Der Raum fühlte sich sehr kalt an.
Elara stand still, ihre Finger berührten das alte Foto von Adelaide. Adrian lächelte sie an, aber es war kein freundliches Lächeln. Es war das Lächeln eines Wolfs kurz bevor er zubeißt.
„Du wusstest es“, flüsterte Elara. Ihre Stimme klang klein, wie die einer kleinen Maus.
„Ja“, sagte Adrian leise. „Ich wusste immer von deiner Gabe.“
Lily hielt Elaras Hand fest. „Welche Gabe? Elara, wovon spricht er?“
Elara konnte nicht sprechen. Sie erinnerte sich an die Worte ihrer Großmutter von vor langer Zeit.
„Man nennt es die ungeschriebene Gabe. Sie lässt dich verschwinden. Nicht nur verstecken. Wirklich verschwinden. Aus Augen, aus Erinnerungen, aus Bildern.“
Adrian machte einen Schritt näher. „Deine Großmutter hatte sie. Adelaide hatte sie. Und jetzt hast du sie. Und ich will sie.“
„Nein“, sagte Elara, ihr ganzer Körper zitterte. „Du kannst sie nicht haben.“
„Oh, aber das kann ich“, sagte Adrian. Seine Stimme war süß wie Honig, doch darunter lag eine Schärfe wie bei einem Messer. „Ich habe dafür gesorgt, dass du mich heiratest. Ich habe Lily genommen. Ich habe alles geplant. Deine Macht wird mir gehören.“
Lilys Augen waren weit vor Angst. „Elara, lauf!“
Aber es gab keinen Ort zum Weglaufen. Die Tür war verschlossen. Adrian stand zwischen ihnen und dem Tunnel.
Adrian streckte die Hand aus, um Elara an der Wange zu berühren. Sie wich zurück, doch er packte ihr Handgelenk. Sein Griff war hart und tat weh.
„Lass sie los!“, rief Lily und zog an seinem Arm.
Adrian sah sie nicht einmal an. Seine Augen waren nur auf Elara gerichtet. „Du gehörst mir“, flüsterte er. „Heute, morgen, für immer. Deine Macht gehört mir.“
Elara spürte heiße Tränen in ihren Augen. Doch unter den Tränen regte sich noch etwas anderes. Ein tiefes, leises Summen in ihrer Brust. Ein Gefühl wie unsichtbare Flügel, die unter ihrer Haut flatterten.
Es war die Gabe.
Sie erwachte.
„Lass… los…“, sagte sie mit zitternder Stimme.
Adrian lachte. „Oder was? Du verschwindest wieder? Du kommst doch immer zurück.“
Elara schloss die Augen.
Sie dachte an Lilys Lachen. Sie dachte an das freundliche Gesicht ihrer Großmutter. Sie dachte an die Sonne auf ihrer Haut, an das Gefühl von Freiheit.
Dann dachte sie an Adrians Hand um ihr Handgelenk. Sein kaltes Lächeln. Seine Pläne, ihre Macht für immer einzusperren.
Nein, dachte sie. Nicht heute.
Das Summen in ihr wurde stärker. Es fühlte sich an wie Wind, wie Licht, als bestünde sie aus Luft.
„Elara?“ Lilys Stimme klang ängstlich.
Adrians Lächeln verschwand. „Was machst du?“
Elara öffnete die Augen. Sie sah ihn direkt an. „Ich gehe.“
„Du gehst nirgendwo hin“, knurrte er und drückte ihr Handgelenk fester.
Doch seine Finger… glitten ab.
Nicht weil sie sich losriss. Sondern weil ihre Haut zu Nebel wurde.
„Nein!“, schrie Adrian und griff mit beiden Händen nach ihr.
Doch seine Hände gingen einfach durch sie hindurch, als bestünde sie aus Rauch.
Elara fühlte sich leicht. So leicht. Der Raum begann zu verblassen die Regale, die Fotos, der Staub in der Luft. Die Farben verschwammen zu Grau, dann zu Weiß.
Sie sah Lily an. „Ich komme zurück für dich. Ich verspreche es.“
Lily weinte, aber sie nickte. „Ich weiß.“
Adrian schrie jetzt, sein Gesicht rot vor Wut. Er sah aus wie ein schreckliches Monster aus einer Geschichte. Noch einmal stürzte er auf sie zu.
Aber Elara war nicht mehr da.
Sie war…
Nirgendwo.
Und überall.
Es war still. So still. Wie unter Wasser. Sie konnte ihren Körper nicht fühlen. Sie konnte den Boden nicht spüren. Sie war nur… ein Gedanke. Ein Gefühl. Ein Wunsch, fort zu sein.
