Kapitel 3

1303 Worte
Drei Monate später Die Luft in den Northern Peaks war nicht nur beißend kalt, sie verschlang einen regelrecht. Hier, im Gebiet des Shadow Packs, wurden die Schwachen noch vor Sonnenaufgang vom Schnee begraben. Ich stand am Rand eines zerklüfteten Abgrunds und atmete gleichmäßig und kontrolliert, sodass mein Atem in kleinen Frostwolken aus meinem Mund kam. Ich war nicht mehr das Mädchen in dem Secondhand-Kleid. Meine Rippen waren nicht mehr durch meine Haut zu sehen, sondern hatten schlanken, funktionellen Muskeln Platz gemacht. Mein Haar, einst stumpf und spröde, fiel nun wie ein dichter, dunkler Vorhang über meinen Rücken. Aber die größte Veränderung war nicht äußerlich. Es war der kalte, harte Stein, der sich anstelle meines Herzens befand. „Konzentrier dich, Elara“, dröhnte eine Stimme aus der Dunkelheit hinter mir. Ich drehte mich nicht um. Das brauchte ich nicht. Ich konnte das Leder und den kalten Regen riechen, die Silas Vane immer begleiteten. „Ich bin konzentriert.“ „Dann zeig es mir.“ In einem Augenblick veränderte sich die Atmosphäre. Silas gab keine Warnungen. Er bewegte sich mit der Geschwindigkeit eines Albtraums. Ich spürte den Luftzug, als er sich auf mich stürzte, seine Hand zielte auf meine Kehle. Vor sechs Monaten hätte ich mich geduckt. Vor drei Monaten wäre ich gestolpert. Heute ließ ich mich fallen. Ich schwang mein Bein in einem brutalen Bogen und erwischte Silas am Knöchel. Er sprang mühelos darüber hinweg, aber ich war bereits in Bewegung und drehte meinen Körper, um ihm einen Handflächenschlag gegen die Brust zu versetzen. Er packte mein Handgelenk mit eisernem Griff, drehte mich herum und drückte meinen Rücken gegen seine Brust. Sein Herz schlug gleichmäßig und rhythmisch gegen meinen Rücken. „Besser“, flüsterte er mir ins Ohr, sein Atem sandte eine andere Art von Schauer durch mich hindurch. „Deine menschliche Gestalt holt deine Wolfsgestalt ein. Aber du hältst dich immer noch zurück. Warum?“ „Das tue ich nicht“, zischte ich und wehrte mich gegen seinen Griff. „Doch, das tust du. Du hast Angst vor der Weißen.“ Er ließ mich los und trat zurück, um mir in die Augen zu sehen. Sein eisblauer Blick schien meine Seele zu durchdringen. „Du denkst, wenn du sie vollständig herauslässt, verlierst du das letzte bisschen von Elara Vance. Die Wahrheit ist, dass Elara Vance im Schlamm des Blutmondhains gestorben ist. Je eher du aufhörst, um sie zu trauern, desto eher kannst du sie töten.“ Die Erwähnung des Blutmondrudels ließ meine Sicht rot werden. Das Zeichen der Ablehnung auf meiner Seele – normalerweise ein dumpfer Schmerz – pochte mit frischem Gift. „Ich trauere nicht um sie“, spuckte ich. „Ich hasse sie dafür, dass sie schwach genug war, ihn zu lieben.“ Silas ging zum Rand der Klippe und blickte auf den sich unter ihm ausbreitenden dunklen Wald hinunter. „Kaelen Blackwood hält in zwei Wochen seine Alpha-Aufstiegszeremonie ab. Die benachbarten Rudel wurden eingeladen. Einschließlich ... Ehrengäste.“ Mein Puls schlug schneller. „Du gehst hin.“ „Wir gehen hin“, korrigierte Silas und wandte sich mit einem raubtierhaften Glitzern in den Augen zu mir um. „Die Welt glaubt, dass der ‚abgelehnte Omega‘ sich in ein Loch verkrochen hat und an gebrochenem Herzen gestorben ist. Stell dir seinen Gesichtsausdruck vor, wenn er die tödlichste Waffe des Schatten-Alphas sieht – und erkennt, dass sie sein verworfenes Mal trägt.“ „Er wird mich nicht erkennen“, sagte ich und blickte auf meine vernarbten Hände. „Oh doch, das wird er. Die Paarbindung ist ein Fluch, Elara. Sie stirbt nie wirklich, sie verrottet nur. Er wird den Duft von Ozon und Zeder riechen und erkennen, dass die Mondgöttin ihm keinen Schwächling geschenkt hat. Sie hat ihm eine Königin geschenkt, die er nicht stark genug war, zu behalten.