Kapitel 2-1

2004 Worte
2 ANGELN NACH INFORMATIONEN Die Leute lassen dich ausbluten, wenn du es zulässt. Versprich mir, dass du nicht so endest wie ich, als hilfloses Opfer. Sie erinnerte sich an diese eine Unterhaltung mit ihrem Vater vor vielen Jahren. Nach seiner Bemerkung hatte er einen langen Zug aus der Whiskeyflasche genommen und resigniert in die Ferne geblickt. Sie konnte nicht anders, als es ihm zu versprechen. Egal ob er betrunken gewesen war oder nicht, er hatte damals wohl die Wahrheit gesagt. Als sie Jahre später auf sich allein gestellt in Miami ankam, konnte sie mit eigenen Augen sehen, wie Recht er hatte. Es wimmelte von Gaunern, die Ausreißern wie ihr harte Drogen verkauften. Sie beuteten die jungen Leute aus, bis sie völlig verbraucht waren. Aber sie blieb wachsam. Und schaffte es letztendlich, diese riskante Zeit besser durchzustehen als die meisten anderen. Aber jetzt schien ihre Glückssträhne zu einem Ende gekommen zu sein. Seit über einer Stunde saß sie in einem kühlen Vernehmungsraum. Am Parkplatz hatte ihr der glatzköpfige Mann ihre Rechte vorgelesen, noch während er sein Knie in ihren Rücken gepresst hielt. Pferdeschwanz gab die Anweisungen, und dann wurde sie von dem Glatzkopf und einem anderen grauhaarigen Kerl auf den Rücksitz eines Polizeiautos verstaut, mit dem sie zum Revier fuhren. Ihre Handtasche mit Bargeld und Ausweisen wurde beschlagnahmt. Ihr Name, ihr Foto, ihre Fingerabdrücke und ihre DNA wurden in einer Datenbank gespeichert. Sie war jetzt offiziell auf dem Raster. Es war das Letzte, was sie brauchte, dachte sie, aber es würde wahrscheinlich noch schlimmer kommen. Sie feixte gegen ihr Spiegelbild an der grauen Wand des Raumes und wippte dabei mit dem Fuß auf dem schwarz gefliesten Boden. Wenn das FBI etwas von ihr wollte, sollten sie merken, dass sie das Warten satthatte. Die Agenten, die sie verhaftet hatten, waren von einer Einheit, die sich FCCU nannte –Federal Cyber Crimes Unit, eine Bundespolizei für Internetkriminalität. Es war das erste Mal, dass sie von denen hörte. Es gab so viele Einheiten, Teams und Einsatzgruppen in diesem Bereich, dass sie den Überblick verloren hatte. Auf jeden Fall schien es, dass ihre Sozialtechnik-Betrügereien sie einholten. Braydens Warnungen hatten sich als gerechtfertigt erwiesen. Sie hoffte, dass ihre FCCU-Entführer ihn nicht auch geschnappt hatten. Eine Viertelstunde verging, bevor ein großgewachsener Mann mittleren Alters den Raum betrat. Er hatte einen gebräunten Teint, kurzes schwarzes Haar und trug einen grauen Anzug. Er ließ einen hellbraunen Ordner, einen gelben Notizblock und einen Stift auf die hölzerne Tischplatte fallen, die sich zwischen ihnen befand. Sein Blick fixierte Alanna, als er auf dem Metallstuhl ihr gegenüber Platz nahm. „Frau Blake, mein Name ist Ethan Palmer. Ich bin Spezialagent beim Inlandsgeheimdienst.“ Sie verharrte regungslos. Ihre Arme hingen an den Stuhllehnen herunter. Geheimdienst und FCCU, das war ganz schön viel für einen einfachen Einbruch. Sie fragte sich, welche ihrer Internet-Betrügereien auf deren Radar aufgetaucht waren. Oder wie lange sie sie schon beobachteten. Und doch, welche Beweise sie auch immer haben mochten, sie hatte nicht die Absicht, irgendetwas von sich preiszugeben. Palmer legte seine rechte Hand auf den Ordner. „In Ihrer Akte steht, dass Sie kurz nach Ihrem sechzehnten Geburtstag in North Carolina als vermisst gemeldet wurden. Seitdem gibt es keine Aufzeichnungen über irgendwelche Ihrer Aktivitäten. Möchten Sie uns sagen, was Sie in den letzten zwei Jahren und davor gemacht haben?“ Sie blickte zur Seite. Jeder Zentimeter der Wand war in demselben tristen und deprimierenden Grau gestrichen. Er nahm seinen Stift in die Hand und lächelte gekünstelt. „Ihre beiden Eltern sind als verstorben aufgeführt. Haben Sie jemanden, den wir kontaktieren sollen? Einen Freund oder ein Familienmitglied?“ „Nein.“ „Tut mir leid, das zu hören. Es muss hart sein, als ein Mädchen in Ihrem Alter allein zu leben.“ Das Letzte, was sie brauchte, war, dass dieser Kerl sie bemitleidete. „Haben Sie viel Erfahrung mit Mädchen in meinem Alter?