„Willkommen, Herr und Frau Hampton“, sagte das Dienstmädchen, als Freyas Eltern eintraten.
Ihre Stimme war ruhig, doch ihr Blick huschte zwischen ihnen hin und her und spürte die Anspannung, die zwischen ihnen lag.
Sie führte sie durch den Flur ins Wohnzimmer. Das Paar saß mit geradem Rücken und den Händen fest im Schoß. Niemand sprach, und die Stille umgab sie mit einer bedrückenden Schwere.
„Ich werde Alpha Modrich und Luna Freya Bescheid geben, dass Sie angekommen sind“, sagte das Dienstmädchen. Sie verbeugte sich schnell, fast nervös, und eilte dann hinaus, sodass die Hamptons allein im Wohnzimmer zurückblieben.
Wenige Minuten später kam Veriel mit Alpha Modrich an ihrer Seite herein. Sie erblickte ihre Eltern und eilte auf sie zu.
„Mutter, Vater … ihr seid da“, sagte sie mit sanfter, fast besorgter Stimme.
Herr und Frau. Hampton erhoben sich sofort. Obwohl sie älter waren, senkten sie respektvoll die Köpfe. Alpha Modrich nickte ihnen kurz zu, sein Gesichtsausdruck war undurchschaubar.
„Alpha“, begrüßte Herr Hampton sie mit ruhiger Stimme.
„Sie können Platz nehmen, Herr und Frau
Hampton“, sagte Modrich, und sie ließen sich auf die Couch sinken. Bevor jemand etwas sagen konnte, eilte Veriel vor und fiel auf die Knie.
„Vater … Mutter … verzeiht mir“, schluchzte sie. „Ich habe Schande über unsere Familie gebracht. Ich habe mit dem Mann meiner Schwester geschlafen. Ich weiß nicht, was mich geritten hat.“
Ihre Stimme zitterte, doch ihre Tränen flossen fast zu schnell, als wären sie vorbereitet gewesen.
„Es ist nicht ganz Veriels Schuld“, fügte Alpha Modrich hinzu und trat einen Schritt vor sie. „Ich möchte nicht, dass ihr das als ihre alleinige Schuld anseht.“
Herr und Frau Hampton wechselten einen angespannten, verwirrten Blick.
„Es ist von Anfang an ihre Schuld“, unterbrach Freya sie. Alle drehten sich zur Tür, und Freya betrat mit ruhigen, festen Schritten das Wohnzimmer.
Sie saßen alle da und starrten Veriel an, die den Kopf wieder senkte und in eine weitere Runde gespielter Unschuld verfiel.
„Sag das nicht über deine Schwester, Freya. Sie ist naiv“, sagte Frau Hampton schnell.
Freya sah ihre Mutter an, Ungläubigkeit huschte über ihr Gesicht. Einen Moment lang herrschte Stille im Raum.
„Naiv, sagst du, Mutter?“, fragte Freya und versuchte, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen. „Wie naiv kann Veriel nur sein, wenn sie genau weiß, welches Mittel einen Mann schwächt, und dann wartet, bis er hilflos ist, bevor sie sich in sein Bett legt?“
Frau Hamptons Augen weiteten sich, doch Freya wandte den Blick nicht ab.
Sie war es gewesen, die ihre Eltern ins Schloss gerufen hatte. Sie wollte, dass sie die Wahrheit hörten, nicht die beschönigte Version, die Veriel ihnen auftischen würde. Sie wollte ihren Tadel, ihr Urteil, ihre Gerechtigkeit. Sie wollte, dass sie die Tragweite dessen verstanden, was ihre Schwester getan hatte, und sich nicht hinter Ausreden oder Mitleid versteckten.
Doch stattdessen ergriffen sie Partei… wie immer, und zwar für Veriel. Sie nannten sie naiv, zerbrechlich, verwirrt. Freya spürte den vertrauten Stich in ihrer Brust.
Hätte sie diese Reaktion erwarten können? Ja. Aber nicht jetzt und nicht in einer so ernsten Angelegenheit.
„Freya“, sagte Mr. Hampton und schüttelte den Kopf, als sei sie die Unvernünftige. „Du musst lernen zu vergeben. Ich habe es dir schon oft gesagt, aber du willst deiner eigenen Schwester einfach nicht vergeben.“
Freya starrte ihn mit ausdruckslosem Gesicht an. Vergeben? Dafür? Sie hatten sie immer noch nicht gesehen, bis dahin nur ihre Schwester.
