Kapitel 7 – Zwischen Duft und Pflicht
Seit einigen Tagen bemerkten Alpha Lucian und seine Luna Marianne eine Veränderung an ihrem Sohn. Felix war rastloser geworden. Seine Nächte waren unruhig, und oft erwischte man ihn dabei, wie er gedankenverloren aus dem Fenster starrte oder viel zu grob mit seinen Trainingspartnern umging. Er war sonst nie ein Freund vieler Worte, aber nun schien ihn etwas tief zu beschäftigen.
„Er ist… abwesend“, murmelte Marianne eines Morgens, als sie gemeinsam mit Lucian frühstückte.
Der Alpha legte seine Gabel zur Seite, seine Stirn in Falten. „Ich habe es auch gespürt. Etwas hat ihn aufgewühlt. Seit der Krieger-Zeremonie ist er nicht mehr derselbe.“
Sie sahen sich lange an. In ihrer beider Herzen regte sich ein leiser Verdacht, doch keiner sprach ihn aus. Noch nicht.
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Diego, stolz und erfüllt von seinem neuen Rang, hatte das Rudelhaus mittlerweile bezogen, doch er vermisste seine kleine Schwester. Sie war ruhiger geworden, seit der Feier, und obwohl sie sich immer Mühe gab, fröhlich zu wirken, spürte er, dass sie etwas bedrückte.
„Magst du mit mir in die Stadt, Marie?“, fragte er sie eines Morgens, als sie gemeinsam im Garten der Familie standen. „Ein bisschen Kaffee, ein Stück Kuchen. Du und ich – wie früher.“
Marie lächelte. „Gern. Ich war schon lange nicht mehr in der Stadt.“
Da sie das Rudelhaus wegen Felix’ Befehl nicht betreten durfte, verabredeten sie sich so, dass Diego sie am Rand des Rudelhauses aufsammeln würde. Marie wartete dort, die Sonne wärmte ihr Gesicht, während sie sich an die Nacht erinnerte – an das, was sie über sich erfahren hatte. Der schwarze Mond an ihrem Wolfshals… ihre Gabe…
Ein Rascheln ließ sie aufhorchen. Sie hob den Kopf – und sah Felix.
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Felix war eigentlich auf dem Weg zum Trainingsplatz, doch kaum kam er in die Nähe des Rudelhaus-Eingangs, traf ihn ein Duft wie ein Schlag. Er erstarrte. Warm. Vertraut. Beruhigend… und gleichzeitig elektrisierend. Wie eine Erinnerung aus einem Traum, den er nie geträumt hatte.
Sein Wolf erwachte sofort.
Sie ist hier.
Seine Sinne überschlugen sich. Er folgte dem Duft und entdeckte Marie – sie stand dort, im Licht der Morgensonne, ihr Haar glänzte wie dunkler Samt, und ihre Augen leuchteten.
„Was… was machst du hier?“ Seine Stimme klang rau, fast zu scharf.
Marie zuckte leicht zusammen. „Ich warte auf meinen Bruder. Wir wollten in die Stadt.“
Felix trat einen Schritt näher. Sein Blick glitt über ihr Gesicht, dann zog er die Luft ein. Der Duft… es hat sich verändert.
„Du riechst… anders“, murmelte er. „Du riechst wie… eine Luna.“
Marie blinzelte verwirrt. „Was meinst du?“
Doch Felix schüttelte den Kopf, als würde er sich selbst zurückholen. Nein, das darf nicht sein. Du darfst nicht…
Er trat näher, seine Augen funkelten. Dann flüsterte er mit einer Stimme, die durchdringend und unausweichlich war:
„Du wirst das Rudelhaus nie wieder betreten. Das ist mein Wille.“
Marie’s Körper spannte sich an. Der Befehl brannte sich tief in ihr ein, zwang sie innerlich, sich davon abzuwenden – obwohl sie nicht verstand, warum.
In diesem Moment tauchte Diego auf. Er sah sofort, dass etwas nicht stimmte. „Ist alles in Ordnung hier?“
Marie lächelte schwach. „Ja… alles gut. Lass uns gehen.“
Diego warf Felix einen misstrauischen Blick zu, aber sagte nichts.
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Während Marie und Diego in die Stadt gingen, blickte Felix ihnen lange nach. Sein Herz pochte, sein Wolf raste.
Warum tut es so weh, sie wegzuschicken?
Nach dem Zwischenfall am Rudelhaus
Die Stadt war lebendig, aber Marie nahm kaum etwas davon wahr. Während sie mit Diego durch die Straßen schlenderte, spürte sie immer noch das Prickeln auf ihrer Haut. Der kurze Moment mit Felix – sein Blick, sein Duft, das Flackern in seinen Augen – ließ sie nicht los.
„Setzen wir uns kurz?“, fragte Diego und lenkte sie in das kleine, gemütliche Café am Marktplatz. Es roch nach frisch gebackenem Kuchen, warmer Milch und etwas, das Marie immer mit ihrer Kindheit verband. Jasmins Eltern lächelten ihnen freundlich zu, als sie eintraten, und Marie erwiderte den Gruß geistesabwesend.
Sie nahmen an einem kleinen Tisch am Fenster Platz. Diego bestellte zwei Stücke Schokoladenkuchen – ihren Lieblingskuchen – und eine heiße Schokolade.
„Du bist heute still“, bemerkte Diego, während er sich zurücklehnte. „Geht es dir gut?“
Marie zögerte, rührte in ihrer Schokolade und sah dann zu ihm auf. „Sag mal… rieche ich anders? Also… wirklich anders?“
Diegos Stirn legte sich in Falten. Er beugte sich leicht vor und sog die Luft ein, ganz instinktiv wie ein geübter Fährtensucher. Dann erstarrte er.
„Ja…“, sagte er schließlich leise. „Du riechst… kraftvoller. Es ist schwer zu beschreiben. Es ist, als würdest du… nach Führung riechen. Wie eine Luna.“
Marie schluckte. Das Wort hatte sie selbst nie ausgesprochen. Doch sie hatte es gefühlt – in Felix’ Blick, in der Art, wie sein Wolf auf sie reagiert hatte.
„Ist das möglich?“, flüsterte sie. „Dass mein Duft sich verändert hat… weil ich jetzt ein Wolf bin? Oder… weil ich früher etwas anderes war?“
Diego sah sie lange an, ernst und nachdenklich. „Du bist kein gewöhnlicher Wolf, Marie. Du warst es nie. Vielleicht ist das alles… Teil deines Erbes. Deiner Bestimmung.“
Sie nickte langsam, während ihr Blick aus dem Fenster wanderte. Der Himmel färbte sich in goldene Abendtöne, als wollte er ihre Gedanken unterstreichen. Irgendetwas veränderte sich – in ihr, um sie herum. Und der Duft war nur der Anfang.
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Später an diesem Tag saßen Alpha Lucian und Luna Marianne auf der Terrasse des Rudelhauses. Marianne hatte alles vom Fenster aus beobachtet.
„Er hat sie gesehen. Und weggeschickt.“
Lucian seufzte. „Sein Wolf hat sie erkannt… aber er weigert sich, es zu akzeptieren.“
Marianne blickte hinaus auf das weite Land. „Wir müssen etwas tun. Bald ist der Paarungsball im Nachbarrudel. Vielleicht…“
„…sollten wir dafür sorgen, dass sie beide eingeladen sind“, beendete Lucian den Gedanken.
Ein Plan nahm Gestalt an.