Aber sie konnte noch sehen.
Sie sah Adrian auf die leere Stelle starren, an der sie eben noch gestanden hatte. Sein Mund stand offen. Seine Augen waren weit vor Schock. Dann vor Wut.
„ELARA!“, schrie er, seine Stimme hallte durch den leeren Raum.
Er wandte sich Lily zu, die mit dem Rücken an der Wand stand. „Wo ist sie?!“
„Ich weiß es nicht!“, sagte Lily mit zitternder Stimme. „Sie ist weg!“
„Sie kann nicht weg sein!“, brüllte Adrian. Er begann Dinge zu werfen Bücher, Bilder, einen kleinen Tisch. Alles krachte zu Boden und zerbrach.
Elara beobachtete es. Sie war wie ein Geist. Sie konnte sich bewegen, doch es gab keinen Laut. Sie glitt zur Tür.
Sie sah den Schlüssel im Schloss. Er war groß und alt.
Ich kann ihn berühren, dachte sie. Ich bin noch hier.
Sie versuchte sich zu konzentrieren. Ihre Hand wieder fest werden zu lassen, nur für einen Moment.
Es war schwer. Wie Wasser in den Fingern festhalten.
Aber sie versuchte es. Sie dachte an Lilys Gesicht. An Freiheit.
Ihre Finger wurden real nur ein wenig, nur für einen Augenblick.
Sie drehte den Schlüssel.
KLICK.
Das Geräusch war leise, doch in dem stillen Raum klang es laut.
Adrian hörte auf zu werfen. Er sah zur Tür.
Auch Lily sah zur Tür. Ihre Augen waren groß und voller Hoffnung.
Adrian rannte zur Tür und zog die Klinke. Sie öffnete sich.
Er sah verwirrt aus. Dann wütend. „Hast du das gemacht?“, schrie er Lily an.
„Nein!“, sagte Lily.
Doch Adrian wartete nicht. Er rannte hinaus in den Flur und schrie nach seinen Wachen. „FINDET SIE! SIE KANN NICHT WEIT GEKOMMEN SEIN!“
Der Raum wurde wieder still.
Lily war allein.
Elara wollte sie umarmen. Ihr sagen, dass alles gut werden würde.
Aber sie war nur Luft. Nur ein Flüstern.
Also tat sie das Einzige, was sie konnte. Sie strich mit ihrer Geisterhand über Lilys Wange ganz sanft, wie eine Brise.
Lily keuchte. Sie berührte ihre Wange und sah sich im leeren Raum um.
Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Ich weiß, dass du hier bist“, flüsterte sie. „Sei vorsichtig.“
Dann glitt Elara durch die Tür hinaus.
Sie schwebte den Flur entlang wie ein Blatt im Wind. Am Ende des Flurs sah sie Adrian, der zwei großen Männern in Anzügen anschrie.
„Durchsucht jedes Zimmer! Jeden Schrank! Sie muss hier sein!“
Die Männer rannten davon.
Adrian lehnte sich gegen die Wand und verbarg sein Gesicht in den Händen. Dann blickte er auf.
Seine Augen waren jetzt nicht mehr wütend.
Sie waren kalt. Wie Eis.
„Du glaubst, du hast gewonnen, Elara?“, sagte er in den leeren Flur. Seine Stimme war leise, aber sie ließ die Luft frösteln. „Du glaubst, du kannst dich vor mir verstecken?“
Er richtete sich auf. Ein langsames, beunruhigendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
„Jetzt kenne ich dein Geheimnis. Und ich weiß, wie man einen Geist fängt.“
Er zog sein Handy heraus und drückte eine Taste.
„Sable?“, sagte er ins Telefon. „Sie hat sich ausgelöscht. Genau wie wir gehofft haben. Es ist Zeit für Phase Zwei.“
Er hörte einen Moment zu und nickte dann.
„Bring die Maschine“, sagte er. „Wir werden sie fangen.“
Dann legte er auf und ging davon, seine Schuhe klackten auf dem Boden.
Elaras Geisterherz fühlte sich kalt an.
Sable? Maschine? Phase Zwei?
Adrian war nicht nur ein schlechter Mensch. Er war Teil von etwas Größerem. Etwas Schlimmerem.
Und er versuchte nicht nur, sie zu finden.
Er versuchte, sie für immer zu fangen.
Sie war verschwunden, um frei zu sein.
Aber jetzt begriff sie…
Vielleicht war sie direkt in einen Käfig verschwunden.