Die fünfzig Meter bis zum Podium kamen mir wie fünfzig Meilen vor. Alle Augen im Raum waren auf uns gerichtet. Ich konnte ihre Verwirrung wie eine physische Last spüren – warum war der zurückgezogen lebende, gefährliche Shadow Alpha hier, und wer war die atemberaubende Kreatur an seinem Arm?
Ich hielt mein Kinn hoch und ließ die eisige Gleichgültigkeit wirken, die Silas mir in den letzten drei Monaten eingeimpft hatte. Ich war nicht mehr Elara, die Zwergin. Ich war eine Waffe, umhüllt von Seide.
Als wir die Stufen zum Podium erreichten, umhüllte mich Kaelens Duft. Es war dieselbe kräftige Mischung aus Ozon und Kiefer, die meine erste Verwandlung ausgelöst hatte, aber jetzt ließ sie meine Knie nicht mehr vor Sehnsucht weich werden. Sie ließ mein Blut mit kalter, berechnender Wut kochen.
„Alpha Blackwood“, dröhnte Silas' Stimme, sanft und tief, und durchdrang den stillen Raum. „Eine großartige Versammlung. Das Schattenrudel dankt Ihnen für die Einladung, Zeuge Ihrer ... Erhebung zu sein.“
Die Art, wie Silas „Erhebung“ sagte, klang bemerkenswert ähnlich, als meine er „Untergang“.
Kaelen stieg die letzte Stufe hinunter, um uns auf dem Boden zu treffen, Seraphina klammerte sich wie ein goldener Parasit an seinen Arm. Aus der Nähe waren die Veränderungen, die Kaelen in den letzten Monaten durchgemacht hatte, offensichtlich. Er war immer noch umwerfend gutaussehend, aber unter seinen goldenen Augen lagen Schatten, und sein Kiefer war angespannt, was vorher nicht der Fall gewesen war.
Er sah Silas kaum an. Sein Blick war mit einer Intensität auf mich gerichtet, die fast erdrückend war. Die Halskette „Dragon’s Heart“ fühlte sich schwer auf meiner Brust an und pulsierte warm, während sie gegen die Partnerbindung ankämpfte, die zwischen uns zu entstehen versuchte.
„Alpha Vane“, antwortete Kaelen mit einer Stimme, die angespannter war als sonst. „Wir fühlen uns geehrt, dass Sie von Ihrem Berg heruntergekommen sind.“ Er wandte seine Aufmerksamkeit ganz mir zu. „Und Ihre Begleiterin? Ich glaube, wir wurden noch nicht vorgestellt.“
Er erkannte mich nicht. Die Erleichterung war überwältigend, gefolgt von einer neuen Welle der Kränkung. Ich hatte achtzehn Jahre lang in seinem Haus gelebt, seine Böden geschrubbt, ihn beim Aufwachsen beobachtet, und er erkannte nicht einmal meine Knochenstruktur. Ich hatte ihm wirklich nichts bedeutet.
„Das ist Lyra“, stellte Silas sie geschickt vor und benutzte dabei den Decknamen, den wir gewählt hatten. „Meine Stellvertreterin.“
Ein Raunen ging durch die Menge. Eine weibliche Stellvertreterin war selten. Eine weibliche Stellvertreterin im brutalen Schattenrudel war unbekannt.
Kaelen hob die Augenbrauen. „Ihre Stellvertreterin? Sie wirkt ... zu zart für eine solche Position.“
Bevor Silas etwas erwidern konnte, sprach ich zum ersten Mal. Meine Stimme, die trainiert worden war, tiefer und sanfter zu klingen, hatte nichts mehr mit dem stotternden Flüstern zu tun, das ich früher gehabt hatte.
„Zartheit ist oft nur die Hülle für die Klinge, Alpha Blackwood. Ich versichere Ihnen, dass ich durchaus in der Lage bin, mich zu behaupten.“
Kaelens Augen weiteten sich leicht bei diesem Tonfall. Es war eine Herausforderung. Keine Frau in diesem Rudel sprach so mit ihm – außer vielleicht Seraphina, und selbst sie kannte ihren Platz.
Seraphina sträubte sich, weil sie eine Bedrohung spürte. Sie trat vor und musterte mich mit unverhohlener Eifersucht von oben bis unten. „Das ist ein hübsches Kleid, meine Liebe. Allerdings vielleicht etwas zu dramatisch für eine einfache Feier. Es sieht aus wie etwas, das man zu einer Beerdigung tragen würde.“
Ich lächelte, ein langsames, raubtierhaftes Lächeln, das ich von Silas gelernt hatte. „Vielleicht erwarte ich ja eine.“
Seraphina schnappte nach Luft, und Kaelen blickte verwirrt zwischen uns hin und her, hin- und hergerissen zwischen seiner Verwirrung und der seltsamen Anziehungskraft, die er auf mich verspürte.
Bevor die Spannung eskalieren konnte, begann das Orchester in der Ecke einen langsamen, schweren Walzer zu spielen.
Die Tradition schrieb vor, dass der Alpha mit seiner zukünftigen Luna den Tanz eröffnete. Kaelen hätte sich Seraphina zuwenden müssen.
Das tat er nicht.
