Kapitel 10

1217 Worte
Der Hochzeitsmarsch beginnt Oben begann die Musik. Zuerst leise Violinen, dann Trompeten. Der Hochzeitsmarsch. Elara stand reglos im Flur und hörte zu. Das war ihr Lied. Das Lied, das gespielt werden sollte, während sie den Gang entlangging, um Adrian zu heiraten. Doch sie war nicht oben. Sie war hier unten, unsichtbar. Und Adrian sperrte Lily in ein Schlafzimmer. „Hier bist du sicher“, sagte Adrian zu Lily, seine Stimme süß wie vergifteter Honig. „Ich komme bald nach dir sehen.“ Die Tür klickte zu. Elara hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte. Ihr Geisterherz schmerzte. Sie wollte schreien. Die Tür eintreten. Doch sie konnte nicht. Noch nicht. Oben wurde die Musik lauter. Fröhlich. Feierlich. Elara glitt durch die Decke hinauf in den großen Ballsaal. Was sie dort sah, ließ ihr die Tränen in die Augen steigen. Vorne im Raum stand Adrian. In seinem perfekten schwarzen Smoking. Lächelnd. Und neben ihm stand eine Frau in einem weißen Kleid. Eine Frau mit Elaras Gesicht. Es war sie. Oder eine Version von ihr. Eine falsche sie. Die Gäste lächelten, einige weinten vor Rührung. Sie glaubten, das alles sei echt. Elara schwebte näher heran. Sie sah in die Augen der Frau. Sie waren leer. Wie die Augen einer Puppe. Adrian hielt ihre Hand und sprach sein Ehegelübde. „Ich, Adrian, nehme dich, Elara, zu meiner Frau…“ Elara wurde übel. Das war falsch. Alles daran war falsch. Sie musste das stoppen. Sie schwebte nach vorn und stellte sich zwischen Adrian und die falsche Elara. Adrians Lächeln stockte. Er spürte die Kälte. Er wusste, dass sie da war. „Nimmst du, Elara, Adrian zu deinem Ehemann?“, fragte der Geistliche. Die falsche Elara nickte. Doch kein Laut kam aus ihrem Mund. Elara streckte die Hand aus und berührte die Schulter der falschen Braut. Die Frau flackerte. Wie ein schlechtes Fernsehbild. Die Gäste keuchten. „Was war das?“, flüsterte jemand. Adrians Lächeln wurde hart. „Mach weiter“, flüsterte er der falschen Braut zu. Elara berührte sie noch einmal. Fester. Die falsche Braut flackerte erneut und verschwand dann vollständig. Die Musik stoppte. Der Raum wurde still. Adrian stand allein am Altar. Seine Braut war vor den Augen aller verschwunden. Die Leute begannen zu murmeln. „Wo ist sie hin?“ „Ist das ein Trick?“ „Das ist seltsam…“ Adrians Gesicht wurde rot. Er sah wütend aus. Und verängstigt. Elara lächelte. Gut. Dann hatte sie eine Idee. Sie schwebte zur Orgel und drückte ein paar Tasten. Eine traurige, langsame Melodie begann zu spielen. Die Menschen sahen verwirrt aus. Adrian starrte zur Orgel. Niemand saß dort. Elara drückte weitere Tasten und spielte eine unheimliche, fast wie aus einer Halloween-Geschichte klingende Melodie. Einige Leute hielten sich die Ohren zu. „Hör auf damit!“, rief Adrian der leeren Orgel zu. Die Musik verstummte. Dann ging Elara zur Hochzeitstorte. Sie war hoch und weiß, genau wie die, die zuvor zusammengebrochen war. Sie stieß sie an. Sanft. Die oberste Etage wackelte. Die Gäste keuchten. Sie stieß noch einmal. Stärker. Die ganze Torte krachte zu Boden. Platsch. Ein kleines Mädchen begann zu weinen. Adrians Mutter stand auf. „Was passiert hier?“ Elara schwebte zu ihr und flüsterte: „Ihr Sohn ist ein Monster.“ Mrs. Hastings zuckte zusammen. „Wer hat das gesagt?“ Niemand antwortete. Adrian versuchte, alle zu beruhigen. „Das ist nur ein Scherz!“, sagte er und zwang sich zu einem Lachen. „Eine Hochzeitsüberraschung!