ELARAS POV
Ich sollte nicht hier sein.
Der Gedanke krallt sich in mir fest, während ich mein Spiegelbild im Schminktisch betrachte, mein Brautkleid um mich herum wie mattiertes Glas ausgebreitet. Die Seide ist zu schwer. Die Perlen im Mieder sind zu grell. Die Frau, die mich anstarrt, ist eine Fremde Lippen in der Farbe zerdrückter Rosen geschminkt, Augen schwarz umrandet, damit die Tränen nicht verwischen.
Du bist lächerlich, schimpfe ich mit mir selbst. Das hier wolltest du doch.
Doch die Lüge bleibt mir wie ein Kloß im Hals stecken.
Ein Klopfen an der Tür. Lily stürmt herein, bevor ich antworten kann, ihre Wangen gerötet, ein gestohlenes Sektglas in der Hand. „Du siehst aus wie ein Geist, der beschlossen hat, ein Hochzeitsmagazin zu heimsuchen“, sagt sie grinsend.
Ich zwinge mich zu einem Lachen. „Ist das ein Kompliment?“
„Eine Warnung.“ Sie lässt sich aufs Bett plumpsen, ihr lila Brautjungfernkleid knittern unter ihr. „Wenn du weiter so schmallippst, bleibt dein Gesicht so stecken. Dann muss Adrian eine Statue am Altar küssen.“
Adrian. Sein Name jagt mir einen Schauer über den Rücken. Drei Jahre zusammen, und noch immer kann ich nicht erklären, warum meine Haut prickelt, wenn er mich berührt wie statische Aufladung, wie ein bevorstehendes Gewitter.
Lily neigt den Kopf. „Da machst du es wieder.“
„Was?“
„Dieses Ding, wo du verschwindest, obwohl du noch hier bist.“ Sie stupst meine Schulter an, ihre Finger gleiten für eine halbe Sekunde durch mich hindurch, bevor ich wieder fest werde.
Ich zucke zusammen. „Lass das.“
„Sorry.“ Sie beißt sich auf die Lippe. „Aber du musst es unter Kontrolle kriegen. Die Leute werden es merken, wenn die Braut wie eine kaputte Glühbirne flackert.“
Ich sage ihr nicht, dass das mein kleinstes Problem ist. Dass ich letzte Nacht aufwachte und Adrian über mich gebeugt stand, seine Finger schwebten über meiner Kehle, als würde er messen, wo er zupacken sollte. Dass er, als ich nach Luft schnappte, nur lächelte und sagte: „Ich bewundere nur meine zukünftige Frau.“
Die Erinnerung verknotet meinen Magen. Ich greife nach meinem Schleier, doch meine Hand geht hindurch. Verdammt. Ich atme tief durch, konzentriere mich und versuche es erneut. Diesmal fassen meine Finger den Tüll.
Lily beobachtet mich, ihr Lächeln verblasst. „Du hast Angst.“
„Mir geht’s gut.“
„Elara.“ Sie packt mein Handgelenk fest, bestimmt, real. „Wenn du das nicht willst, können wir gehen. Jetzt sofort. Ich schmuggle dich notfalls in meinem Koffer raus.“
Für eine verrückte Sekunde erwäge ich es. Doch dann öffnet sich die Tür, und Adrian lehnt sich in den Rahmen, sein Smoking makellos, sein Lächeln schärfer als die Anstecknadel an seinem Revers.
„Störe ich?“
Lilys Griff um mein Handgelenk wird fester.
ADRIA NS POV
Elara ist wunderschön, wenn sie Angst hat.
Ich beobachte, wie sich ihre Pupillen weiten, als ich den Raum betrete, wie ihr Adamsapfel zuckt, als sie schluckt. Sie denkt, ich merke nicht, wie ihre Finger zum Fenster zucken als würde sie berechnen, wie schnell sie verschwinden könnte.
Nicht schnell genug, Liebling.
„Lily“, sage ich zu ihrer Schwester. „Der Fotograf sucht dich.“
Lily rührt sich nicht. „Wir haben nur geredet.“
„Sicher.“ Ich halte Elara meine Hand hin. „Einen Moment mit meiner Braut?“
Elaras Atem stockt, doch sie nickt. Lily wirft ihr einen Blick zu Bist du sicher?, bevor sie widerwillig hinausschlüpft.
Die Tür fällt ins Schloss.
Ich fahre mit einem Finger über Elaras nackte Schulter, erfreut an der Gänsehaut, die meiner Berührung folgt. „Aufgeregt?“
„Nur überwältigt.“ Ihre Stimme ist zu leicht, zu süß. Eine Lüge.
Ich hebe ihr Kinn. „Du weißt, was passiert, wenn du mich anlügst.“
Ihr Puls springt unter meinem Daumen. Ich kann ihre Angst fast schmecken, metallisch und berauschend.
Dann verschwindet sie.
Meine Hand schließt sich um leere Luft. Für einen Herzschlag lang ist da nichts als das Rascheln des Stoffes, der sich auf dem Stuhl niederlässt, auf dem sie saß.
Ich grinse. „Komm schon, Elara. Das Spiel kennen wir schon.“
Ein Hauch kalter Luft an meinem Nacken. Ein Flackern im Spiegel. Dann ist sie zurück, ihr Kleid rauschend, als sie am Fenster wieder Gestalt annimmt.
„Ich brauche Luft“, flüstert sie.
Ich trete näher, dränge sie gegen die Scheibe. „Was du brauchst, ist dich zu erinnern, wem du gehörst.“ Meine Lippen streifen ihr Ohr. „Nach heute gibt es kein Verstecken mehr.“
Ein Klopfen. Die gedämpfte Stimme der Koordinatorin: „Fünf Minuten bis zum Altar!“
Elaras Augen huschen zur Tür, dann zurück zu mir. Für einen Moment denke ich, sie wird rennen.
Dann richtet sie sich auf. „Lass uns das hinter uns bringen.“
Ich lache und biete meinen Arm. Sie nimmt ihn, ihre Finger eiskalt an meinem Ärmel.
Braves Mädchen.