Kapitel 11

1417 Worte
Ein Schwur der Zerstörung Das Haus war jetzt still. Zu still. Elara schwebte im dunklen Flur vor Adrians Büro. Sie konnte ihn drinnen wieder telefonieren hören. Seine Stimme war leise und ernst. „Ja, heute Nacht“, sagte er. „Richtet es in der alten Bibliothek ein. Dort wird sie es nicht erwarten.“ Elaras unsichtbares Herz begann schneller zu schlagen. Die Maschine. Sie würde heute Nacht kommen. Sie glitt wie Rauch durch die geschlossene Tür und stand im Büro. Adrian saß an seinem Schreibtisch, den Kopf in die Hände gestützt. Er sah müde aus. Verängstigt. Für einen Moment hatte Elara fast Mitleid mit ihm. Dann erinnerte sie sich an Lily, die oben im Schlafzimmer eingesperrt war. Sie erinnerte sich an sein kaltes Lächeln. An seine Hand um ihr Handgelenk. An seinen Plan, ihre Macht zu besitzen. Nein. Sie würde kein Mitleid mit ihm haben. Sie bewegte sich näher. Auf seinem Schreibtisch lagen Papiere. Viele Papiere. Einige waren Hochzeitspläne. Andere waren Geschäftsverträge. Und eines war ein Foto. Es war ein Bild von Elara und Adrian, aufgenommen vor einigen Monaten. Sie waren am Strand und lachten. Sie trug ein blaues Kleid. Sein Arm lag um ihre Schultern. Elara starrte auf das Foto. Dieser Tag war glücklich gewesen. Sie hatte geglaubt, dass er sie liebte. Jetzt kannte sie die Wahrheit. Er hatte nur ihre Macht geliebt. Wut brannte in ihr. Heiß und hell. Sie streckte die Hand aus und berührte das Foto. Ihre unsichtbaren Finger fuhren über ihr eigenes lächelndes Gesicht. Dann hob sie es auf und riss es in zwei Hälften. Genau in der Mitte. Das Geräusch war laut in dem stillen Raum. Adrian blickte auf. Er sah das zerrissene Foto in der Luft schweben. Seine Augen wurden groß. „Elara“, flüsterte er. Sie ließ die beiden Stücke zu Boden fallen. „Ich weiß, dass du hier bist“, sagte Adrian und stand auf. „Wir müssen reden.“ Elara antwortete nicht. Sie bewegte sich auf die andere Seite des Zimmers. „Bitte“, sagte Adrian. Seine Stimme klang jetzt weich. Wie früher. Wie der alte Adrian. Der, in den sie sich verliebt hatte. „Ich will nicht gegen dich kämpfen.“ Lügner, dachte Elara. Sie nahm einen Stift vom Schreibtisch und schrieb an die Wand. Die Tinte erschien wie durch Magie und formte Worte in der Luft. LASS LILY FREI Adrian las die Worte und seufzte. „Das kann ich nicht. Noch nicht.“ Elara schrieb erneut. WARUM? „Weil ich dich brauche“, sagte Adrian. „Und sie ist der einzige Weg, dich dazu zu bringen, mir zuzuhören.“ Elaras Wut wuchs. Sie schleuderte den Stift durch den Raum. Er traf das Fenster mit einem scharfen Klack. Adrian zuckte zusammen. „Hör auf damit! Rede einfach mit mir!“ Doch Elara hatte genug geredet. Sie verließ das Büro und schwebte nach oben. Zu Lilys Zimmer. Die Tür war noch immer verschlossen. Elara konnte Lily drinnen weinen hören. Leises, stilles Schluchzen, das ihr das Herz brach. Sie wünschte, sie könnte sie umarmen. Ihr sagen, dass alles gut werden würde. Doch das konnte sie nicht. Noch nicht. Stattdessen versuchte sie etwas, das sie vorher noch nie getan hatte. Sie konzentrierte ihre ganze Energie. All ihre Liebe zu Lily. All ihre Wut auf Adrian. Sie machte ihre Hand fest. Nur für eine Sekunde. Dann klopfte sie an die Tür. Dreimal. Klopf. Klopf. Klopf. Das Weinen hörte auf. „Hallo?“ Lilys Stimme kam durch die Tür. „Ist da jemand?“ Elara klopfte noch einmal. Zweimal. Klopf. Klopf. Ein Code. Ihr alter Code aus der Kindheit. Zwei Klopfer bedeuteten „Ich bin hier.“ Einen Moment lang war es still. Dann klopfte Lily zurück. Dreimal. Drei Klopfer bedeuteten „Ich habe Angst.“ Elaras Geisteraugen füllten sich mit Tränen. Sie klopfte viermal. Vier Klopfer bedeuteten „Ich liebe dich.“ Sie hörte, wie Lily tief Luft holte. Dann kamen vier Klopfer zurück. „Ich liebe dich auch“, flüsterte Lily durch die Tür. Elara lehnte ihre Stirn gegen das Holz. Sie konnte ihre Schwester nicht umarmen. Aber das genügte. Für jetzt. Dann hörte sie Schritte auf der Treppe. Adrian. Schnell zog sie sich in die Schatten zurück. Adrian blieb vor Lilys Tür stehen. Er lauschte einen Moment, dann schloss er auf. „Lily?