“, fragte sie. „Meine Älteste ist sogar ein paar Jahre jünger als Sie“, antwortete er. Er setzte ein Lächeln auf, aber sie bemühte sich, keinerlei Emotionen zu zeigen. Stille trat ein. Plötzlich betrat Pferdeschwanz den Raum. Sie trug eine dunkelblaue Jacke über einem langärmeligen weißen Hemd und kaute auf einem Kaugummi, während sie an dem Tisch vorbei in den hinteren Teil des Raumes marschierte, dort stehenblieb und die beiden stumm musterte. Palmer wies in ihre Richtung, ohne seine Augen von Alanna zu nehmen. „Ich glaube, Sie kennen FCCU-Spezialagentin Sheila McBride bereits.“ Er warf der Agentin einen kurzen Blick zu, den sie aber nicht erwiderte, als wäre sie über etwas verstimmt. „Tut mir leid, dass wir ohne Sie angefangen haben“, sagte er in ihre Richtung. Die Frau lehnte an der Wand und sagte nichts. Beide Hände steckten in ihren Jackentaschen. Sie sah angespannt aus, dachte Alanna. Sie hatte etwas von einem Kontrollfreak. Das konnte Alanna an der Art erkennen, wie sie bei der Verhaftung Befehle gebellt hatte. Auch der durchdringende Blick, mit dem sie sie anfunkelte, war ihr nicht fremd. Fast ihr ganzes Leben lang war sie mit Menschen zusammen gewesen, die sie als Verbrecherin abstempelten und sie so behandelten. Doch damit konnte sie umgehen. Sie sandte der Agentin ein breites, spöttisches Lächeln zurück. Palmer winkte mit seiner Hand, um Alannas Aufmerksamkeit zurückzuerlangen. „Also, wollen Sie uns sagen, was Sie in dem Wohnhaus gemacht haben? Oder warum Sie vor den FCCU-Agenten weggelaufen sind?“ Er presste die Fingerspitzen zusammen, während sie sich in ihrem Stuhl zurücklehnte und schwieg. „Können Sie uns sagen, wie Sie dorthin gekommen sind? Mit ihrem eigenen Wagen sind sie nicht gefahren. Der steht in der Parkgarage ihres Wohnhauses.“ Sie knirschte mit ihren Zähnen. Wenn sie nicht über Brayden Bescheid wussten, würde sie es ihnen ganz sicher nicht sagen. Agentin McBride trat näher an den Tisch heran. Sie war definitiv immer noch sauer über die Schubser vor Javiers Wohnung. Doch die Feindseligkeit war gegenseitig. Alanna hatte wenig Sympathie für Leute, die ihr das Leben schwermachen wollten. Vor allem mit Frauen, die sich aufspielen wie diese da. Sie schob es auf die Wut, die sich in ihr durch das Leben mit einer psychisch instabilen Mutterfigur jahrelang aufgestaut hatte. Eine Wut, die für ein ganzes Leben reichte. Agentin McBride lehnte sich in einer bedeutungsschweren Geste nach vorne. „Raten Sie mal, was wir nach einer gerichtlich angeordneten Durchsuchung Ihrer Wohnung auf Ihrem Laptop gefunden haben?“ Sie stellte sich vor, dass es Daten aus ihren Angriffen mit betrügerischen E-Mails gewesen sein könnten. Das waren die größten Gewinnbringer unter all ihren Internet-Betrügereien. Sie verschickte stapelweise E-Mails, die den Anschein erweckten, von i********:, f*******: oder einer anderen vertrauenswürdigen Quelle zu stammen. Ein paar ahnungslose Zielpersonen öffneten sie, klickten auf die Links in der Nachricht und gaben dann ihre persönlichen Daten auf gefälschten Webseiten ein, die sie erstellt hatte. Sie senkte den Kopf, bevor sie antwortete. „Minecraft?“ Agentin McBrides blaue Augen verengten sich. „Beweise für das Abschöpfen von personenbezogenen Daten. Identitätsdiebstahl. Dazu kommt dann Widerstand gegen die Festnahme. Ein Einbruch. Sie sind dabei, einen Bundesstaatsanwalt sehr glücklich zu machen“, sagte sie. Alannas Puls stieg. Die meisten Daten auf ihrem privaten Server waren verschlüsselt. Bis auf die E-Mails, die sie heute Morgen verschickt hatte. Sie hätte vorsichtiger sein können, gut, aber sie hatte ja nicht mit einem Hinterhalt des FBI gerechnet. Wenn sie nicht blufften, war sie tatsächlich aufgeschmissen. Aber sie würde sich nicht durch irgendein Zeichen von Panik verraten. Agentin McBrides Taktik war es, die Psycho-Karte auszuspielen. Doch Alanna hatte so etwas schon viele Male in einer Menge unterschiedlicher Situationen erfahren müssen, sodass sie damit recht sicher umgehen konnte. Und so beunruhigte es sie nicht sonderlich. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Agent Palmer zu. Der Typ musste in den Vierzigern sein. Die Falten in seinem Gesicht wurden langsam sichtbar. „Ich will einen Anwalt.“ „Haben Sie einen Anwalt, den Sie anrufen können? Wenn nicht, werden Sie warten müssen, bis das Gericht Ihnen einen zuweist.