5: Der einsame Wolf

1164 Worte
„Wenn es nichts mehr zu sagen gibt… dann geht, ihr alten Männer. Ich will allein sein“, sagte Rollo mit eiskalter Stimme und verengten Augen, als er den Rat der Ältesten anstarrte. Die Männer erstarrten, wechselten Blicke und senkten dann die Köpfe. Kein Wort kam über ihre Lippen. Langsam und vorsichtig drehten sie sich um und verließen den Raum. Das Kratzen ihrer Sandalen auf dem Steinboden hallte in der Stille wider, die sie hinterließen. Rollos Blick folgte ihnen, bis die Tür ins Schloss fiel. Endlich war der Raum allein für ihn. Kaum waren die Ältesten gegangen, klopfte es an der Tür. Rollo zischte und fragte sich, wer es wagte, ihn zu stören. „Wer zum Teufel ist das?“, fragte Alpha Rollo. „Ich bin’s, Soren“, sagte die Stimme seiner vertrauten Wachen. „Komm herein, Soren“, sagte Rollo. Soren trat leise ein und verbeugte sich. Sein Gesichtsausdruck war undurchschaubar. „Du bist schnell. Hast du den Gegenstand?“, fragte Alpha Rollo mit zusammengekniffenen Augen. „Sie ist hier“, antwortete Soren nur. Rollos Blick wurde schärfer. „Bring sie herein … Ich will sehen, wie sie aussieht.“ Soren verbeugte sich erneut und verließ den Raum. Das Echo seiner Schritte verhallte und wurde von angespannter Stille abgelöst. Augenblicke später öffnete sich die Tür, und Soren kehrte mit Freya zurück. Soren ließ sie knien. Sie gehorchte, doch ihr Blick blieb furchtlos und unerschütterlich auf Alpha Rollo gerichtet. Er musterte sie, fasziniert von der Kühnheit in ihrem Blick, von der Art, wie sie ihn ansah, ohne mit der Wimper zu zucken. Doch unter dieser furchtlosen Fassade brodelte die Angst tief in ihr. Jede Faser ihres Körpers schrie vor Angst. Sie hatte die Geschichten über Alpha Rollo gehört … den Einsamen Wolf, gefürchtet in den ganzen Landen wegen seiner Skrupellosigkeit. Und nun kniete sie vor ihm, ihr Herz hämmerte. Rollos Blick ruhte auf Freya, er beobachtete jede ihrer Bewegungen, jedes Blinzeln. Wer war dieses Mädchen, das es wagte, ihm furchtlos in die Augen zu sehen? Jeder wusste, wer er war. Die Geschichten von Alpha Rollo, dem Einsamen Wolf, verbreiteten Angst und Schrecken in jedem Dorf, in jeder Stadt. Die Menschen zitterten bei seinem Namen. Und doch kniete sie vor ihm, furchtlos … oder zumindest schien es so. Aber etwas nagte an ihm. Ihr Gesicht verriet nichts. Keine Angst, kein Respekt, keine Unterwerfung. Selbst ihre Haltung gab nichts preis. Er suchte in ihren Augen nach jedem Anzeichen von Gefühl, jedem Gedanken, den er hätte deuten können … aber da war nichts. Wie eine Mauer bot sie ihm nur Stille und Schweigen. Und je länger er sie ansah, desto größer wurde seine Neugier. Wer war dieses Mädchen, das es wagte, dem Einsamen Wolf in die Augen zu sehen und nichts zurückzugeben? Er hatte noch nie eine so wilde, so unnachgiebige Frau gesehen. Und doch hatten ihre Eltern sie ihm anvertraut. Vielleicht war sie schon immer stur gewesen. „Das ist Freya. Sie ist eine ehemalige Luna … sie war die Luna des Goldside-Rudels“, verkündete Soren. Rollos Augen verengten sich, als er sie musterte. Eine ehemalige Luna – das erklärte einiges. Kein Wunder, dass er ihre Gefühle nicht deuten konnte. Ihre ruhige, furchtlose Fassade war nicht nur Trotz … es war Kontrolle, gestählt durch jahrelange Führung und Befehlsgewalt. Sie hatte gelernt, alles zu verbergen, nichts preiszugeben. Dennoch beunruhigte ihn etwas an ihr. Die Art, wie sie ihm furchtlos in die Augen sah, wie sie selbst in seiner Gegenwart vollkommen regungslos verharrte … das war selten. Nur wenige