Kapitel 8: Der erste Blick der Angst

1456 Worte
Adrian stand mitten im Keller und atmete schwer. Der Raum war leer. Vollkommen leer. Elara war verschwunden. Er konnte noch spüren, wo ihr Handgelenk in seiner Hand gewesen war. Jetzt war dort nur noch kalte Luft. Er sah auf seine Handfläche, als könnte er dort eine Spur von ihr finden. Nichts. „Elara?“, rief er. Seine Stimme hallte von den Steinwänden wider. Niemand antwortete. Er ging zu dem Stuhl, auf dem sie gesessen hatte. Er berührte die Sitzfläche. Sie war noch warm. Sie war erst vor Sekunden dort gewesen. Wie hat sie das gemacht? dachte er. Sie sollte noch nicht so schnell verschwinden können. Noch nicht. Er hatte ihre Familie studiert. Er wusste von der ungeschriebenen Gabe. Er wusste, dass sie Übung brauchte. Jahre. Doch sie hatte es getan, als wäre es so selbstverständlich wie Atmen. Da spürte er es. Einen kalten Punkt in der Luft. Direkt hinter ihm. Er drehte sich schnell um. „Elara?“ Nichts. Aber die Kälte blieb. Sie bewegte sich. Wie ein Luftzug, doch kein Fenster war offen. Adrian trat einen Schritt zurück. Sein Herz schlug schneller. Er war es nicht gewohnt, Angst zu haben. Er war derjenige, der anderen Angst machte. Dann hörte er etwas. Ein leises Geräusch. Als würde jemand ausatmen. Ganz nah an seinem Ohr. Er wirbelte wieder herum, die Augen weit geöffnet. „Hör auf damit!“, rief er. „Zeig dich!“ Stille. Aber jetzt wusste er es. Er war nicht allein. --- Oben spielte noch immer die Hochzeitsmusik. Fröhliche Klänge. Lachen. Klirrende Gläser. Adrian sah zur Decke. Sein perfekter Tag ging immer noch weiter. Doch hier unten war alles falsch. Er ging zur Tür. Sie war aufgeschlossen. Er war sicher, dass er sie abgeschlossen hatte. Hat Lily…? Nein. Als er sie zuletzt gesehen hatte, war sie noch gefesselt gewesen. Und der Schlüssel war in seiner Tasche. Er zog den Schlüssel heraus und starrte ihn an. Dann sah er zum Schloss. Es stand auf offen. Unmöglich. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Nicht wegen der kalten Luft. Sondern wegen der Erkenntnis. Elara war nicht nur verschwunden. Sie war noch hier. Und sie konnte Dinge berühren. Das änderte alles. Er rannte in den Flur hinaus und rief nach seinen Wachen. Zwei große Männer in schwarzen Anzügen kamen angerannt. „Findet sie!“, befahl Adrian. „Sie kann nicht weit gekommen sein!“ „Wen, Sir?“, fragte einer der Wächter verwirrt. „Elara! Meine Braut!“ Die Wächter sahen sich an. „Sir… wir haben sie gerade noch am Altar gesehen. Sie wartet auf Sie.“ Adrian erstarrte. Natürlich. Sie erinnerten sich nicht. Wenn Elara sich selbst auslöschte, verschwand sie auch aus den Erinnerungen. Für sie war sie immer noch oben und bereit zu heiraten. „Vergesst es“, sagte Adrian mit angespannter Stimme. „Durchsucht den Keller. Sucht nach… irgendetwas Seltsamem.“ Die Wächter gingen in den Keller. Adrian blieb im Flur stehen und dachte angestrengt nach. Wenn Elara unsichtbar war, konnte sie überall sein. Zuhören. Beobachten. Er sah den Flur entlang. Leer. Doch er fühlte Blicke auf sich. „Ich weiß, dass du hier bist“, sagte er leise. „Du kannst dich nicht ewig vor mir verstecken.“ Ein Gemälde an der Wand neigte sich. Nur ein wenig. Adrian starrte es an. Es war ein Bild des alten Familienanwesens. Vor einem Moment hatte es noch gerade gehangen. Er ging hinüber und richtete es wieder aus. Seine Finger zitterten. „Sehr witzig“, sagte er. Er ging nachsehen, wo Lily war. Die Tür zum kleinen Nebenraum stand offen. Lily war ebenfalls verschwunden. Adrians Magen zog sich zusammen. Doch dann sah er sie. Am Ende des Flurs sprach sie mit einem Kellner und hielt ein Glas Wasser. Sie sah blass aus, aber frei. „Lily!“, rief er und ging schnell auf sie zu. Sie drehte sich um. Als sie ihn sah, füllten sich ihre Augen mit Angst. „Geht es dir gut?“, fragte er und setzte seine freundliche Stimme auf. „Ich habe nach dir gesucht.“ „Mir geht es gut“, sagte Lily leise. „Ich brauchte nur etwas Luft.“ „Wo ist deine Schwester?“, fragte Adrian und beobachtete ihr Gesicht genau. Lily sah nach unten. „Ich… ich weiß es nicht. Ich dachte, sie wäre bei dir.“ Sie log. Adrian konnte es erkennen. Doch er drängte sie nicht. Nicht hier, wo so viele Leute waren. Er lächelte. „Komm, wir bringen dich zurück zur Feier. Du bist schließlich eine Brautjungfer.