Kapitel 1-2

2040 Worte
Sie hielt inne und strich sich ihre rot gefärbten Haarsträhnen aus den Augen. Jede noch so kleine Ablenkung könnte dazu führen, dass sie einen Fehler machte. Es klopfte in ihrer Brust. Sie spürte ein Kribbeln, das von Kopf bis Fuß ging. Gedanken an Javier überkamen sie. Sie erinnerte sich an die Worte ihres Vaters. Schließe die Augen. Atme tief ein. Schalte deine Umgebung aus. Hebe deine Augenlider. Schließe diese Tür auf. Sie war sechs Jahre alt, als er ihr das Werkzeug zum Aufbrechen von Schlössern und die Anleitung dazu gab. Sondiere das Schlüsselloch mit dem Dietrich, bis das spitze Ende auf dem Kopf eines Sperrstifts landet. Schieb den Torsionsschlüssel hinterher und übe Druck auf den Dietrich aus, bis der Stift einrastet. Wiederhole den Vorgang mit den übrigen Sperrstiften. Dann dreh den Türknauf und sprich die magischen Worte „Sesam öffne dich.“ Die Tür sprang auf. Sie steckte das Werkzeug in ihre Tasche zurück und betrat die Wohnung. Es war stockdunkel. Die Vorhänge waren zugezogen. Alanna stand an der Tür und wartete, bis sich ihre Augen anpassten. Sie schob die Kapuze von ihrem Kopf. Die Klimaanlage war scheinbar schon seit einiger Zeit abgestellt worden. Sie tastete die Wand ab, bis ihre Fingerspitzen Plastik berührten. Nachdem sie den Lichtschalter umgelegt hatte, ließ sie sich auf der grauen Couch nieder. Die Lampe flackerte. In der Küche und im Wohnzimmer herrschte völlige Unordnung. Schubladen und Schränke waren geöffnet. Kleidung, Papiere und Bücher lagen auf dem Parkettboden verstreut. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihrem Bauch breit. Javier würde seine Wohnung niemals in so einem Zustand verlassen. Sie ballte ihre zitternden Hände zu Fäusten. Sie hatte keine Ahnung, wann diese Verwüstung stattgefunden haben könnte. Vielleicht vor Tagen, oder auch nur vor ein paar Minuten, dachte sie verunsichert. Auf den Linoleumfliesen am Küchenboden lag ein Hammer zwischen anderen Werkzeugen. Sie schnappte sich ihn, umklammerte den Griff und schlich zur Wand hinüber. Am Eingang zum Schlafzimmer hielt sie den Atem an und schloss die Augen, Sie stand mit erhobenem Hammer da, was immer auch kommen sollte. Doch nichts geschah. Da war niemand. Sie machte die Augen wieder auf und sah Javiers Habseligkeiten auch dort am Boden zerstreut liegen. Sie atmete keuchend aus und begann, das Zimmer zu untersuchen. Wer auch immer hier eingebrochen war, hatte nichts ausgelassen und alles durchwühlt. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, was passieren würde, wenn sie sich diesen Leuten in den Weg stellte. Ihr Herz klopfte. Diese Eindringlinge schienen das Problem zu sein, vor dem er sie gewarnt hatte. Sie schaltete alle Lichter an und durchsuchte jeden Winkel der Wohnung. Sogar die Schränke im Badezimmer waren durchwühlt. Der Computermonitor war umgestoßen und Javiers Laptop war verschwunden. Aber da waren kein Blut, keine Leichen. Sie hatte das Schlimmste befürchtet. Doch es schien, dass es noch Hoffnung gab. Zumindest im Moment. Denn sie konnte erst aufatmen, wenn sie sicher sein konnte, dass er lebte und unversehrt war. Als sie das letzte Mal vor über einem Monat miteinander sprachen, ließ Javier keine Anzeichen von Problemen erkennen. Und doch, er war weniger gesprächig als sonst, was sie auf ihre Trennung zurückführte. Als sie ihn um eine Erklärung bat, redete er um den Brei herum. Sie rief ihn mehrmals an und verlangte Klartext. Aber seine letzten Worte, bevor er auflegte, waren: „Wir brauchen eine Pause voneinander.“ Hatte er mit ihr Schluss gemacht, weil er bedroht wurde und sein Leben in Gefahr war? Sie schlug sich die Hände vors Gesicht. Die Situation war surreal. Sie war ja die Cyberkriminelle. Javier war der ethische Hacker. Der anständigste Mensch, den sie kannte. Eigentlich sollte sie all diese Probleme haben, nicht er. Ein Piepton ihres Telefons riss sie aus ihrer Benommenheit. Da war eine Textnachricht. Wahrscheinlich wollte Brayden wissen, was los ist – oder vielleicht war es doch Javier? Sie legte den Hammer weg und fischte das Telefon aus ihrer Handtasche. Am Display prangte die Anrufer-Identifikation von Javiers Handy. Ich muss dir mein Geheimnis verraten, Alanna. Komm und finde mich, lautete die Nachricht. Sie erschauderte. Was bedeutete das alles? Alanna