Rückblick und Gedanken

1032 Worte
Manchmal, wenn alles um mich herum still ist, finde ich mich in meinen Gedanken wieder. In diesen Momenten lasse ich alles Revue passieren – die kleinen Dinge, die großen Veränderungen, die Tränen, das Lachen und die Unsicherheiten. Es ist fast, als würde ich meine eigene Geschichte noch einmal lesen, um zu verstehen, wie ich hierhergekommen bin. Am Anfang war alles so kompliziert. Oder vielleicht war es das gar nicht, vielleicht habe ich es nur komplizierter gemacht, als es war. Aber wie sollte ich das nicht tun? Seit ich denken kann, trage ich dieses Gefühl in mir – dieses Wissen, dass irgendetwas an mir anders ist. Als ich jünger war, konnte ich es nicht benennen. Es war nur eine leise Stimme, ein Flüstern in meinem Inneren, das immer lauter wurde, je älter ich wurde. Irgendwann konnte ich es nicht mehr ignorieren: Ich war nicht der Junge, den die Welt in mir sah. Ich erinnere mich daran, wie es war, das erste Mal über diese Gedanken zu sprechen. Es war wie ein Knoten in meiner Brust, der endlich platzte. Hannah war die Erste, die es wusste. Sie hat nicht einmal gezögert, mich in den Arm zu nehmen und zu sagen: „Du bist immer noch du, Jules. Und ich bin immer für dich da.“ Diese Worte haben so viel bedeutet, mehr als ich damals ausdrücken konnte. Hannah war meine Zuflucht in einer Welt, die mich oft so fremd und kalt anfühlte. Aber es war nicht immer leicht, selbst mit Hannah an meiner Seite. Jeden Morgen wachte ich auf, zog Kleidung an, die nicht zu mir passte, und setzte eine Maske auf, die so eng saß, dass sie manchmal wehtat. In der Schule spielte ich die Rolle, die alle von mir erwarteten. Jules, der Junge. Jules, der sich in Oversize-Shirts und weiten Hosen versteckt. Jules, der lächelt, obwohl er innerlich schreit. Dann war da die Travestieshow. Es war nur ein kurzer Moment, aber dieser Moment hat alles verändert. Als ich die Darstellerin auf der Bühne sah, wie sie sich mit so viel Selbstbewusstsein bewegte, mit so viel Stolz und Freiheit, war es, als würde jemand das Licht in einem dunklen Raum anknipsen. Zum ersten Mal konnte ich mir vorstellen, wie es wäre, wirklich ich selbst zu sein. Es war ein wunderschöner, schmerzhafter Gedanke, weil ich wusste, dass ich noch einen langen Weg vor mir hatte, um dorthin zu kommen. David war ein weiterer Lichtblick. Als er sich mir anvertraute und erzählte, dass er sich geoutet hatte, bewunderte ich seinen Mut. Aber seine Geschichte machte mir auch Angst. Seine Eltern hatten nicht verstanden, was er ihnen zu sagen versuchte, und das hatte ihn tief verletzt. Es brachte mich dazu, mich zu fragen: Was würde passieren, wenn ich mich outen würde? Würde mein Vater mich noch ansehen können? Würde er mich überhaupt noch lieben? Diese Gedanken hielten mich nachts wach. Trotzdem gab mir Davids Offenheit auch Hoffnung. Er hatte den Schritt gewagt, und auch wenn es nicht perfekt lief, wirkte er so viel freier als zuvor. Und dann war da noch Jenny. Sie kam in unser Leben wie ein sanfter Sturm, der alles ein wenig aufrührte, aber auf die beste Art und Weise. Sie brachte nicht nur meinen Vater zum Lächeln, sondern auch mich. Es war, als würde sie mich wirklich sehen – nicht nur das, was ich nach außen hin zeigte, sondern auch das, was ich versuchte zu verstecken. Ihre Worte und ihr Verständnis gaben mir das Gefühl, dass ich vielleicht eines Tages wirklich frei sein könnte. Und dann kam Noah. Ich kann nicht einmal genau sagen, wann es passiert ist, aber irgendwann wurde er zu einem festen Bestandteil meiner Gedanken. Seine Blicke, sein Lächeln, die Art, wie er spricht – alles an ihm zieht mich an. Unser erstes langes Gespräch in dieser Nacht, in der ich nicht schlafen konnte, hat so viel verändert. Er hat etwas in mir berührt, das ich lange vergraben hatte. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass ich jemandem gegenüber einfach nur ich sein konnte, ohne Angst, ohne Scham. Als er mir sagte, dass er bi ist, war ich überglücklich. Nicht, weil es etwas an meinen Gefühlen für ihn änderte, sondern weil es mir zeigte, dass er genauso komplex und offen war wie ich. Unser gemeinsamer Tag war wie ein kleiner Ausbruch aus der Realität. Wir lachten, redeten über alles Mögliche und währenddessen spürte ich, wie die Verbindung zwischen uns stärker wurde. Ich fragte mich, ob er es auch spürte. Vielleicht war ich nicht so allein, wie ich immer gedacht hatte. Aber so schön diese Momente auch waren, die Schatten blieben. Mein Vater … Ich liebe ihn, aber es gibt so vieles, das er nicht versteht. Jedes Mal, wenn er mich „mein Sohn“ nennt, zieht sich etwas in mir zusammen. Ich weiß, dass er es nicht böse meint, aber es erinnert mich daran, wie weit ich noch davon entfernt bin, ihm die Wahrheit zu sagen. Jenny sieht es. Sie bemerkt die kleinen Dinge, meine Blicke, mein Schweigen. Und ich bin ihr so dankbar, dass sie da ist, dass sie mich unterstützt, auch wenn sie nicht alles versteht. Manchmal frage ich mich, wie meine Zukunft aussieht. Werde ich jemals den Mut haben, offen zu leben? Werde ich jemals das Gefühl haben, wirklich ich selbst zu sein? Diese Fragen bleiben unbeantwortet, aber in den letzten Wochen habe ich etwas gelernt: Es gibt Menschen, die an meiner Seite stehen. Hannah, David, Jenny und jetzt auch Noah. Sie geben mir Kraft, auch wenn ich sie nicht immer an mich heranlasse. Ich weiß nicht, was die nächsten Tage, Wochen oder Monate bringen werden. Aber wenn ich eines sicher weiß, dann das: Ich bin nicht mehr dieselbe Person, die ich am Anfang dieser Geschichte war. Ich bin immer noch voller Zweifel und Angst, aber ich bin auch voller Hoffnung. Und das ist etwas, woran ich mich festhalten kann. Mit diesen Gedanken lege ich meinen Stift zur Seite. Es tut gut, alles aufzuschreiben, es aus meinem Kopf herauszulassen. Vielleicht ist das hier kein Filler-Kapitel in meinem Leben, sondern ein wichtiger Teil davon. Ein Moment der Reflexion, bevor es weitergeht. Ein Moment, um Kraft zu sammeln und an das zu glauben, was noch kommen wird.
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