“ Sie runzelte die Stirn über seinen kleinen Einschüchterungsversuch. „Ich werde warten. Bis dahin bekommen Sie nichts von mir.“ Agentin McBride holte Luft, um etwas zu sagen, doch Palmer schnitt ihr das Wort ab. „Gut. Dann reden Sie eben nicht. Hören Sie sich also an, was wir zu sagen haben.“ „Tun Sie sich keinen Zwang an.“ Er öffnete den Ordner und hielt ihr ein Blatt Papier unter die Nase. „Sind Sie mit dieser Gruppe vertraut?“ Sie erkannte das Bildschirmfoto sofort. Oben war eine rot-schwarze Anarcho-Flagge mit einem Stern in der Mitte zu sehen. Darunter war ein schwarz-weißes Bild von Che Guevara – das Motiv, das man auf so vielen T-Shirts sehen konnte. Javier war nicht gerade begeistert, als er das damals sah. Seine Familie war aus Kuba geflohen, also war er nicht gerade ein großer Fan von allem, was mit Che zu tun hatte. Neben dem Bild stand ein Zitat: Jetzt ist es an der Zeit, das Joch abzuschütteln, eine Neuverhandlung der repressiven Auslandsschulden zu erzwingen und Druck auf die Imperialisten auszuüben, damit sie ihre Aggression aufgeben. Sie wandte ihren Kopf und sah über die linke Schulter. „Ja. Ich weiß von AntiAmerika. Die sind jeden verdammten Tag in den Nachrichten.“ Sie interessierte sich eigentlich nicht sonderlich für diese Gruppe. Brayden war es, der sie dauernd mit deren Aktivitäten und seinen Litaneien darüber bombardierte. Er war ein Hacktivist und überzeugter Unterstützer, der sich über das Internet für sozialpolitische Zwecke einsetzte und laufend antikapitalistische Tiraden von sich gab. Sobald er begann, davon zu dozieren, wie „das System zugunsten der Reichen manipuliert ist, um die Massen auszubeuten“, konnte ihn niemand mehr zum Schweigen bringen. Agent Palmer griff nach einem weiteren Bildschirmfoto, während McBride in der Ecke auf und ab ging. „Das war die Internetseite der Nexus-Bank nach dem ersten Angriff von AntiAmerika am 1. Mai, dem Tag des Gedenkens an die Angriffe der ‚Roten Angst‘ von 1919, also vor mehr als einem Jahrhundert. Es folgten Angriffe auf Dominion und First Regency. Die drei größten Banken des Landes wurden in den letzten zwei Monaten gehackt.“ Die Agenten nahmen scheinbar an, als würde sie das irgendwie interessieren. „Ist das der der Grund, warum Sie beide hier sind und mich verhören?“ Agent Palmer nickte. „Agentin McBride und ich sind Teil einer behördenübergreifenden Einsatztruppe, die das untersuchen soll.“ „Gut für Sie.“ „Was ist Ihre Meinung zu AntiAmerika?“ Alanna konnte hören, wie Agentin McBride in der Ecke an ihrem Kaugummi schmatzte. „Ich habe keine. Ist mir auch völlig egal. Was denken Sie?“ „Das sind keine Hacktivisten, die für mehr oder weniger sinnvolle Sachen einstehen wie Gruppen wie zum Beispiel LulzSec oder NullCrew. Das sind Anarchisten. Ihr Ziel ist es, dieses Land in die Knie zu zwingen. Und je mehr Anhänger sie anziehen, desto gefährlicher werden sie.“ Alanna wusste darüber. Seit AntiAmerika nach dem ersten Hack ein Manifest ins Netz gestellt hatte, versammelten sich auf Nachrichtenportalen, in Chatrooms und auf Twitter Scharen an Unterstützern, heimlichen Anarchisten, die zur Revolte aufriefen. Sie hatte keine Ahnung, wie viele es waren. Aber jedes Mal, wenn sie den Fernseher anmachte, gab es Nachrichten über neue Proteste in Großstädten rund um den Globus. „Okay. Melodrama beiseite – was hat das alles mit mir zu tun?“ Palmer lehnte sich zurück und klatschte in die Hände. „Kennen Sie einen Hacker namens Paul Haynes?“ Alanna ließ ihren Kopf rückwärts auf die Stuhllehne sinken. Die Tatsache, dass das FBI Pauls Namen erwähnte, bedeutete, dass sie wussten, dass er ein Schwarzhut-Hacker war, also einer von der bösen Sorte. Sie musste vorsichtig vorgehen. Ohne zu wissen, welche Beweise sie im Ärmel hatten, konnte sie nicht zu offensichtlich jede Verbindung zu ihm leugnen. Palmer legte seinen Kopf schief. „Sie können sicher eine einfache Ja-oder-Nein-Frage beantworten. Kennen Sie ihn oder nicht?“ Wenn sie schwieg, würde das den Verdacht der beiden Agenten nur noch vergrößern, dachte sie. Und wenn sie antwortete, würde er vielleicht endlich auf den Punkt kommen.
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