beschloss, Javier eine Nachricht zurück zu schreiben und ihn zu fragen, was zum Teufel los war, sobald sie das Gebäude verlassen hatte. Sie steckte das Telefon wieder in die Tasche. Die Eindringlinge könnten jederzeit zurückkommen, befürchtete sie. Aber sie würde die Wohnung noch ein letztes Mal nach Hinweisen auf Javiers Verbleib untersuchen, erst dann würde sie gehen. Doch auch die neuerliche Durchsuchung des Wohnzimmers blieb erfolglos. Beim Durchstöbern der verstreuten Gegenstände im Schlafzimmer konnte sie gerade noch vermeiden, auf einen Bilderrahmen zu treten. Es war ein oval gerahmtes Familienfoto, das einen schlaksigen Javier zeigte, der mit einem leeren Lächeln neben seinen Eltern und seiner kleinen Schwester stand. Sie strich mit den Fingerspitzen über sein Gesicht, bevor sie den Rahmen auf die weiße Kommode neben seinem Bett stellte. Sie untersuchte den Raum weiter, aber es hatte keinen Sinn. Nichts in diesem Chaos bot irgendwelche Antworten. Sie streckte ihre Beine durch, um das zittrige Gefühl zu stoppen, das sie befallen hatte. Es war Zeit zu verschwinden. Jetzt, da sie mit Sicherheit wusste, dass Javiers Leben in Gefahr war, konnte sie Brayden alles erzählen. Vielleicht würde er dann endlich bereit sein, das Gleiche zu tun. Sie ging vom Schlafzimmer zur Eingangstür zurück, schaltete das Licht aus und verließ die Wohnung. Alanna huschte den leeren Korridor entlang. Der nächste Aufzug war nur wenige Meter entfernt, und sie würde hinunterfahren, dann gelassen am Empfang vorbeischreiten und schließlich ins Freie treten. Das nahm sie sich jedenfalls vor. Doch ein plötzliches schrilles Klingeln ließ sie innehalten. Jemand war mit dem Aufzug auf dieser Etage angekommen. Die Türen schoben sich zur Seite, und ein glatzköpfiger Mann in einem dunklen Anzug trat heraus. Er sah aus, als gehöre er in eine Wrestling-Arena. Als er sie sah, machte er für einen kurzen Moment ein erstauntes Gesicht. Doch dann verzog sich seine Miene langsam zu einem bösartigen Grinsen. Alanna blieb wie gebannt im Flur stehen. Sie nickte mit dem Kopf und versuchte, höflich und entspannt zu wirken. „Hallo.“ Er deutete mit seiner rechten Hand in ihre Richtung. „Bleiben Sie genau da stehen. Rühren Sie sich nicht vom Fleck.“ Ihre Muskeln versteiften sich. Ihr erster Reflex war, seiner Anweisung Folge zu leisten. Aber ihr gesunder Menschenverstand sagte ihr das Gegenteil. Sie drehte sie um und begann, davonzurennen. „Ich sagte, bleiben Sie stehen!“, schrie ihr der Mann hinterher. Als sie bei einem roten Notausgangsschild ankam, riss sie die Tür zu dem Treppenhaus dahinter auf. Sie umfasste das Geländer und rannte die Stiegen hinunter, so schnell sie konnte. Die Tür zum Flur über ihr schloss sich mit einem metallischen Krachen und schnitt die Geräusche von trampelnden Füßen und das Geschrei ihres Verfolgers ab. Als dieser die Tür wieder aufbekam und ins Treppenhaus trat, war sie bereits im untersten Stockwerk angelangt. Dort huschte sie schnell durch die nächste Türöffnung, die sich vor ihr auftat. Ein feuchter Luftzug strich über ihr Gesicht, als sie sich im Parkhaus des Gebäudes wiederfand. Die Ein- und Ausfahrt für Fahrzeuge befand sich auf der gegenüberliegenden Seite. Sie bemerkte eine Ausgangstür zu ihrer Rechten. Doch als sie am Knauf drehte und die Tür öffnen wollte, bewegte diese sich nur wenige Zentimeter. Es schien, als wurde von der anderen Seite etwas dagegen gedrückt. Sie wich ein paar Schritte zurück, nahm Anlauf und sprang mit der Schulter voran gegen die Tür, die durch die Wucht abrupt aufschwang und offenbar ein Hindernis mit sich stieß. Alanna blickte nervös um sich. Da war eine Frau mit blondem Pferdeschwanz, weißem Hemd und dunkler Hose, die sich mühte, wieder auf die Beine zu kommen. Sie starrte Alanna an, als ob sie auf sie gewartet hätte. Alanna hatte keine andere Wahl und musste schnell handeln, bevor der Glatzkopf sie einholte. Pferdeschwanz riss die Augen auf, als Alanna sich leicht bückte und eine Kampfstellung einnahm. Die Frau schien zu ahnen, was nun kommen würde. „Denken Sie nicht einmal daran“, sagte sie. Alanna stürmte mit aller Kraft auf sie zu und stieß sie erneut zu Boden. Als sie davon spurtete, hörte sie die Frau hinter ihr unverständliche Laute kläffen, die wie Flüche klangen, aber mit zunehmender