“ Doch niemand lachte. Elara beschloss, es noch schlimmer zu machen. Sie ging zur Lautsprecheranlage und drehte die Lautstärke ganz auf. Ein schrilles Pfeifen hallte durch den Saal. Die Leute hielten sich die Ohren zu. Dann sprach sie ins Mikrofon. Ihre Stimme hallte durch den ganzen Ballsaal. „Ich bin noch hier.“ Der Raum verstummte sofort. Alle sahen sich um und versuchten herauszufinden, wo die Stimme herkam. Adrians Gesicht war weiß geworden. Er kannte diese Stimme. Es war Elaras. „Ich bin die echte Braut“, sagte Elaras Stimme durch die Lautsprecher. „Und diese Hochzeit ist eine Lüge.“ Dann verstummte das Mikrofon. Die Leute begannen zu gehen. Schnell. Sie griffen nach ihren Mänteln und eilten zur Tür. „Dieser Ort ist verflucht!“ „Ich bleibe hier nicht!“ „Mit dieser Familie stimmt etwas nicht!“ Innerhalb weniger Minuten war der Ballsaal fast leer. Nur Adrian, seine Eltern und ein paar mutige Gäste blieben zurück. Adrians Vater war wütend. „Was hast du getan, Adrian?“ „Nichts!“, sagte Adrian. „Sie ist es! Sie macht das!“ „Wer?“, fragte seine Mutter. „Elara! Sie ist… sie ist hier! Aber ihr könnt sie nicht sehen!“ Seine Eltern sahen ihn an, als wäre er verrückt. „Du brauchst Hilfe, mein Sohn“, sagte sein Vater und schüttelte den Kopf. Auch sie gingen, sichtlich enttäuscht. Jetzt blieben nur noch Adrian und drei Gäste. Elara beobachtete alles von der Decke aus und lächelte. Sie hatte seine perfekte Hochzeit zerstört. So wie er ihr Leben zerstört hatte. Doch das war noch nicht genug. Sie schwebte hinunter und stellte sich vor Adrian. Er spürte ihre Anwesenheit und sah direkt zu ihr oder zu dem Punkt, an dem er glaubte, dass sie stand. „Elara“, flüsterte er. „Bitte hör auf.“ Sie antwortete nicht. Stattdessen streckte sie die Hand aus und berührte seine Wange. Ihre Finger waren kalt wie Eis. Er fröstelte. „Ich werde nicht verschwinden“, flüsterte sie direkt in sein Ohr. Er wich zurück, seine Augen weit vor Angst. Dann schrie einer der verbliebenen Gäste. „Seht!“, rief sie und zeigte auf die Wand. Alle sahen hin. Dort, auf der weißen Wand, erschienen Worte. In Rot geschrieben. Wie Blut. DU KANNST DICH NICHT VOR MIR VERSTECKEN Die Buchstaben liefen langsam die Wand hinunter. Die Gäste rannten schreiend hinaus. Jetzt war Adrian allein. Allein im zerstörten Ballsaal. Elara stand vor ihm, für einen kurzen Moment sichtbar. Sie ließ ihn ihr Gesicht sehen. Ihr wütendes, trauriges, entschlossenes Gesicht. Dann verschwand sie wieder. Adrian fiel auf die Knie. „Was willst du?“, rief er verzweifelt. Elaras Stimme hallte durch den Raum. „Ich will meine Schwester. Und ich will, dass du bezahlst.“ Dann war sie verschwunden. Doch sie ging nicht weit. Sie schwebte wieder zur Decke hinauf und beobachtete ihn. Adrian blieb lange auf den Knien. Dann stand er auf, und sein Gesicht veränderte sich von Angst zu Wut. Er zog sein Handy heraus und tätigte einen Anruf. „Sable“, sagte er kalt. „Sie ist hier. Und sie ist stärker, als wir dachten.“ Er hörte einen Moment zu und nickte. „Bring die Maschine heute Nacht“, sagte er. „Ich habe genug von diesen Spielchen.“ Er legte auf und sah sich im Raum um, seine Augen hart. „Du willst Krieg, Elara?“, sagte er in die leere Luft. „Den kannst du haben.“ Elara beobachtete ihn, ihr Geisterherz schlug schneller. Maschine? dachte sie. Was für eine Maschine? Sie hatte gedacht, sie würde gewinnen. Doch jetzt war sie sich nicht mehr sicher. Adrian hatte nicht nur Angst. Er plante etwas. Und was auch immer es war es würde noch heute Nacht passieren.
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