.
Mein Instinkt übernahm die Kontrolle. Ich bewegte mich nicht wie ein unterwürfiges Omega. Ich bewegte mich wie ein silberner Lichtblitz. Ich schnappte mit den Kiefern zu und erwischte die Schulter des Einzelgängers. Der Geschmack seines kupferfarbenen Blutes explodierte in meinem Mund, und statt Ekel verspürte ich eine Welle räuberischen Hungers.
Aber sie waren zu dritt.
Die anderen beiden rammten mich in die Rippen und schlugen mir die Luft weg. Ich stürzte zu Boden, mein weißes Fell, auf das ich so stolz war, war nun mit Schlamm und Blut befleckt. Einer von ihnen versenkte seine Zähne in meiner Hüfte, und ich stieß einen schmerzerfüllten Schrei aus.
Ist es nun soweit? dachte ich bitter. Um acht Uhr abends von meinem Partner verstoßen und um Mitternacht von Raufbolden gefressen?
Gerade als der größte Rogue sich meiner Kehle näherte, durchdrang ein Geräusch den Wald, das sogar die Rogues erstarren ließ.
Es war kein Heulen. Es war ein Brüllen – tiefer und urzeitlicher als alles, was ein Wolf hervorbringen können sollte.
Ein Schatten, dunkler als die Nacht selbst, sprang über den Rand der Schlucht. Es war ein Wolf, aber es war ein Monster. Er war fast doppelt so groß wie die Schurken, sein Fell war von einem furchterregenden, abgrundtiefen Schwarz, das das Mondlicht zu verschlucken schien. Seine Augen waren weder golden noch rot. Sie waren von einem durchdringenden, eisigen Blau.
Mit zwei verschwommenen Bewegungen riss er dem ersten Schurken die Kehle heraus und zertrümmerte dem zweiten den Schädel. Der dritte Schurke versuchte nicht einmal zu kämpfen; er drehte sich um und rannte in die Dunkelheit, winselnd wie ein Welpe.
Der riesige schwarze Wolf verfolgte ihn nicht. Stattdessen wandte er sich mir zu.
Ich wich zurück, den Schwanz zwischen den Beinen, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Das war kein Rudelwolf. Das war etwas viel Gefährlicheres.
Er trat ins Mondlicht, seine massigen Pfoten waren lautlos auf den Blättern. Er senkte den Kopf und schnüffelte an der Luft um mich herum. Er verweilte in der Nähe meines Halses, wo die unsichtbare Narbe von Kaelens Ablehnung noch frisch war und in meiner Seele blutete.
Er stieß ein leises, vibrierendes Knurren aus – nicht aus Aggression, sondern aus etwas, das wie ... Anerkennung klang.
Dann begann sich der schwarze Wolf zu verwandeln.
Knochen knackten und Haut dehnte sich, bis ein Mann vor mir stand. Er war groß, vernarbte und strahlte die Aura eines Königs aus, der durch die Hölle gegangen war. Er sah nicht aus wie die verwöhnten Alphas des Blood Moon Rudels. Er sah aus wie ein Kriegsgott.
Er streckte eine Hand aus, seine Augen ruhten auf meinen silbernen.
„Eine verstoßene Weiße“, sagte der Mann mit einer Stimme wie Kies und Samt. „Kaelen Blackwood ist ein größerer Narr, als ich gedacht hatte.“
Ich wich zurück, aber er bewegte sich nicht.
„Hab keine Angst, Elara“, flüsterte er.
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Woher kannte er meinen Namen?
„Ich habe darauf gewartet, dass du aufwachst“, sagte er mit einem dunklen, gefährlichen Lächeln auf den Lippen. „Mein Name ist Silas Vane. Und wenn du sie den Tag deiner Geburt bereuen lassen willst ... dann kommst du mit mir.“
Silas Vane. Der Name ließ mich erschauern. Er war der Schatten-Alpha. Der Mann, den Kaelens Vater seit zehn Jahren zu töten versuchte.
Der Feind meines Feindes.
Ich sah auf seine ausgestreckte Hand, dann zurück in Richtung des Rudels, das mich verstoßen hatte. Ich sah das Blut auf meinem weißen Fell.
Ich verwandelte mich zurück, meine menschliche Haut war kalt und zitterte, aber mein Blick war fest. Ich nahm seine Hand nicht, um gerettet zu werden. Ich nahm sie, weil ich das Blutmondrudel niederbrennen wollte.
„Lehre mich“, krächzte ich.
Silas legte seinen Umhang um meine nackten, zitternden Schultern. „Oh, kleiner Wolf. Ich werde viel mehr als das tun.“