“ Er nahm sanft, aber bestimmt ihren Arm und führte sie in Richtung Ballsaal. Während sie gingen, spürte er wieder diesen kalten Punkt. Diesmal zog er genau zwischen ihm und Lily hindurch. Lily fröstelte. „Ist irgendwo ein Fenster offen?“ „Nein“, sagte Adrian mit fest zusammengepresstem Kiefer. Die Hochzeitsfeier war in vollem Gange. Musik, Tanz, lächelnde Gesichter. Adrians Eltern winkten ihm von der anderen Seite des Raumes zu. Alles sah perfekt aus. Doch Adrian konnte sich nicht entspannen. Er spürte ständig kleine Dinge. Eine Berührung an seinem Ärmel. Ein Flackern im Augenwinkel. Einmal kippte sein Champagnerglas einfach um. Die Flüssigkeit lief über sein Hemd. Die Leute lachten. „Nervöser Bräutigam?“, scherzte jemand. Adrian zwang sich zu einem Lächeln. „Nur tollpatschig.“ Doch innerlich kochte er vor Wut. Er ging in die Herrentoilette, um sein Hemd zu reinigen. Vor dem Spiegel wischte er mit einem nassen Handtuch über den Fleck. Dann sah er etwas im Spiegel. Hinter ihm drehte sich der Papierhandtuchspender von selbst. Ein Handtuch zog sich langsam heraus und schwebte in der Luft. Adrian drehte sich um. Das Handtuch fiel auf den Boden. Er hob es auf. Es war feucht, als hätte es gerade jemand benutzt. „Elara“, flüsterte er. „Hör auf mit diesen Spielchen.“ Der Wasserhahn sprang an. Wasser schoss heraus. Adrian sprang zurück. „Genug!“ Er drehte den Hahn zu. Sein Spiegelbild sah blass und ängstlich aus. Diesen Ausdruck hasste er. Dann erschienen Worte im beschlagenen Spiegel. Als würde ein Finger in den Dampf schreiben. Zwei Buchstaben: H I Adrian hielt den Atem an. Dann erschienen weitere Buchstaben, einer nach dem anderen. I C H B I N N O C H H I E R Er starrte darauf. Sein Herz hämmerte in seinen Ohren. Langsam verschwanden die Worte wieder. Doch die Botschaft war klar. Sie versteckte sich nicht nur. Sie sprach mit ihm. Sie verspottete ihn. Und sie hatte gerade erst angefangen. Adrian verließ das Badezimmer und versuchte ruhig zu wirken. Er kehrte zur Feier zurück. Er lächelte, schüttelte Hände, tanzte mit seiner Mutter. Doch seine Gedanken rasten. Er brauchte Hilfe. Das war größer, als er geplant hatte. Er schlüpfte in einen ruhigen Flur und zog sein Handy heraus. Er rief eine Nummer an, die er eigentlich nie benutzen wollte. Eine Frauenstimme meldete sich. „Adrian. Ist es erledigt?“ „Nein“, sagte Adrian leise. „Sie hat sich vollständig ausgelöscht. Sie ist unsichtbar und… sie bringt Dinge durcheinander.“ Am anderen Ende der Leitung entstand eine kurze Pause. „Interessant“, sagte die Frau Sable. „Und sie ist sich dessen bewusst? Bei Bewusstsein?“ „Ja. Sie hat auf einen Spiegel geschrieben.“ Sable lachte leise. „Mutiges Mädchen. Keine Sorge. Wir haben Methoden, um aufzuspüren, was man nicht sehen kann.“ „Wie schnell?“, fragte Adrian. „Die Ausrüstung ist bereits unterwegs. Halte sie beschäftigt. Halte sie emotional. Starke Emotionen hinterlassen eine Spur.“ „Und was ist mit der Schwester?“ „Benutze sie. Ein Phantom beschützt immer seinen Schatten.“ Das Gespräch endete. Adrian steckte sein Handy weg. Jetzt hatte er einen Plan. Doch zuerst musste er seine eigene Hochzeit überstehen. Er ging zurück in den Ballsaal, gerade als die Hochzeitstorte hereingerollt wurde. Eine riesige, wunderschöne weiße Torte mit Blumen. Alle versammelten sich, um beim Anschneiden zuzusehen. Adrian nahm das Tortenmesser. Lily stand neben ihm und zwang sich zu einem Lächeln. Gerade als er schneiden wollte, brach die Torte zusammen. Die oberste Etage rutschte herunter und zerplatzte auf dem Boden. Die Leute keuchten. Doch Adrian sah nicht auf die Torte. Er blickte zum Kronleuchter darüber. Er schwang hin und her. Vor und zurück. Als hätte ihn gerade jemand angestoßen. Und an einem der Kristalle hing ein einzelner Perlenohrring. Elaras Ohrring. Er schaukelte dort im Licht, glitzernd, für alle sichtbar. Adrian blickte vom Ohrring zu Lilys verängstigtem Gesicht und dann zu dem leeren Raum neben ihr, wo er wusste, dass Elara stand. Und zum ersten Mal in seinem Leben spürte Adrian echte Angst. Denn das war keine Geistergeschichte. Es war ein Krieg. Und er hatte gerade den ersten Schuss gesehen.
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