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857 Worte
Hanni „Mama." Valentin katapultierte sich vom Sofa. Ich fing ihn auf, meine Knie gaben fast nach unter dem Aufprall. Ich roch nach Krankenhaus-Desinfektionsmittel und Versagen. Er roch nach Erdbeer-Shampoo und Hoffnung. „Hi, mein Schatz", murmelte ich in seinen Hals. „Tut mir leid, dass ich so spät bin." „Ich hab dir was mitgebracht." Er zappelte sich aus meinen Armen, die Hände hinter dem Rücken versteckt. Ich zwang mich zu einem Lächeln. „Echt?" „Das sind Erster-Tag-Blumen." Er machte eine Pause. „Aber ich kann sie morgen nicht mehr kaufen – dann ist ja nicht mehr dein erster Tag." „Oh, okay", antwortete ich und wuschelte durch sein Haar. „Kluger Plan." Ich sah Kerstin aus der Küche spähen und warf ihr eine Kusshand zu. „Willst du sie sehen?", fragte Valentin. „Ja, bitte." Mein kleiner Mann schnappte sich meine Hand und führte mich nach oben. Da, auf meinem Nachttisch, stand eine Vase mit leuchtenden, wunderschönen Blumen. Ich beugte mich hinunter und atmete ihren Duft ein. „Ich liebe sie, danke, Valentin." Er flitzte schon wieder los. „Ich hab noch was gemacht!", rief er über die Schulter. Ich setzte mich aufs Bett und wartete. Ein Kloß bildete sich in meinem Hals. Ich musste kurz wegschauen. Er kam zurück und hielt ein Bild hoch, das er gemalt hatte. Ich kniff die Augen zusammen und betrachtete das Buntstift-Gekritzel. Ein schiefes Viereck … eine Strichfigur mit acht Beinen? „Hmm", sagte ich, die Kehle eng. „Knifflig! Ich liebe es", hauchte ich. Er zeigte darauf. „Ja, weil du manchmal keinen Kittel haben wirst." Ich runzelte die Stirn. Was? „Oh … das bin ich?" „Ja!" Er krabbelte auf meinen Schoß. „Siehst du? Die Kringellinien in einem Viereck. Das ist das Krankenhaus. Du bist die Ärztin." Ein breites Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. „Ah … ja, jetzt seh ich's." Er strahlte, die Brust aufgeplustert wie ein Täuberich. „Wo ist Kerstin?", fragte ich. „In der Küche." „Komm. Lass uns ihr meine Blumen zeigen!" Er runzelte die Stirn, überlegte kurz und winkte mich näher. „Geheimnis", flüsterte er. Ich beugte mich vor. „Sie weiß von deinen Blumen." „Wirklich?" „Sie hat sie gekauft." Ich tat so, als wäre ich schockiert. „Oh!" „Aber ich muss so tun, als hätte ich sie gekauft", zischte er. „Ich hab kein Geld." Ich küsste seine Schläfe. „Dein Geheimnis ist bei mir sicher." „Gut." Er schnappte sich meine Hand und führte mich nach unten zu Kerstin, die Valentins Beschützerin war, seit Tag eins. Ich konnte ihr niemals zurückzahlen, was sie alles für uns getan hatte. Ich küsste ihre Wange. „Danke." „Herzlichen Glückwunsch zum ersten Tag", grinste sie, die Augen funkelnd. Valentin kletterte auf den Hocker neben mir und grinste wie ein Honigkuchenpferd. „Valentin hat mir Blumen gekauft", erzählte ich ihr. „Hab ich gesehen", sagte sie lächelnd. „Du hast Glück, so einen Sohn zu haben." Ich legte meinen Arm um Valentin und küsste seinen Scheitel. „Mein kleiner Prinz." Ich fing an, sein Gesicht mit Küssen zu übersäen, bis er quietschte vor Lachen. „Hör auf, Mama! Hör auf!" Kerstin schob meinen Teller rüber – Auflauf und Kartoffelpüree, genau wie zu Hause. Ich griff nach ihrer Hand. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie viel mir das bedeutet, dass du das alles machst." Sie lächelte warm und schenkte mir Wein ein. „Ich weiß. Bin gespannt, alles über deinen Tag zu hören … und deinen neuen Chef." Ich schaufelte Essen in meinen Mund. „Netter Chef. Leckeres Essen." „Und?" Ich grinste mit vollem Mund. „Und ich erzähl's dir später – direkt nachdem ich diese Flasche gekillt hab." „Schöner Versuch." Kerstin schnaubte und langte über den Tisch, um mein Glas bis zum Rand aufzufüllen. „Du kommst mir nicht mit Weinflucht. Raus damit. Auf einer Skala von eins bis München – wie am Arsch bist du?" Ich erstarrte, die Gabel auf halbem Weg zum Mund. „Hanni?" Ich legte die Gabel hin. Ich konnte sie nicht ansehen. Ich starrte stattdessen auf den Rotwein. „Heilige Scheiße." Kerstins Hand flog zu ihrem Mund. „Warte, wie heißt er?" Ich schloss die Augen. „Kilian." „Das ist ein ziemlich cooler Name für einen Arzt." „Er ist Valentins Vater!" Die Stille, die folgte, war ohrenbetäubend. Ich wagte einen Blick zu ihr. Ihr Gesicht wurde völlig ausdruckslos, und alle Farbe wich aus ihren Wangen. „ER IST VALENTINS VATER?" Ich seufzte. Wer hätte gedacht, dass eine Nacht vor Jahren mir so in den Hintern beißen würde? Kerstin stellte ihr Glas ab. Langsam. Betont. „Du arbeitest für Valentins Vater?" „Ich bin seine Assistenzärztin", sagte ich, und die Worte schmeckten wie Asche. „Meine Rotation dauert zwölf Monate." Kerstin sah mich an, dann Valentin, dann wieder mich. „Hannelore. Du steckst so unfassbar tief in der Scheiße." „Das ist nur eins meiner aktuellen Probleme." „Warte. Es gibt noch mehr?" Kerstin sah aus, als hätte sie endgültig genug von mir. „Ich hab gesagt, ich hätte kein Kind." „Du hast was?"
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