Der Spiegel im Obsidianpalast des Schattenclans log nicht, aber ich konnte kaum glauben, was er mir zeigte.
Die Frau, die mich anstarrte, war mir fremd. Meine Haut, einst blass und fahl vor Unterernährung, hatte nun trotz der Winter im Norden einen gesunden, sonnengeküssten Glanz. Meine Augen, die früher vor ständiger Angst weit aufgerissen waren, waren nun tief liegend und scharf, die violetten Flecken im Grau leuchteten mit innerer Hitze.
Ich trug ein Kleid aus „Schattenseide“ – einem Stoff, der einzigartig in Silas' Gebiet war und das Licht um sich herum zu verschlucken schien. Es war tief mitternachtsblau, fast schwarz, mit einem gewagten Ausschnitt und einem Schlitz, der bis zur Mitte des Oberschenkels reichte und die blasse, silberne Narbe auf meinem Bein zeigte, die ich von dem Angriff des Schurken davongetragen hatte.
Es war das Kleid einer Frau, die auffallen wollte. Es war das Kleid einer Frau, die sich nicht mehr versteckte.
„Die duftmaskierende Halskette“, sagte Silas, als er den Raum betrat. Er trug formelle Alpha-Kleidung – schwarzes Leder, silberne Schnallen und einen schweren Pelzmantel, der ihn wie einen König der alten Welt aussehen ließ.
Er hielt eine zarte Kette aus schwarzen Diamanten in der Hand. In der Mitte hing ein blutroter Stein – ein Drachenherz.
„Das wird deinen Geruch dämpfen“, erklärte Silas und trat hinter mich, um mir das Schmuckstück um den Hals zu legen. Seine Finger fühlten sich kalt auf meiner Haut an, aber seine Anwesenheit gab mir Halt. „Für die anderen Alphas wirst du nur wie eine mächtige, unverpaarte Frau aus dem Schattenrudel riechen. Kaelen wird eine Anziehungskraft spüren – die Verbindung ist zu tief, um sie vollständig zu verbergen –, aber er wird nicht genau sagen können, warum du ihm so vertraut vorkommst.“
Ich berührte den Stein. „Und wenn ich will, dass er es weiß?“
Silas’ Lippen verzogen sich zu einem dunklen Lächeln. „Dann nimmst du ihn einfach ab. Aber nicht vor dem Toast. Lass ihn zuerst unter dem Geheimnis leiden. Lass ihn sich fragen, warum sein Herz für eine „Fremde“ rast, während seine auserwählte Luna neben ihm steht.“
Ich drehte mich zu ihm um. „Geht es hier nur um meine Rache, Silas? Oder gibt es einen Grund, warum du mir hilfst, das Blutmond-Rudel zu demütigen?“
Silas’ Blick verhärtete sich, seine eisigen Augen verwandelten sich in Glassplitter. „Das Blood Moon Pack ist fett und arrogant geworden. Sie halten sich für die Hüter des Gesetzes. Ich möchte, dass sie erkennen, dass der ‚Abfall’, den sie wegwerfen, letztendlich ihr Haus niederbrennen wird. Außerdem ...“ Er streckte die Hand aus und strich mit seinem Daumen über meine Unterlippe. „Eine Wölfin wie du verdient eine Bühne, die ihrem Fell würdig ist.“
Die Spannung zwischen uns war greifbar – scharf, gefährlich und berauschend. Für einen Moment fragte ich mich, wie es wohl wäre, wenn Silas mein Partner wäre und nicht der Mann, der mich zerstört hatte. Aber ich verdrängte diesen Gedanken. Ich konnte mir kein Herz leisten. Noch nicht.
„Die Kutsche steht bereit“, sagte Silas und ließ seine Hand sinken. „Es ist eine zweitägige Reise bis zur Grenze. Bist du bereit, an den Ort zurückzukehren, an dem du gestorben bist?“
Ich griff nach meinem Umhang, und das silberne Fell meiner Wolfsgestalt schien vor Vorfreude unter meiner Haut zu schimmern. „Ich kehre nicht an den Ort zurück, an dem ich gestorben bin. Ich kehre an den Ort zurück, an dem ich wiedergeboren werde.“
Die Reise zum Gebiet der Blutmond-Wölfe war eine verschwommene Erinnerung an schneebedeckte Kiefern und stille Anspannung. Als wir die unsichtbare Grenze meines alten Rudels überquerten, spürte ich es – das territoriale Summen in meinem Blut. Es war wie ein tiefes Brummen, eine Warnung, dass ich mich auf Land begab, das einst meine Heimat gewesen war.
Früher hätte mich dieses Gefühl dazu gebracht, meinen Kopf in Unterwerfung zu senken. Jetzt wollte ich nur noch knurren.
Als unsere schwarz-silberne Kutsche durch das Ruderdorf in Richtung des Anwesens des Alphas rollte, blieben die Menschen stehen und starrten uns an. Das Blutmond-Rudel war es gewohnt, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, aber der schiere Reichtum und die Macht, die von der Delegation des Schattenrudels ausging, waren beispiellos.
„Sieh sie dir an“, flüsterte ich und spähte durch das getönte Glas. „Sie sehen alle genau gleich aus. Gleiche Häuser, gleiche vorurteilsvolle Gesichter.“
„Und du bist das Einzige, was sich verändert hat“, erinnerte mich Silas. „Denk daran: Du bist ein Ehrengast. Du bist die Stellvertreterin des Schatten-Alphas. Du verbeugst dich nicht. Du schaust nicht weg.“
Die Kutsche hielt vor dem massiven Steinhaus. Es waren dieselben Stufen, auf denen ich als Kind den Boden geschrubbt hatte. Es war derselbe Balkon, auf dem Kaelen gestanden hatte, als er mir meine Ablehnung mitteilte.
Die Türen wurden von Wachen in formellen roten Uniformen geöffnet. Musik und der Duft teuren Weins strömten auf die Auffahrt.
Silas stieg als Erster aus und reichte mir seine Hand. Als ich ausstieg, schien die Welt still zu werden. Die Wachen, die mich seit achtzehn Jahren als „die Kleine“ kannten, zuckten nicht einmal mit der Wimper, um mich zu erkennen. Sie starrten nur mit offenem Mund auf die atemberaubende, geheimnisvolle Frau am Arm des Schatten-Alphas.
Wir betraten den Ballsaal. Es war ein Meer aus Gold und Rot, gefüllt mit der Elite der Werwolfwelt.
Und dort, am anderen Ende des Saals, auf dem erhöhten Podest, stand Kaelen Blackwood.
Er sah in jeder Hinsicht wie ein Alpha aus – mächtig, arrogant und atemberaubend gutaussehend. Neben ihm stand Seraphina, in Gold gehüllt, den Kopf hoch erhoben, während sie den Raum überblickte, als gehöre er ihr bereits.
Doch in dem Moment, als wir eintraten, drehte Kaelen seinen Kopf zu uns um.
Selbst aus fünfzehn Metern Entfernung konnte ich sehen, wie sich seine Nasenflügel blähten. Er atmete tief ein und runzelte verwirrt die Stirn. Seine goldenen Augen fixierten meine, und für den Bruchteil einer Sekunde sah ich es – einen Ausdruck absoluter, tiefster Bestürzung.
Er wusste nicht, wer ich war. Aber sein Wolf ... sein Wolf schrie.
„Bleib ruhig“, murmelte Silas und drückte meine Hand fester, als wir den langen Weg zum Podium antraten. „Die Jagd hat offiziell begonnen.“