Kapitel 1
Die Hexe des verbotenen Waldes
Der Wald war kein Ort, den man betrat.
Er ließ es zu.
Seraphina Nachtwurz wusste das besser als jeder andere. Jeder Schritt, den sie zwischen den knorrigen Wurzeln setzte, war ein stilles Abkommen zwischen ihr und der Magie, die hier lebte. Der Boden unter ihren nackten Füßen war kühl, feucht und voller flüsternder Stimmen. Alte Stimmen. Geduldig. Wachsam.
Sie kniete sich neben eine seltene Schattenlilie, deren Blütenblätter fast schwarz schimmerten. Ihre Finger glitten sanft über die Pflanze, während sie leise Worte murmelte – keine Zauberformel, sondern ein Gespräch. Die Lilie öffnete sich willig, gab ihren Duft frei.
Seraphinas Augen schlossen sich kurz. Die Magie floss durch sie wie warmer Regen.
So hatte es immer sein sollen.
Doch heute vibrierte der Wald anders. Unruhig. Gespannt.
Vögel verstummten. Ein Reh flüchtete mit weit aufgerissenen Augen. Selbst der Wind schien den Atem anzuhalten.
Dann kam das Heulen.
Tief. Kraftvoll. Beherrscht.
Kein wildes, wahlloses Rufen – sondern ein Zeichen. Ein Anspruch. Ein Versprechen.
Ein Alpha.
Seraphina erhob sich langsam. Ihr Herz schlug schneller, nicht aus Furcht, sondern aus einem uralten Instinkt heraus. Alphas betraten diesen Wald nicht ohne Grund. Die letzte Begegnung mit einem hatte Blut gefordert.
„Warum jetzt?“, flüsterte sie.
Der Blutmond näherte sich. Das wusste sie. Aber sie hatte nicht erwartet, dass sich das Schicksal in Gestalt eines Werwolfs ankündigen würde.
Der Wald zog sich enger um sie zusammen – als wolle er sie schützen.
Oder warnen.