“, sagte er und trat hinein. „Was willst du?“, Lilys Stimme war kalt. „Ich habe dir Essen gebracht“, sagte Adrian. Elara sah, dass er ein Tablett hielt. „Ich habe keinen Hunger.“ „Du musst essen“, sagte Adrian. Seine Stimme klang freundlich, doch Elara wusste, dass sie falsch war. „Deine Schwester würde wollen, dass du isst.“ „Sprich nicht über meine Schwester“, schnappte Lily. „Du kümmerst dich nicht um sie.“ Adrian schwieg einen Moment. „Du irrst dich“, sagte er leise. „Ich kümmere mich. Mehr, als du denkst.“ Elara hätte fast gelacht. Lügner, dachte sie wieder. Adrian ließ das Tablett dort und schloss die Tür wieder ab. Er blieb im Flur stehen und sah müde aus. „Ich weiß, dass du zusiehst, Elara“, sagte er in den leeren Flur. „Ich kann dich fühlen.“ Elara blieb still. „Ich wollte dir nie wehtun“, sagte Adrian. Seine Stimme war jetzt sehr leise. Fast traurig. „Ich wollte dich nur beschützen. Deine Macht… sie ist gefährlich. Die Leute werden versuchen, sie dir wegzunehmen.“ So wie du? dachte Elara. „Ich kann dich beschützen“, sagte Adrian. „Aber du musst mir vertrauen.“ Er wartete, als hoffte er, sie würde antworten. Doch sie tat es nicht. Schließlich seufzte er und ging weg. Elara folgte ihm. Nach unten, durch die Küche und in einen Teil des Hauses, den sie noch nie gesehen hatte. Eine geheime Tür hinter einem Bücherregal. Adrian drückte einen versteckten Knopf, und das Regal schwang auf. Dahinter war eine dunkle Treppe, die nach unten führte. Adrian schaltete das Licht ein und begann die Treppe hinabzugehen. Elara folgte ihm neugierig. Unten war ein großer Raum. Er sah aus wie ein Labor. Überall standen Maschinen. Kabel. Bildschirme. Und in der Mitte des Raumes stand eine große Glasbox. Sie sah aus wie ein Gefängnis. Nein. Ein Käfig. Für sie. Adrian ging zur Glasbox und berührte sie. „Sables Männer werden bald hier sein“, murmelte er zu sich selbst. „Dann werden wir sehen, wer wirklich die Kontrolle hat.“ Elara starrte auf die Box. Ihre Angst kehrte zurück, kalt und scharf. Das war die Maschine. Keine Maschine, um sie zu verfolgen. Eine Maschine, um sie zu fangen. Um sie für immer unsichtbar zu halten, aber eingesperrt, damit Adrian ihre Macht untersuchen konnte. Damit er sie benutzen konnte. Wut verdrängte die Angst. Heiße, helle Wut. Sie würde sich nicht fangen lassen. Sie würde sich nicht benutzen lassen. Dort, in diesem dunklen Labor, schwor sie sich etwas. Ich werde dich zerstören, Adrian. Stück für Stück. Ich werde dir alles nehmen, was dir wichtig ist. Dein Geschäft. Deinen Ruf. Deine Freiheit. Ich werde dich wünschen lassen, dass du mich nie getroffen hast. Das ist keine Heimsuchung mehr. Das ist ein Krieg. Und ich werde gewinnen. Sie schwebte zu Adrian und flüsterte ihm ins Ohr. Nur ein einziges Wort. Doch sie legte all ihre Wut hinein. „Niemals.“ Adrian fuhr herum, seine Augen weit aufgerissen. „Elara?“ Doch sie war bereits verschwunden. Zurück nach oben. Zurück ins Haupthaus. Sie hatte Arbeit zu erledigen. Zuerst ging sie in Adrians Büro. Zu seinem Computer. Sie machte ihre Hände fest. Nur für eine Minute. Gerade lange genug, um zu tippen. Sie loggte sich in seine E-Mails ein. Sie fand Nachrichten an seine Geschäftspartner. E-Mails voller Geheimnisse. Lügen. Sie schickte sie an alle Kontakte in seiner Liste. Dann fand sie seine Bankkonten. Sie überwies Geld. Viel Geld. An Wohltätigkeitsorganisationen. An Menschen, die es brauchten. Bei jeder Überweisung hinterließ sie eine Nachricht: „Von Adrian, mit Schuldgefühlen.“ Dann ging sie ins Wohnzimmer. Zu den Hochzeitsgeschenken. Sie öffnete jedes einzelne. Sie nahm, was sie wollte, und versteckte den Rest. Sie verschüttete Wein auf dem weißen Teppich. Sie zerbrach ein Fenster. Sie schrieb mit Lippenstift auf den Spiegel: ICH BIN IMMER NOCH HIER Sie war wie ein Sturm, der durch das Haus zog. Ein leiser, unsichtbarer Sturm. Und als sie fertig war, schwebte sie zur Haustür und blickte auf das Chaos zurück, das sie angerichtet hatte. Das war erst der Anfang.
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN