Wie sonst kann man wahren Schmerz definieren, wenn nicht dadurch, dass der eigene Ehemann einen wegen der Schwester eine Hure nennt? In dem Moment, als er das Wort aussprach, zerriss etwas in mir, etwas, von dem ich nicht weiß, ob es jemals wieder heilen wird.
Ich glaube, ich kann das nicht länger aushalten. Ich habe so sehr versucht, vor Modrich und Veriel nicht zu weinen. Ich habe versucht, meine Würde zu bewahren, gefasst zu bleiben, aber die Last all dessen hat meine letzten Kräfte erdrückt.
Veriels Schluchzen ist inzwischen verstummt, es sind nur noch leise, zarte Schluchzer, die fast einstudiert wirken. Vorgetäuschte Tränen, vorgetäuschte Unschuld. Ich durchschaue alles … jede Lüge, die sie so mühelos erzählt.
Ich habe diesen Verrat nie kommen sehen. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass Veriel Alpha Modrich begehren würde … meinen Mann. Aber im Rückblick hätte ich es vielleicht ahnen müssen.
Schon als Kind griff sie immer nach dem, was mir gehörte. Sie wollte immer, was ich wollte, was ich wählte, was mich zum Lächeln brachte.
Ich erinnere mich, als Vater Schokoladen- und Erdbeerbonbons mitbrachte. Ich mochte Erdbeeren nie, aber Schokolade liebte ich über alles. Trotzdem verlangte Veriel beides, nur weil ich eins davon wollte.
Veriel hatte um meins geweint, obwohl sie das Erdbeerbonbon schon in der Hand hielt. Ich erinnere mich, wie ich verwirrt und verletzt dastand, während sie schluchzte, als wäre die Welt untergegangen, nur weil ich die Schokolade in der Hand hielt.
Und ich erinnere mich, wie meine Eltern mir sagten, ich solle die große Schwester sein … ihr alles überlassen.
Also tat ich es, immer und immer wieder. Das wurde meine Rolle … geben, aufgeben, opfern, weil ich die Älteste war. Denn den Frieden zu wahren schien mir immer wichtiger, als das zu behalten, was mir gehörte. Aber mein Mann? Das war etwas, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich es einmal aufgeben müsste.
Das war etwas, von dem ich nie geglaubt hätte, dass sie es wagen würde, es anzurühren. Und doch ist es so weit.
„Ich habe es meinen Eltern schon gesagt. Sie haben gesagt, sie sind unterwegs“, sagte ich leise.
Ihre Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Schock spiegelte sich unverkennbar in ihren Gesichtern wider, als hätte ich Geister heraufbeschworen.
„Du hast Mama und Papa angerufen?“, stammelte Veriel mit aufgerissenen Augen und zitternder Stimme. Zum ersten Mal wirkte sie wirklich erschüttert.
Ich war ihr wohl zuvorgekommen. Sie hatte wohl nicht damit gerechnet, dass ich das berichten würde.
„Ich hätte nie gedacht, dass du so egoistisch sein könntest. Veriel sollte es deinen Eltern sagen, nicht du“, fuhr Modrich sie wütend an.
Egoistisch? Er nannte mich egoistisch? Die Worte trafen mich härter als erwartet, sie schmerzten tiefer als jede Beleidigung, die er mir zuvor an den Kopf geworfen hatte. Wenn hier jemand egoistisch war, dann er. Wie konnte er nur? Aber ich zwang mich zur Ruhe. Ich schluckte den Schmerz hinunter, verdrängte ihn, so wie ich gelernt hatte, jede Emotion zu verdrängen.
„Du bist so kalt“, fügte er stirnrunzelnd hinzu, als sich mein Gesichtsausdruck nicht veränderte.
Natürlich sah ich kalt aus. Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr war ich darauf trainiert worden, meine Gefühle zu beherrschen, um jeden Preis die Kontrolle zu behalten. Eine Luna zerbricht nicht, eine Luna zittert nicht. Doch unter dieser eisigen Fassade war ich nichts als ein verletzliches, verletzliches Mädchen. Ein Mädchen, dessen Herz blutete, Risse bekam und Stück für Stück zerbrach.
Veriel brach plötzlich in ein weiteres dramatisches Schluchzen aus. Sie erhob sich vom Boden, wo sie gekniet hatte, Tränen flossen, als wäre sie diejenige, die Unrecht getan hatte, dann drehte sie sich um und rannte aus dem Wohnzimmer.
Sie rannte… immer nur, ohne sich dem zu stellen, was sie zerstörte.
Modrich sah mir direkt in die Augen, sein Blick kalt genug, um flüssiges Wasser gefrieren zu lassen. Ich weigerte mich, wegzusehen, und hielt seinem Blick mit stiller Trotz stand. Allein das schien ihn zu erzürnen… meine Ruhe, mein Schweigen, meine Weigerung, zu zerbrechen. Sein Kiefer verkrampfte sich, und ich konnte die unausgesprochenen Worte zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen fast hören: Wie kannst du es wagen?
Ohne ein weiteres Wort drehte er sich schnell um und folgte Veriel, ihren Namen rufend, als wäre sie die Verwundete. Ich stieß einen langsamen, erschöpften Seufzer aus, stand auf und ging in mein Zimmer.
Drinnen ging ich direkt ins Badezimmer. Meine Zofen eilten hinter mir her, ihre Hände schon bereit, mich für das Abendbad auszuziehen.
„Ich möchte allein sein“, sagte ich leise. Sie verbeugten sich und gingen sofort hinaus.
Als ich in die warme Badewanne stieg, konnte die Wärme das Zittern in meiner Brust nicht lindern. Die Tränen schossen mir sofort in die Augen und rannen über meine Wangen, als hätten sie nur auf Erlaubnis gewartet. Selbst mein leises Schluchzen hallte sanft von den Marmorwänden wider.
Ich ließ meinen Tränen freien Lauf, obwohl Lunas nicht weinen dürfen. Liebe war nie Teil dieser Stellung gewesen. Ein Alpha kann sich jederzeit neue Konkubinen nehmen…
Aber ich hätte nie gedacht, dass Modrich seinen Blick von mir abwenden und meiner Schwester zuwenden würde.