Entfernung leiser wurden. Alanna hastete über einen Betonweg, der von einer Palmenreihe gesäumt war und zur Vorderseite des Gebäudes führte. Zu ihrer Linken lag ein kleiner Yachthafen. Dieser Teil von Brickell bestand aus Hochhäusern und schmucken betonierten Gehwegen an der Bucht des Miami Rivers, die zum Flanieren einluden. Es war eine der exklusivsten und teuersten Wohngegenden in der Innenstadt von Miami. Und doch war jetzt wenig Verkehr auf der Straße. Auf dem Bürgersteig waren keine Menschen zu sehen. Sie hatte es geschafft, dachte sie. Brayden war mit seinem Wagen nur einen Block von ihr entfernt. Sie bog an der Ecke rechts ab und rannte so schnell sie konnte. Ein triumphierendes Lächeln schoss ihr auf die Lippen, und sie genoss den Adrenalinstoß. An der nächsten Kreuzung blickte sie die Querstraße hinunter. Ein paar Blocks entfernt fuhr ein vereinzelter blauer Lieferwagen die Straße entlang. Sie war nicht weit von der Stelle, wo Brayden den Wagen geparkt haben musste. Wenn sie sich beeilte, konnte sie in der nächsten Minute mit ihm von dort wegfahren und sich in Sicherheit bringen. Aber sie zögerte. Ihre Verfolger waren höchstwahrscheinlich Polizisten oder FBI-Agenten. Sie wollte Brayden auf keinen Fall in dieses ganze Chaos hineinziehen. Sie blickte geradeaus und entschied sich, in diese Richtung weiter zu laufen, weg von dem geparkten Auto. Als sie einen kurzen Blick zurückwarf, sah sie den Glatzkopf an Pferdeschwanz, die sich wieder hochgerappelt hatte, vorbeirennen. Sie musste sich verstecken. Eine Straße weiter kam sie an einer Kreuzung mit einem leeren Parkplatz und einem geschlossenen Restaurant zu ihrer Rechten und einem Hochhaus und einer Sackgasse zu ihrer Linken an. Vor ihr waren noch mehr leere Straßen. Sie rannte auf den Parkplatz zu, in der Hoffnung, hinter dem Restaurant ein Versteck zu finden. Angelangt, blieb sie stehen, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Eine Seite des Parkplatzes war von einer weißen Holzwand begrenzt, die zu hoch war, um darüber zu klettern. Auf der anderen Seite standen ein paar große Bäume und dazwischen ein Bürogebäude aus braunem Backstein. Sie warf ihr geliebtes Schlossknacker-Werkzeug hoch in die Äste des Baumes, der ihr am nächsten war. Es waren Beweise für den Einbruch, die sie belasten könnten. Sie biss sie die Zähne zusammen und setzte ihre Flucht fort. Als sie über den rauen Asphalt des Parkplatzes lief, hörte sie stampfende Schritte hinter ihr, die näherzukommen schienen. Sie war auf halbem Weg zum Restaurant, als sie anfing, außer Atem zu geraten. Ihre Lunge begann zu brennen und sie musste das Tempo drosseln. Im nächsten Augenblick wurde sie von kräftigen Armen an der Hüfte gepackt und von den Füßen gerissen. Sie schlug hart auf dem Boden des Parkplatzes auf. Alanna lag bäuchlings da. Ihre gesamte rechte Körperseite pochte vor Schmerzen. Der spröde Asphalt rieb an ihrer Wange, als sie nach Luft schnappte. Ihr Angreifer, der bei der Attacke ebenfalls zu Boden ging, stand wieder auf. Mit Mühe drehte sie sich ein wenig zur Seite. Ihre geprellten Rippen ließen sie vor Schmerz zusammenzucken, ihr rechtes Knie und der Ellbogen waren aufgeschürft. Als sie versuchte, sich zu erheben und dabei den Oberkörper nach oben bewegte, drückte der Glatzkopf ihr sein Knie in den Rücken und ließ sie wieder flach zu Boden gehen. Sie lag weiter mit dem Gesicht nach unten da und stöhnte laut. Der Glatzkopf ließ nicht locker und fixierte sie weiter mit seinem Knie. Hinter ihnen hörte sie jemanden schreien. Doch all ihre Hoffnung auf Rettung verging beim Anblick von Pferdeschwanz und zwei anderen Kerlen, die eilig näherkamen. Es schien, als ob die ganze Welt sie in die Enge treiben wollte. „Lassen Sie mich los, verdammt!“, schrie sie. Sie spürte einen stechenden Schmerz in ihrer rechten Schulter als der Mann ihr den Arm auf den Rücken drehte. Dann fühlte sie etwas Metallisches an ihrem rechten Handgelenk, gleich darauf am linken. Sie versuchte sich zu widersetzen, doch die Handschellen drückten sich in ihre Haut ein. Das Blut pochte in ihrem Kopf. Sie schloss die Augen und versuchte, die Tortur und das Gebrüll ihrer Peiniger einfach auszublenden. Es tut mir leid, Papa. Ich habe dich enttäuscht – schon wieder.
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