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856 Worte
Hanni „Du hast gelogen, dass du ein Kind hast?" Ich war so dankbar, dass Valentin völlig vertieft in seine PJ Masks-Sendung im Fernsehen war. Ich gab Kerstin ein Zeichen, leiser zu sprechen. „Die Formulare waren ewig lang, und ich hab eine Stunde daran gesessen. Ich weiß nicht, warum ich das geschrieben hab. Ich hab's einfach gemacht." „Ich versteh nur nicht, warum du gelogen hast." Kerstin runzelte die Stirn. „Es ist doch nichts Schlimmes daran, Kinder zu haben, Hannelore." Ich stieß einen resignierten Seufzer aus. „Ich weiß, aber ich wusste ja nicht, dass ich ihn sehen würde, als ich das ausgefüllt hab, oder?" Ihr Blick hielt meinen fest. „Ich will nicht beurteilt werden und Sonderbehandlung kriegen, weil ich alleinerziehend bin." „Das wirst du nicht." „Doch, werde ich. Dann krieg ich das ganze ‚Geh du ruhig zuerst, dein Kind wartet'-Gelaber. ‚Du kannst keine Überstunden machen, weil du ein Kind zu Hause hast.'" Kerstin sah mich traurig an. „Aber was ist, wenn du diesen Typen magst und er dich auf ein Date einlädt?" „Wird er nicht." „Vielleicht doch. Er hat sich an dich erinnert. Das ist doch was." Sie lächelte hoffnungsvoll. Ich verdrehte die Augen und leerte mein Glas. „Glaub mir. Sobald er rausfindet, dass ich ein Kind habe, verliert er sofort das Interesse. Dann bin ich nur noch irgendeine Mutter, die keiner mehr braucht." Kerstin schürzte nachdenklich die Lippen. „Du musst es ihm sagen. Wenn auch nur die kleinste Chance besteht, dass ihr wieder anknüpfen könntet, wo ihr aufgehört habt …" Mein Blick hielt ihren. „Du redest seit Jahren von diesem Typen. Hast jeden mit ihm verglichen. Und jetzt ist er durch irgendeine verrückte Fügung des Schicksals wieder in deinem Leben aufgetaucht …" Sie legte den Kopf schief. „Und du hast das Ganze mit Lügen angefangen. Was stimmt nicht mit dir?" „Ach Gott, ich weiß es nicht." Ich ließ den Kopf in die Hände sinken. „Ich war total durch den Wind. Er ist so wahnsinnig gut aussehend, und die Frauen schmelzen nur so dahin. Ich hab mich einfach so verdammt alt gefühlt." „Geh morgen rein und erzähl ihm alles. Sag ihm, dass du dich an ihn erinnerst, sag ihm, dass du einen Sohn hast, und sag ihm, dass du sehen willst, ob da noch was zwischen euch ist." „Das sag ich nicht." Ich verzog angewidert das Gesicht. „‚Ich würde gerne erkunden, was zwischen uns ist.' Klingt ja wie Dirk Steffens bei einer Naturdokumentation." Sie lachte. „Wie sah er aus?" „Ich hab noch nie einen so heißen Mann gesehen." Ich warf den Kopf zurück. „Der könnte mir gefährlich werden, so viel steht fest." Ich schüttelte den Kopf. „Ich bin praktisch wieder Jungfrau." „Hast du ein Foto von ihm gemacht?" Ich verzog wieder das Gesicht. „Spinnst du? Ich mach doch kein verdammtes Foto von ihm." Ich schüttelte ungläubig den Kopf. „‚Oh, meine Freundin will wissen, wie du aussiehst. Darf ich mal kurz knipsen?' Nein." Sie lachte, und wir verfielen beide in Schweigen, tief in Gedanken versunken. „Was wirst du machen?", fragte sie schließlich. „Also, erstens werde ich die Arbeitsklamotten aufwerten und gut aussehen." Ich kniff die Augen zusammen. „Zweitens werde ich ihn in ein Büro zerren und meine Lüge beichten." „Du solltest ihn küssen." „Was?" Ich grinste. „Stell dir vor: Du kommst richtig sexy rein, bittest ihn, in ein Büro zu kommen, und dann küsst du ihn. So richtig verführerisch." Ich schaute sie ausdruckslos an. „Das ist mein Job. Es gibt Regeln, die ich nicht brechen kann." Sie lächelte und hob ihr Glas. „Ich möchte einen Toast ausbringen." Ich hob mein Glas, eine Augenbraue hochgezogen. „Auf das Brechen von Regeln – in Büros, auf Schreibtischen, mit Ärzten." Ich lachte und schnaubte mir Wein in die Nase, hustete unkontrolliert. „Halt die Klappe! Ich werde keinen Arzt auf einem Schreibtisch verführen. Dann flieg ich raus." „Oder wirst ordentlich durchgevögelt." Ich hustete weiter, während ich lachte, und wedelte mit der Hand, damit sie aufhörte. Kerstin stellte ihr Glas langsam ab. Ihr Lächeln verblasste. „Also", sagte sie, ihre Stimme wechselte den Ton. „Du willst morgen reingehen, gut aussehen, ihn in ein Büro zerren und alles beichten?" „Das ist der Plan." Sie beugte sich vor, die Ellbogen auf dem Tisch, ihr Blick bohrte sich in meinen. „Sag mir eins, Hanni." Mein Magen zog sich zusammen. „Was?" „Wenn du ‚alles beichtest'" – sie machte Anführungszeichen in der Luft – „wirst du ihm dann auch sagen, dass Valentin seiner ist?" Mein Blut gefror zu Eis. Das Lachen erstarb mir in der Kehle. Der Raum fühlte sich plötzlich zu klein an, zu still, abgesehen von den Zeichentrickstimmen aus dem Fernseher. „Denn", fuhr sie fort, ihre Stimme tödlich ruhig, „wenn du ihn verführst, ohne ihm zu sagen, dass er ein Kind hat …" Sie beugte sich näher. „Dann wirst du nicht nur gefeuert." Ihr Blick bohrte sich in meinen. „Dann kommst du in die Hölle."
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