Seine Augen waren auf meine fixiert und brannten vor einer Mischung aus Frustration, l**t und einem beängstigenden Gefühl der Vertrautheit, das er nicht einordnen konnte. Es machte ihn wahnsinnig. Ich konnte es an ihm riechen – die Verwirrung, das Bedürfnis, es zu wissen.
Wie ein Besessener trat Kaelen von Seraphina zurück und streckte mir seine Hand entgegen.
„Tanz mit mir, Lyra.“
Es war keine Bitte, sondern ein Befehl eines Alphas.
Der Raum hielt hörbar den Atem an. Seraphina sah aus, als hätte man ihr eine Ohrfeige gegeben. Ihre perfekte Fassade barst, enthüllte ein Knurren purer Wut, bevor sie sich schnell wieder fasste, ihre Knöchel wurden weiß, als sie ihr Kleid umklammerte.
Ich warf Silas einen Blick zu. Er nickte fast unmerklich, seine blauen Augen funkelten amüsiert. Geh, sagte sein Blick. Spiel mit deinem Essen.
Ich legte meine Hand in Kaelens.
In dem Moment, als sich unsere Haut berührte, ging eine Schockwelle durch den Raum – oder vielleicht nur durch uns. Kaelen holte scharf Luft, seine Finger umklammerten meine fast schmerzhaft, als er mich auf die Tanzfläche zog.
Er hielt mich nicht sanft. Sein Arm umfasste meine Taille wie ein Stahlband und zog mich fest an seine harte Brust. Die Hitze, die von ihm ausging, war immens.
„Wer bist du?“, fragte er, während er mich im Walzer herumwirbelte. Seine Stimme war ein leises Knurren in meinem Ohr.
„Silas hat es dir schon gesagt. Ich bin Lyra.“
„Spiel keine Spielchen mit mir“, zischte er und verstärkte seinen Griff. „Ich kenne jeden hochrangigen Wolf auf diesem Kontinent. Von dir habe ich noch nie gehört. Und doch ...“
Er lehnte sich leicht zurück, seine goldenen Augen suchten mein Gesicht, folgten der Linie meines Kinns, der Rundung meiner Lippen. Er suchte nach dem Geist des Mädchens, das er zerstört hatte, aber er konnte nicht hinter die Seide und die Selbstsicherheit blicken.
„Und doch?“, fragte ich und hob eine Augenbraue.
„Du riechst ... seltsam. Nach Schatten und Regen, aber darunter ...“ Er beugte sich vor und vergrub seine Nase in der Wölbung meines Halses, direkt über der Halskette. Ich zitterte, nicht vor Angst, sondern vor der überwältigenden körperlichen Reaktion, meinem Schicksalsgefährten so nahe zu sein.
„Du fühlst dich an wie etwas, das ich verloren habe“, flüsterte er, und diese Eingeständnis schien ihm gegen seinen Willen entrissen worden zu sein.
Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Er war so nah. Wenn ich ihm jetzt die Halskette vom Hals riss, würde ihn die Wahrheit wie ein Güterzug treffen. Die Erkenntnis, die Schuld, der Schrecken – all das würde ich genießen können.
Aber Silas hatte recht. Noch nicht. Er sollte noch ein wenig länger in der Dunkelheit leiden.
Ich lehnte mich zurück und schuf etwas Abstand zwischen unseren Körpern. „Vielleicht irrst du dich, Alpha. Mir wurde gesagt, dass du kürzlich etwas ziemlich ... Unbedeutendes verloren hast. Vielleicht spielt dir dein Gewissen nur einen Streich.“
Kaelen erstarrte mitten im Schritt. Der Hinweis auf Elara war unmissverständlich. Sein Gesicht verdunkelte sich, seine Augen wurden kalt.
„Du weißt nichts darüber“, knurrte er. „Sie war schwach. Sie war ein Fehler.“
„War sie das?“, fragte ich herausfordernd und hielt seinem Blick stand, ohne zu zucken. „Oder war sie nur unbequem für deine Ambitionen?“
Kaelen sah aus, als würde er sich jeden Moment auf der Tanzfläche verwandeln. Seine Brust hob und senkte sich, und seine Eckzähne wurden etwas länger. „Sei vorsichtig, Lyra. Du magst Silas' Stellvertreterin sein, aber du befindest dich jetzt in meinem Revier.“
Ich lächelte und beugte mich vor, sodass nur er die Drohung in meiner Stimme hören konnte. „Ich habe keine Angst vor deinem Revier, Kaelen. Und ich habe ganz sicher keine Angst vor dir.“
Die Musik endete mit einem Paukenschlag. Kaelen atmete schwer, seine Augen waren wild. Er sah mich mit einer explosiven Mischung aus Hass und absoluter Besessenheit an. Er hasste mich dafür, dass ich ihn herausgefordert hatte, doch er konnte seinen Blick nicht von mir abwenden.
Er ließ mich abrupt los, als würde es ihm körperlich wehtun, mich zu berühren.
Als ich zu Silas zurückging, spürte ich Seraphinas brennenden Blick in meinem Rücken. Ich sah Silas an. Er hob sein Weinglas zu einem subtilen Toast.
Der Haken war gesetzt. Kaelen Blackwood dachte nicht mehr an seinen Aufstieg oder seine perfekte goldene Braut. Er dachte an die mysteriöse Frau in Schwarz, die nach einer Erinnerung roch, die er zu vergessen versuchte.
Das Spiel hatte offiziell begonnen.