Kapitel 4- Der Ruf des Vollmondes

848 Worte
Kapitel 4 – Der Ruf des Vollmondes Die Nacht war still. Nur das gleichmäßige Rauschen der Wellen am Rand des Rudelgebiets war zu hören. Marie lag in ihrem Bett, die Decke bis zum Kinn gezogen, als der Traum sie wieder packte. Er kam schleichend wie Nebel. Erst war da nur Dunkelheit. Dann das Flackern von Fackeln, das kalte Leuchten des Mondes auf dunklem Stein. Die Frau mit den silbernen Haaren stand allein in einem alten Raum aus Stein – vermutlich ein Ritualraum. Die Frau trug ein Kleid aus feinstem Stoff, bestickt mit Silber glitzernden Mondsymbolen. Ihr Rücken war gerade, ihr Blick erhoben. Doch Schmerz lag in jeder Linie ihres Gesichts. Nur der Mann war bei ihr. Groß, finster, mit einem Mantel aus dunklem Stoff, dessen Saum den Boden streifte. Er trug ein Schwert aus dunklem Metall. Seine Augen waren leer. Seine Aura war wie giftiger Rauch – durchdrungen von dunkler Magie. Keine Zeugen. Keine Wölfe. Nur die beiden. „Ich habe dir vertraut“, sagte die Frau. Ihre Stimme war leise, bebend.„Du hast mein Leben verraten“, flüsterte sie. „Ich habe dich gerettet“, erwiderte er. „Vom falschen Schicksal. Für die Ewigkeit.“ Dann hob er das eiserne Schwert, glühend vor dunkler Energie, und trieb es in ihre Brust. Marie schrie. Doch kein Laut kam über ihre Lippen. Sie sah, wie das Leben aus den silbernen Augen wich. Wie die Frau langsam zusammensank. Wie der Mann sie mit kalter Ruhe hielt. Dann drehte sich der Mann zu Marie. Und sah ihr in die Augen. Direkt. Durch die Zeit hindurch. „Du kannst nicht entkommen“, flüsterte er. „Nicht dieses Mal.“Marie fuhr schweißgebadet aus dem Schlaf hoch. Ihr Herz raste. Ihre Hände zitterten. Der Mond war fast voll. Draußen war es still. Zu still. Der Traum fühlte sich echter an als je zuvor. Der Schmerz in ihrer Brust war noch da – als hätte das Schwert sie selbst durchbohrt. Und tief in ihrem Inneren wusste sie: Es war nicht nur ein Traum. Es war eine Erinnerung. Langsam griff sie an ihre Brust, genau dorthin, wo das Schwert die Frau durchbohrt hatte. Es pochte. Wie ein Echo aus einer anderen Zeit. Wer war dieser Mann? Ein leiser Wind wehte durch das geöffnete Fenster. Es war früh, der Himmel färbte sich gerade hellgrau. Marie schob die Decke zur Seite und stand auf. Es war der letzte Tag vor ihrem 18. Geburtstag. Der Vollmond rückte näher. Sie spürte es. Die Luft vibrierte fast vor Erwartung. Ihr Körper war angespannt, unruhig, als würde etwas in ihr aufwachen wollen – aber noch warten müssen. In der Küche saß Jasmin am Tisch, grinste breit und trank einen Tee. Ihre blonde Mähne war zerzaust, wie immer, wenn sie über Nacht geblieben war. „Na, Bald-Wölfin“, neckte sie, „ Heute noch ganz Mensch?“ Marie versuchte zu lächeln. Jasmin bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte. „Du hast wieder geträumt, oder?“, fragte sie sanfter. Marie nickte stumm. Dann setzte sie sich neben sie. Jasmin legte einen Arm um ihre Schultern. „Hey du bist stark. Wer auch immer du früher warst – das bist du jetzt nicht mehr. Jetzt bist du Marie. Und du wirst bald deinen Wolf bekommen. Deinen eigenen. Und weißt du was? Ich hab so ein Gefühl deiner wird wunderschön.“ Marie sah sie an. Für einen Moment war der Kloß in ihrem Hals verschwunden. „Meinst du, ich schaff das? Die Verwandlung, die Schmerzen alles?“ Jasmin nickte entschieden. „Du bist stärker, als du denkst. Ich glaub an dich.“ Marie lächelte zum ersten Mal an diesem Morgen wirklich. Und während draußen der Wind durch die Bäume zog, spürte sie tief in sich drin den Ruf des Vollmondes – immer näher, immer lauter.Im Laufe des Tages verwandelte sich das Haus langsam. Überall roch es nach Kräutern, Harzen und frischem Brot. Ihre Mutter Mirjam war wie immer in ihrem Element – sie stellte eine schützende Kräutermischung zusammen, die traditionell verbrannt wurde, wenn ein junger Wolf sich zum ersten Mal verwandelte. Ihr Vater Jones baute draußen ein kleines Feuer auf, sammelte Steine für den Kreis, in dem Marie später stehen würde – ein alter Brauch, der helfen sollte, den Geist zu beruhigen, wenn der Wolf erwachte. Diego, der mittlerweile Krieger und Teil der Grenzpatrouille, war extra früher gekommen. Er stand mit verschränkten Armen in der Tür, beobachtete seine kleine Schwester mit dem typischen, leicht überheblichen großen Bruderblick – aber seine Augen verrieten Stolz. „Du wirst das rocken, Kleines“, sagte er und wuschelte ihr durch die Haare, woraufhin Marie grimmig die Stirn runzelte. „Ich bin fast erwachsen!“, protestierte sie. „Fast.“ Er grinste. Am Abend würden sie gemeinsam am Feuer sitzen, während der Vollmond aufstieg. Jasmin würde bei ihr sein, und ihre Familie ebenso. Doch in Marie wuchs die Unruhe. Nicht nur wegen der bevorstehenden Verwandlung… Der Traum lastete schwer auf ihrer Seele. Und irgendwo tief in ihr, in einem Teil, den sie nicht benennen konnte, wusste sie: Diese Nacht würde alles verändern.
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN