Kapitel 6 – Das Erbe der Seherin
Ein paar Tage waren seit Maries Verwandlung vergangen, und obwohl sie äußerlich wieder in ihren Alltag zurückgekehrt war, hatte sich innerlich alles verändert.
Sie war kein gewöhnlicher Wolf – das spürte sie mit jedem Atemzug. Der weiße Wolf mit dem schwarzen Mondzeichen war zu einem Teil von ihr geworden, und in stillen Momenten hörte sie ihn flüstern, fühlte seine Präsenz wie einen zweiten Herzschlag.
Doch es war nicht nur der Wolf, der sie veränderte. Es begann mit einer Berührung. Ein altes Holzarmband, das ihrer Großmutter gehört hatte, fiel ihr in die Hände. Kaum hatte sie es berührt, da flackerte ein Bild vor ihren Augen auf – verschwommen, flüchtig, aber real: ein junger Mann, der das Armband verschenkte, eine Frau, die lächelte. Stimmen, Lachen, dann Dunkelheit.
Marie zuckte zurück. „Was… war das?“ Seitdem passierte es immer wieder – bei alten Dingen, bei vergessenen Fundstücken aus dem Haus, bei Dingen mit Geschichte. Immer wieder sah sie „Schattenbilder“ – Bruchstücke von Erinnerungen oder Vorahnungen.
Vergangenes. Künftiges.
Alles schien verbunden.
Sie sprach mit niemandem darüber. Nur Jasmin wusste ein wenig, doch selbst ihr erzählte Marie nicht alles. Stattdessen übte sie heimlich, lernte die Gabe zu kontrollieren, zu lenken. Doch die Bilder kamen unberechenbar – mal sanft, mal wie ein Schlag in die Magengrube.
Eines Abends, als sie allein im Wald war, fand sie eine alte Brosche im Moos – verziert mit einem kleinen Rubin. Als sie sie aufhob, war es, als würde ihr Inneres explodieren.
Ein Mann erschien. Verschwommen. Groß. Dunkle Haare. Goldene Augen. Und ein Blick, der sich tief in ihr Herz brannte.
Schmerz. Verlust. Blut. Verrat.
Sie keuchte, klammerte sich an einen Baum. Inmitten dieser chaotischen Bilder sah sie plötzlich einen weiteren Blick – klar und scharf wie ein Schnitt:
Felix.
Nicht so, wie sie ihn kannte. Anders. Gebrochen. Und doch… verbunden.
Marie stolperte rückwärts, das Herz raste.
Was war das? Was hatte das zu bedeuten?
Sie wusste es nicht. Aber eines war klar:
Etwas Dunkles hatte ihren Weg gekreuzt. Und es war noch nicht vorbei.
Derzeit im Rudelhaus
Die Tage nach Maries Verwandlung zogen sich für Felix wie Kaugummi. Obwohl er versuchte, sich abzulenken, indem er sich mit anderen Wölfinnen umgab, die sich regelmäßig im Rudelhaus aufhielten, konnte er den Gedanken an Marie nicht abschütteln. Ihre Präsenz war wie ein Schatten, der immer hinter ihm lauerte. Ihr Duft. Ihre Augen. Der unerklärliche Schmerz, den er plötzlich empfand, wenn er an sie dachte.
Er ließ sich mit einer Wölfin aus der Grenzpatrouille nieder, versuchte es wenigstens, doch der Abend verlief anders, als er gehofft hatte. Es war nicht der gleiche Zug von Spannung, keine dieser vertrauten Reaktionen. Stattdessen fühlte er sich leer, als ob etwas Entscheidendes fehlte. Und dieses Etwas war Marie.
„Das ist lächerlich“, murmelte er zu sich selbst, als er das Zimmer verließ. Er trat auf den Balkon des Rudelhauses, den Blick zum Himmel gerichtet. Der Mond schien genauso hell und unnachgiebig wie immer, doch für Felix war nichts mehr so, wie es früher war.
Er wusste nicht, warum er sich so unwohl fühlte. Seit dem Moment, in dem er sie zum ersten Mal als seine Gefährtin gespürt hatte, war nichts mehr wie vorher. Der Gedanke, dass sie noch nichts von der Verbindung wusste, machte ihn wütend und verzweifelt zugleich. Sie war „nur“ eine junge Wölfin ohne Rang, und er hatte das Gefühl, dass ihr Band ihn schwächte.
Er trat von der Balustrade zurück und suchte nach einer Ablenkung. Beim Training, beim Sprechen mit anderen Wölfen, kam es ihm vor, als würde alles an ihm vorbeigehen – als wäre er nicht wirklich da.
„Felix, du musst aufhören, dich so zu quälen“, sagte er sich, doch tief in ihm wusste er, dass es keine einfache Lösung gab.
Am nächsten Morgen, als er Diego beim Training begegnete, konnte Felix nicht anders, als ihn ein wenig auszufragen.
„Was hältst du von Marie?“, fragte Felix beiläufig, als Diego sich gerade mit einem anderen Krieger unterhielt. Es war eine der vielen Fragen, die er sich immer wieder stellte. Doch er konnte es sich nicht leisten, seine Frustration und seine Besessenheit direkt zu zeigen.
„Was meinst du?“, fragte Diego, die Stirn in Falten gelegt, als Felix ihn ohne einen erkennbaren Grund anschaute.
„Die Verwandlung… das muss unglaublich gewesen sein“, sagte Felix vorsichtig und versuchte, die Worte zu zügeln. „Hat sie sich verändert?“
Diego zuckte mit den Schultern. „Natürlich hat sie sich verändert. Jeder junge Wolf verändert sich nach seiner Verwandlung. Du solltest wissen, dass es ein harter Weg ist, aber Marie ist stark.“
Felix’ Augen verengten sich. „Ist sie anders als du es dir vorgestellt hast?“, fragte er unauffällig weiter.
Diego musterte ihn einen Moment lang und gab dann eine vage Antwort. „Was meinst du?“
Felix schnaubte innerlich. Diego wollte ihm nichts verraten. Doch Felix spürte, dass er etwas wusste. Etwas, was er nicht wollte, dass Felix erfuhr. Etwas über Marie. Die Verbindung, die er selbst noch nicht ganz verstand.
„Vergiss es“, sagte Felix schließlich und wendete sich ab. Doch der Frust in ihm wuchs weiter. Es war, als ob er gegen unsichtbare Wände ankämpfte, und er war nicht sicher, wie lange er sich noch beherrschen konnte.