“ Silas trat näher und streckte die Hand aus, um mir eine lose Haarsträhne hinter das Ohr zu stecken. Seine Berührung war elektrisierend, aber es fehlte ihr das qualvolle Brennen von Kaelens Berührung. Bei Silas fühlte es sich wie Kraft an. Wie ein aufziehender Sturm. „Verwandle dich für mich“, befahl er. „Versteck dich nicht länger. Lass das Weiße laufen.“ Ich schloss die Augen und griff tief in mein Innerstes. Ich hörte auf, gegen das silberne Licht anzukämpfen. Ich ließ die Wut und den Verrat zum Treibstoff für das Feuer werden. Die Verwandlung erfolgte nun augenblicklich. Keine knackenden Knochen mehr, nur noch ein nahtloser Übergang in das Tier. Ich stand als Weißer Wolf vor Silas. Mein Fell schimmerte mit unnatürlichem Glanz und warf sein eigenes Licht auf den Schnee. Ich war jetzt größer, meine Schultern breiter, meine Augen durchdringend und intelligent violett. Silas kniete vor mir nieder, eine seltene Geste des Respekts von einem Mann, der sich vor niemandem verbeugte. Er fuhr mit seiner Hand durch das dichte Fell an meinem Hals. „Wunderschön“, murmelte er. „Und tödlich. Morgen beginnen wir mit der letzten Phase deiner Ausbildung. Du wirst lernen, deinen Geruch zu verbergen. Wenn wir den Ballsaal betreten, wird Kaelen Blackwood nicht wissen, dass du es bist, bis es viel zu spät ist.“ Währenddessen, im Blutmond-Rudel ... Kaelen Blackwood saß im Büro des Alphas, ein Glas teuren Bourbon in der Hand, das leicht zitterte. Der Raum war dunkel, bis auf die erlöschenden Glut im Kamin. Die Tür quietschte, als sie sich öffnete, und Seraphina schlenderte herein, nur mit einem durchsichtigen Nachthemd bekleidet. Sie legte sich über seine Schultern, ihr Duft nach Lilien und Moschus erfüllte seine Nase. „Du grübelst wieder, Kaelen“, schnurrte sie und küsste seinen Hals. „Die Zeremonie steht kurz bevor. Du solltest feiern. Du bist dabei, der mächtigste Alpha in der Region zu werden.“ Kaelen antwortete nicht. Er starrte ins Feuer. „Ist es wegen diesem Mädchen?“ Seraphinas Stimme wurde scharf, ihre Finger gruben sich in seine Schultern. „Der Omega? Es ist Monate her. Sie ist tot, Kaelen. Niemand überlebt eine solche Zurückweisung ohne ein Rudel. Sie ist inzwischen Wolfsfutter.“ „Ich weiß“, knurrte Kaelen mit rauer Stimme. Aber er wusste es nicht. Seit Wochen konnte er nicht mehr schlafen. Sein Wolf war unruhig, lief in seinem Kopf auf und ab und schnüffelte ständig in der Luft nach einem Geruch, der nicht existieren sollte. Ozon und Zeder. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er Elaras Gesicht – nicht das unscheinbare, weinende Mädchen, das er zurückgewiesen hatte, sondern eine Version von ihr, die seine Träume heimsuchte. Eine Version, die ihn mit Augen voller kaltem, gnadenlosem Feuer ansah. „Sie war ein Fehler“, murmelte Kaelen, mehr zu sich selbst als zu Seraphina. „Die Göttin hat sich geirrt.“ „Genau“, sagte Seraphina und beugte sich vor, um ihm ins Ohr zu flüstern. „Ich bin deine Zukunft. Ich bin deine Stärke. Vergiss den Geist, Kaelen.“ Kaelen trank sein Glas leer, doch das Brennen des Alkohols konnte den leeren Schmerz in seiner Brust nicht lindern. Er hatte alles, was er sich jemals gewünscht hatte: Macht, die perfekte Partnerin, den Respekt seines Rudels. Warum fühlte er sich dann wie jemand, der in die Dunkelheit verbannt worden war? Er stand auf und schüttelte Seraphina ab. „Ich brauche frische Luft.“ Er ging auf den Balkon hinaus und blickte in Richtung der Nordgipfel. Der Wind trug ein seltsames, fernes Heulen herbei – ein Geräusch, das eindringlich schön und erschreckend vertraut war. Sein Wolf stand auf, die Ohren gespitzt, ein leises Winseln vibrierte in seiner Kehle. „Sie ist tot“, flüsterte Kaelen in die Nacht hinein. „Das muss sie sein.“ Aber tief in seinem Inneren, an der Stelle, an der die Verbindung unterbrochen worden war, begann ein winziger Funke zu flackern. Es war keine Liebe. Es war Angst.
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