„Genau das habe ich Freya gestern gesagt“, sagte Alpha Modrich. „Sie vergibt jedem im Rudel, wenn er etwas falsch gemacht hat, aber ihrer eigenen Schwester kann sie nicht vergeben?“
Freya atmete leise aus und fixierte Veriel mit ihren Augen. „Du willst, dass ich meiner Schwester vergebe, dass sie mit meinem Mann geschlafen hat?“, fragte sie ruhig.
„Vielleicht … vielleicht … wenn sie mich um Vergebung bitten und es ernst meinen würde, würde ich es mir überlegen.“
Veriel hob leicht den Kopf, doch Freyas Blick blieb unverändert. „Aber sie hat nicht aufrichtig gebeten. Sie hat nur geweint und sich hinter Ausreden versteckt.“
„Aber ich bin gestern auf die Knie gefallen und habe dich angefleht, mir zu vergeben“, sagte Veriel schnell und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Und stattdessen… hast du mich eine Hure genannt.“
Herr Hampton fuhr herum und sah Freya an. „Du hast deine Schwester eine Hure genannt, Freya?“, keuchte er, als wäre dieses Wort die größte Sünde im ganzen Raum.
Frau Hampton schüttelte ungläubig den Kopf. „Was für eine ältere Schwester tut so etwas? Wie kannst du nur so mit ihr reden?“
Freya starrte sie fassungslos an. Veriels Lügen waren ihnen so leicht in die Ohren geflossen, und wie immer… hatten sie ihr ohne zu zögern geglaubt.
Obwohl Veriel gestern gekniet hatte, wusste Freya, dass alles nur gespielt war. Die Tränen, das Flehen – es war nicht aufrichtig. Und nein, sie hatte Veriel nie eine Hure genannt. Sie hatte nur die Wahrheit gesagt: Veriel hatte vor Modrich mit anderen Männern geschlafen und damit ihre Behauptung, Jungfrau zu sein, widerlegt.
Freya beobachtete Veriel aufmerksam und bemerkte die kleinsten Veränderungen in ihrer Haltung, die kalkulierten Pausen in ihren Worten. Sie verstand genau, was vor sich ging… Veriel versuchte, die Geschichte zu verdrehen, wie immer – eine geschickte Manipulatorin. Freyas Kiefer verkrampfte sich.
„Ich wusste gar nicht, dass du so herzlos sein kannst“, sagte Alpha Modrich mit scharfer Stimme.
„Veriel ist jung, naiv… und als ihre ältere Schwester solltest du sie führen, für sie sorgen und ihr ihre Fehler verzeihen.“
Freyas Augen verengten sich, als sie Alpha Modrich ansah, ihr Kiefer verkrampfte sich, doch ihre Stimme blieb ruhig.
„Vielleicht solltest du dich zuerst entschuldigen“, sagte sie leise und verbarg den Sturm der Gefühle in sich.
„Dafür, dass du mit meiner Schwester geschlafen hast… wiederholt… ohne jegliche Reue. Du behauptest, sie zu führen, und doch hast du sie dazu angestiftet, mich zu verraten. Ihr habt alle eure Rollen gespielt, aber ich sehe die Wahrheit.“
Modrichs Blick verstummte einen Moment lang.
„Ich will nicht, dass du und meine Schwester zusammen seid“, sagte Freya entschieden. „Sie wird den Palast verlassen und unseren Eltern zurück nach Hause folgen.“
Sie wusste, dass Alpha Modrich so viele Konkubinen haben konnte, wie er wollte, aber nicht ihre Schwester. Dies zuzulassen, wäre eine direkte Beleidigung für sie als Luna, und das würde sie nicht zulassen.
„Nehmt so viele Konkubinen, wie ihr wollt“, fuhr sie fort und fixierte ihn mit ihren Augen, „aber lasst meine Schwester da raus. Sie gehört nicht hierher.“
„Und was, wenn ich Veriel zu meiner Konkubine nehmen will?“, fragte Alpha Modrich mit kalter, bedächtiger Stimme.
Freya erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. „Das wirst du nicht wagen.“
Ein schwaches, spöttisches Lächeln huschte über seine Lippen. „Dann hör mir gut zu“, sagte er.
„Von diesem Moment an werde ich, Alpha Modrich, Veriel zu meiner Konkubine nehmen. Das ist meine Entscheidung.“
„Bereiten Sie sich auf die Feier vor“, fügte Modrich hinzu, als würde er einen Sieg verkünden.