wagten es, ihn so herauszufordern, und noch weniger überstanden die Begegnung unbeschadet. Freya war anders, und er wollte herausfinden, warum. „Bringt sie in das für sie vorbereitete Zimmer. Sorgt dafür, dass die Zofen sich um all ihre Bedürfnisse kümmern. Und stellt sicher, dass sie ordentlich duscht“, wies er an. Er verweilte, ein Raubtierblick in den Augen, als plane er bereits, wie er sie beherrschen würde. Seine Pläne mit ihr waren klar und kalt … sie sollte seiner Sammlung von Vergnügungen hinzugefügt werden, ein Besitz, der seine Begierden befriedigen sollte. Sie hatte keine Wahl. Sie wurde fortgeführt und den Dienstmädchen übergeben, die sie schnell wuschen. Vorhin hatte sie sich tapfer verhalten und war dem Einsamen Wolf furchtlos gegenübergestanden. Doch in dem Moment, als sie ihm gegenüberstand, stockte ihr der Atem. Es war das erste Mal, dass sie den Einsamen Wolf selbst sah. Bis dahin war es immer sein Beta gewesen, der ihr Rudel zu Versammlungen und Bekanntmachungen besucht hatte. Dem echten Mann gegenüberzustehen, war ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Man führte sie in ein gutes Zimmer und behandelte sie mit stillem Respekt, denn man wusste, dass sie einst Luna im benachbarten Rudel gewesen war. Niemand wagte es, sie achtlos anzufassen. Nachdem sie gebadet hatte, kleideten die Dienstmädchen sie schnell an und verließen den Raum, sobald sie fertig waren. Stille kehrte ein, sobald die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war. Sie saß eine Weile da und versuchte, sich von all dem Erlebten zu erholen. Minuten vergingen langsam. Nichts geschah, niemand kam zurück, und die Stille lastete schwer auf ihr. Dann knurrte ihr Magen hungrig und riss sie endlich auf die Beine. Sie beschloss, etwas zu essen zu finden, verließ das Zimmer und schlich leise den Flur entlang. Vor ihr sah sie eine gutaussehende Frau, die einem Dienstmädchen eine kleine Portion reichte. Neugierig versteckte sich Freya hinter einer Säule und folgte dem Dienstmädchen aus der Ferne. Das Dienstmädchen blickte nicht zurück, bis sie eine Ecke erreichte und die Portion in einen Krug goss. Freyas Instinkt erwachte. Sie folgte ihr weiter, und der Weg führte sie direkt zu den Gemächern des Einsamen Wolfs. Sobald das Dienstmädchen eintrat, stürzte Freya vor, packte den Krug und schüttete ihn aus. Der Krug glitt ihr aus der Hand und zersprang auf dem Boden. Das Dienstmädchen keuchte entsetzt auf. Alpha Rollo blickte Freya fassungslos an, seine Augen verengten sich, als wollte er verstehen, warum sie es gewagt hatte, ihn zu zerbrechen. Das Dienstmädchen keuchte erneut, als der Krug zersprang, und Freya deutete auf die verschüttete Flüssigkeit. „Es ist Gift“, sagte sie. „Ich habe gesehen, wie sie etwas in den Krug gefüllt hat.“ Alpha Rollos Blick wanderte zu dem Dienstmädchen. „Stimmt das?“ Das Dienstmädchen verbeugte sich tief. „Alpha, nein. Es ist die Kräutermedizin, die Miss Dorcas zubereiten sollte.“ Rollos Blick kehrte zu Freya zurück, Verwirrung spiegelte sich in seinem Gesicht. „Kräutermedizin“, wiederholte er. „Weißt du, wie selten dieser Tee ist? Schwer zu finden. Und mein Krug ist verdammt teuer, es ist ein limitiertes Produkt.“ Freya schluckte, wandte den Blick aber nicht ab. „Ich habe nur so gehandelt, weil ich dachte…“ Er hob die Hand und unterbrach sie. „Der Krug ist weg. Der Tee ist weg.“ Seine Stimme wurde bedrohlich leise. „Sag mir, Freya… wie soll ich dich für den Schaden bestrafen, den du angerichtet hast?“
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN