Kapitel 9

1330 Worte
Unsichtbare Zeugin Der Raum war still, doch Elara konnte ihren eigenen Herzschlag hören. Er war laut, wie eine Trommel in ihren Ohren. Sie stand in einer Ecke des Ballsaals und beobachtete ihre Hochzeitsfeier ihre eigene Hochzeit aus der Ferne. Die Gäste lächelten, lachten und stießen mit ihren Gläsern an. Sie bemerkten sie nicht. Sie erinnerten sich nicht einmal an sie. Für sie war Adrian nur ein Bräutigam mit einem verschütteten Getränk und einer zerstörten Torte. Für sie war sie unsichtbar. Elara sah auf ihre Hände hinunter Hände, die sie sehen konnte, aber sonst niemand. Dann blickte sie zu Adrian. Er stand am Tortentisch und tat so, als würde er mit seinen Freunden lachen. Doch Elara konnte die Kälte in seinen Augen sehen. Die Angst. Sie lächelte. Es hatte mit der Torte begonnen. Sie hatte es nicht genau geplant. Sie hatte einfach dort gestanden und gesehen, wie Adrian das Tortenmesser hob, und plötzlich eine Welle aus Wut gespürt. Den Wunsch, irgendetwas zu ruinieren. Also hatte sie die Hand ausgestreckt und die oberste Etage der Torte angestoßen. Es war leicht gewesen, wie einen Krümel vom Tisch zu schnippen. Die Torte rutschte herunter und zerplatzte auf dem Boden. Die Leute keuchten. Adrian erstarrte. Und Elaras Lächeln wurde breiter. Dann blickte sie zum Kronleuchter hinauf. Der kristallene Ohrring ihr Ohrring hing noch immer dort und schwang wie eine kleine Laterne. Adrian hatte ihn gesehen. Das wusste sie. Sein Gesicht war blass geworden. Jetzt versuchte er, sich normal zu verhalten. Doch alle paar Sekunden huschten seine Augen durch den Raum, suchend. Elara beobachtete ihn genau. Sie bewegte sich leise und folgte ihm, während er sich durch die Menge bewegte. Adrian tanzte mit seiner Mutter. Er stieß mit seinen Freunden an. Einmal umarmte er sogar Lily und tat besonders freundlich zu ihr. Doch Elara sah die Anspannung in seinen Schultern. Das Lächeln, das seine Augen nicht erreichte. Sie beschloss, ihn zu testen. Als er am Büfett stand, streckte sie die Hand aus und tippte ihm auf die Schulter. Er wirbelte herum und stieß dabei ein Tablett mit kleinen Sandwiches um. „Adrian!“, schimpfte seine Mutter. „Was ist nur mit dir los?“ „Nichts“, sagte Adrian schnell und hob das Tablett auf. Doch seine Hände zitterten. Elara lachte lautlos. Dann bemerkte sie Lily. Ihre Schwester stand am Fenster und sah in den Garten hinaus. Sie wirkte blass. Traurig. Elara glitt zu ihr hinüber. Sie wollte sie umarmen, ihr sagen, dass alles gut werden würde. Doch das konnte sie noch nicht. Sie stellte sich neben Lily und flüsterte: „Ich bin hier.“ Lily hörte sie nicht, doch sie fröstelte. Plötzlich war Adrian wieder da. Er legte eine Hand auf Lilys Schulter. „Geht es dir gut?“, fragte er sanft. Lily nickte, doch Elara sah die Angst in ihren Augen. „Wo ist deine Schwester?“, fragte Adrian. Seine Stimme klang freundlich, doch seine Augen waren scharf. Lily sah nach unten. „Ich… ich weiß es nicht. Ich dachte, sie wäre bei dir.“ Adrian lächelte. „Keine Sorge. Sie wird bald zurückkommen.“ Elara ballte die Fäuste. Sie wollte ihn anschreien. Lily die Wahrheit sagen. Aber sie konnte es noch nicht. Dann kam ihr eine Idee. Sie schwebte zu Adrians Eltern hinüber, die am Kamin standen und miteinander sprachen. Seine Mutter beschwerte sich über die Torte. „Was für eine Verschwendung“, sagte sie. „Wer auch immer damit herumgespielt hat, sollte sich schämen.“ Elara lächelte. Sie streckte die Hand aus und tippte Mrs. Hastings auf die Schulter. Mrs. Hastings zuckte zusammen. „Was war das?“ „Was denn?“, fragte Mr. Hastings. „Ich habe… etwas gespürt“, sagte Mrs. Hastings und rieb sich die Schulter. Elara tippte ihre andere Schulter. „Da war es wieder!“, sagte Mrs. Hastings und sah sich um. Mr. Hastings lachte. „Du bildest dir etwas ein.“ Elara tippte auch seine Schulter. Er erstarrte. „Hast du das gespürt?“, fragte er. Mrs. Hastings nickte. „Ich habe es dir doch gesagt!“ Elara kicherte lautlos und entfernte sich. Adrian bemerkte, dass seine Eltern nervös wirkten. Er ging zu ihnen. „Was ist los?“, fragte er. „Wir werden… berührt“, sagte Mrs. Hastings leise. „Berührt?“ Adrian runzelte die Stirn. „Von etwas Unsichtbarem“, fügte Mr. Hastings hinzu. Adrians Gesicht wurde blass. „Keine Sorge. Wahrscheinlich nur ein Luftzug.“ Doch Elara sah die Angst in seinen Augen. Sie beschloss, noch weiter zu gehen. Sie glitt zu Adrian zurück und flüsterte ihm direkt ins Ohr: „Heiß oder kalt?“ Er sprang erschrocken herum und stieß ein Glas Wein um. „Adrian!“, lachte sein Freund. „Was ist heute nur mit dir los?“ Adrian zwang sich zu einem Lächeln. „Nichts. Ich bin nur… ungeschickt.“ Elara beobachtete ihn weiter. Sie folgte ihm überallhin. Sie zupfte an seiner Krawatte. Sie stieß seinen Champagner um. Einmal kippte sie sogar Suppe über seine Hose. Jedes Mal tat er so, als wäre nichts passiert. Doch seine Hände zitterten und sein Lächeln war falsch. Schließlich hielt Adrian es nicht mehr aus. Er ging nach oben in sein Büro und schloss die Tür ab. Elara folgte ihm. Adrian setzte sich an seinen Schreibtisch und atmete schwer. Nervös blickte er sich im Raum um. Elara lehnte an der Wand und beobachtete ihn. Dann kam ihr eine Idee. Sie nahm einen Stift vom Schreibtisch langsam, vorsichtig und ließ ihn in der Luft schweben. Adrian erstarrte. Der Stift begann, auf ein leeres Blatt Papier zu schreiben. Adrian beugte sich vor und las die Worte, während sie entstanden. DU KANNST DICH NICHT VOR MIR VERSTECKEN Der Stift fiel auf den Schreibtisch. Adrian starrte auf das Papier, sein Gesicht war weiß. Dann flüsterte Elara direkt in sein Ohr: „Ich bin immer hier.“ Adrian sprang aus seinem Stuhl auf und wich bis in die Ecke des Zimmers zurück, die Augen weit aufgerissen. „Elara“, sagte er mit zitternder Stimme. „Hör damit auf.“ Elara antwortete nicht. Sie beobachtete ihn nur und lächelte. Schließlich hielt Adrian es nicht mehr aus. Er rannte aus dem Zimmer und rief nach seinen Wachen. Elara folgte ihm lautlos und genoss jeden Moment seiner Panik. Unten im Ballsaal ging die Feier langsam zu Ende. Die Gäste verabschiedeten sich und gingen. Mrs. Hastings sprach mit Lily. „Wo ist deine Schwester?“, fragte sie gereizt. Lily sah nach unten. „Ich… ich weiß es nicht.“ Mrs. Hastings seufzte. „Nun, sag ihr, sie soll sich zusammenreißen.“ Elara ballte die Fäuste. Sie wollte Mrs. Hastings anschreien. Ihr die Wahrheit sagen. Doch sie konnte es noch nicht. Schließlich waren alle Gäste gegangen. Nur Adrian, seine Eltern und Lily blieben zurück. Adrian ging unruhig im Raum auf und ab. Seine Eltern flüsterten miteinander. Lily saß am Fenster und blickte in den Garten. Elara stand neben ihrer Schwester und wollte sie trösten. Dann kam Adrian zu Lily. „Komm“, sagte er sanft. „Wir bringen dich ins Bett.“ Lily nickte und stand auf. Adrian nahm ihren Arm sanft, aber fest und führte sie nach oben. Elara folgte ihnen lautlos. Sie sah zu, wie Adrian Lily in ein Gästezimmer brachte und die Tür abschloss. Elara ballte die Fäuste. Sie wollte die Tür einschlagen. Ihre Schwester befreien. Doch sie konnte es noch nicht. Vorerst würde sie beobachten. Sie würde warten. Sie glitt wieder nach unten, wo Adrian allein im Ballsaal stand. Er stand mitten im Raum und sah sich nervös um. Elara trat zu ihm und flüsterte in sein Ohr: „Gute Nacht, Adrian.“ Er drehte sich schnell um, doch niemand war da. Elara lachte lautlos und entfernte sich. Dann bemerkte sie etwas. Auf dem Boden neben dem Tortentisch lag ihr kristallener Ohrring. Sie hob ihn auf und hielt ihn fest. Er war ihre Erinnerung. Ihr Versprechen. Sie war nicht nur unsichtbar. Sie war gefährlich.
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