Kapitel 5 - Der erste Vollmond

934 Worte
Kapitel 5 – Der erste Vollmond Der Wind trug den salzigen Duft des Meeres herüber, mischte sich mit dem harzigen Rauch, der vom kleinen Feuer im Garten aufstieg. Der Vollmond hing groß und silbrig am Himmel, seine Strahlen tanzten über die Wiese, auf der ein steinerner Kreis vorbereitet war. Marie stand barfuß in der Mitte, die Füße auf kühlem Gras. Ihr Herz raste. Der Moment war gekommen. Sie war achtzehn. Ihre Eltern standen in einem Halbkreis hinter ihr, Diego auf der einen, Jasmin auf der anderen Seite. Alle schwiegen, während der Wind durch die Bäume rauschte. Ein Zittern durchlief ihren Körper. Erst kaum spürbar, dann stärker – wie ein inneres Beben. Ihre Knie gaben nach, sie fiel auf alle Viere. Die Luft wurde heiß, ihre Haut brannte. Schmerz. Ein Feuer, das durch jede Faser raste, als würde sie von innen heraus zerbrechen. Sie schrie auf. „Bleib bei ihr!“, rief ihre Mutter, während Jasmin sich neben sie kniete. Diego ballte die Fäuste, konnte kaum zusehen. Marie rang nach Luft. Ihre Knochen verschoben sich, Muskeln spannten sich unter ihrer Haut. Sie hörte das Knacken ihrer eigenen Wirbelsäule. Dann war da ein Moment… der Stille. Alles um sie herum war plötzlich weit weg. Sie fühlte etwas in sich erwachen. Etwas Altes. Stärkeres. Wunderschönes. Dann – die Transformation. Wo eben noch Marie war, stand jetzt ein Wolf. Schneeweiß. Groß. Anmutig. Die Augen silbrig glänzend wie der Mond. Am Hals: ein dunkles, deutlich sichtbares Mal – ein schwarzer Mond in Form einer Sichel. Stille. Niemand sagte etwas. Nur das Knistern des Feuers war zu hören. Ihre Mutter flüsterte kaum hörbar: „Die Auserwählte…“ Jasmin presste eine Hand vor den Mund. „Sie ist wunderschön…“ Marie fühlte sich plötzlich leicht. Frei. Und doch war da eine neue Stimme in ihrem Kopf. „Willkommen.“ Klar, ruhig, tief. Es war ihre eigene Stimme – und doch nicht. Es war ihr Wolf. Ich bin Teil von dir, sagte die Stimme. Endlich sind wir eins. Marie hob den Kopf. Der Wind verstummte, die Welt stand still. Und dann… Eine andere Stimme. Nicht aus ihr. Nicht von außen. Von oben. „Meine Tochter… du erinnerst dich.“ Vor Marie erschien eine silberne Gestalt, schimmernd wie Nebel. Lange Haare, ein Kleid aus Licht, Augen wie das Universum selbst. Die Mondgöttin. „Du wurdest einst verraten, mein Kind. Doch dein Licht ist nicht erloschen. Du wurdest wiedergeboren, um zu vollenden, was einst begann.“ Marie starrte sie an. Oder war es nur eine Vision? „Deine Gabe, durch Berührung zu sehen, ist das Erbe deiner Seele. Und das Zeichen, das du trägst… es zeigt, wer du wirklich bist. Eine Luna. Nicht irgendeine. Die wahre.“ Ein Bild blitzte auf. Eine Frau mit weißem Haar, blutend auf kaltem Stein. Ein Blick, der Marie durchbohrte. Die Göttin flüsterte: „Du bist mehr, als sie wissen.“ Dann löste sich das Licht auf. Die Wärme blieb. Und Marie wusste: Das war erst der Anfang. Ein Drang durchströmte sie plötzlich. Wild. Unbändig. Ich muss laufen. Ihr Wolf drängte sich nach vorn. Die Muskeln zuckten, die Krallen gruben sich in den Boden. „Marie, warte“, kam die Stimme ihrer Mutter direkt in ihren Gedanken. „Du bist ein seltener Wolf. Es ist besser, wenn dich niemand sieht.“ „Geh den Pfad Richtung Berg – dort ist niemand. Diego weiß, wo die Grenzpatrouille ist. Er hält sie fern.“ Ein verständnisvolles Knurren kam von Diego, der sich bereits verwandelt hatte und nun als brauner Wolf an ihrer Seite stand. Marie sah ihn an. Ein kurzer Nicken – dann rannte sie los. Der Wind peitschte ihr durchs Fell. Jeder Muskel war pure Kraft. Das weiße Fell leuchtete im Mondlicht, während sie sich über Steine, Wurzeln und Hänge bewegte. Alles in ihr war frei. Lebendig. Vollständig. Sie rannten gemeinsam am Hang des Berges entlang, versteckt unter dem Schatten alter Tannen, bis sie schließlich auf einer Lichtung hielten. Ihre Herzen pochten im Einklang. Als sie zurückkehrten, war es still. Die Luft war kühler geworden, das Feuer fast verglommen. Marie verwandelte sich zurück, zitternd, erschöpft – aber voller Kraft. Sie saßen nun im Kreis. Eingehüllt in Decken. Jasmin hielt ihre Hand, ihre Eltern blickten sie an, als würden sie sie zum ersten Mal sehen. „Ein weißer Wolf mit einem schwarzen Mond…“, murmelte ihr Vater. „So etwas gab es nur in alten Geschichten.“ „Und dann die Vision…“, fügte ihre Mutter hinzu. „Die Göttin hat zu dir gesprochen.“ Marie nickte. „Ich glaube, ich war einmal jemand anderes. Jemand… Wichtiges.“ Diego sah sie ernst an. „Und was jetzt?“ Marie blickte zum Mond. „Jetzt finde ich heraus, wer ich wirklich bin.“ Am selben Abend – Rudelhaus Felix schlief unruhig. Sein Körper war müde, doch sein Geist rastlos. Irgendetwas lag in der Luft. Eine Spannung, die er nicht greifen konnte. Ein Windstoß ließ das Fenster klappern. Der Vollmond warf silbrige Muster auf die Dielen. Plötzlich durchfuhr ihn ein stechender Schmerz in der Brust. Seine Augen rissen auf. Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Sein Herz raste. Da war etwas. Jemand. Er stand auf, trat ans Fenster. Der Himmel war klar, der Mond voll und hell – wie eine glühende Mahnung. Und dann… Ein Hauch. Ein Duft, kaum wahrnehmbar, aber so intensiv vertraut, dass sein Wolf in ihm aufheulte. Sie war es. Er presste die Hände gegen das Holz. Seine Gedanken wirbelten. „Das ist unmöglich…“, murmelte er. Doch tief in ihm wusste er: Marie hatte sich verwandelt. Und irgendetwas in dieser Nacht hatte sich unwiderruflich verändert.
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