ELARAS PERSpektIVE
Der Hochzeitsmarsch schallte durch die Kapelle, während ich Adrians Arm umklammerte, meine Finger steif wie Eis. Jeder Schritt in Richtung Altar ließ mich erschauern als würde ich auf einen Abgrund zugehen.
Wo ist Lily?
Sie hätte längst hier sein sollen, um an meinem Schleier zu nesteln und mir einen derben Witz zuzuflüstern, um mich zum Lachen zu bringen. Doch nach unserem letzten Gespräch im Brautgemach nachdem sie mich hatterflackern gesehen hatte war sie verschwunden.
Ich warf einen heimlichen Blick auf mein Handy, das in den Falten meines Brautstraußes versteckt war. Drei Nachrichten an Lily, alle unbeantwortet:
Hast du den Ersatzschleier geholt? (Vor 20 Minuten gesendet.)
Die Koordinatorin sucht dich. (Vor 10 Minuten.)
Lily, antworte mir. (Vor 2 Minuten.)
Nichts.
Adrians Griff wurde fester, sein Daumen drückte in das weiche Fleisch meines Handgelenks. „Blick nach vorn, Liebling“, murmelte er. „Es sei denn, du möchtest, dass unsere Gäste denken, du hast Bedenken.“
Die Gäste. Zweihundert von ihnen, die mich mit erwartungsvollen Lächeln beobachteten. Keiner von ihnen bemerkte, wie mein Schleier zitterte. Keiner sah den Schweiß auf Adrians Schläfe.
Der Priester begann zu sprechen. Ich verstand kein Wort.
ADRians PERSpektIVE
Elaras Puls pochte unter meinen Fingern, schnell wie der eines gefangenen Vogels. Immer wieder blickte sie zu dem leeren Platz neben ihr, wo ihre Brautjungfer hätte stehen sollen.
Gut.
Ich hatte dafür gesorgt, dass Lily sich nicht einmischen würde. Nicht nach dem, was sie mitbekommen hatte.
Mein Handy summte in meiner Tasche ein einzelnes Vibrieren. Das Signal. Ich erlaubte mir ein leichtes Lächeln.
Elara bemerkte es. „Was ist so lustig?“, flüsterte sie.
„Ich stelle mir nur unsere Zukunft vor“, log ich.
Der Priester räusperte sich. „Die Ringe, bitte?“
Elara drehte sich zu der Stelle, an der Lily mit den Ringen hätte stehen sollen. Eine Pause der Stille. Dann fummelte der Trauzeuge in seiner Tasche und holte die Ringe mit einem verlegenen Achselzucken hervor.
Ihr stockte der Atem.
ELARAS PERSpektIVE
Irgendetwas stimmte nicht.
Lily würde das nicht verpassen. Nicht, wenn sie es verhindern könnte.
Ich ließ Adrians Arm los nur für eine Sekunde und griff nach der Kraft, die unter meiner Haut summte. Die Welt verschwamm an den Rändern, als ich mein Bewusstsein nach außen drängte, auf der Suche nach der vertrauten Wärme von Lilys Präsenz.
Nichts.
Dann ein Flackern. Kälte. Metall. Der Geruch von feuchtem Beton.
Ein Keller.
Meine Augen rissen sich gerade rechtzeitig auf, als Adrian mir den Ring über den Finger streifte. Sein Lächeln erreichte seine Augen nicht. „Mit diesem Ring nehme ich dich zur Frau.“
Die Kapelle brach in Applaus aus. Mir war übel.
LILYS PERSpektIVE (RÜCKBLENDE 30 MINUTEN ZUVOR)
Ich rannte.
Den Flur entlang, an verdutzten Angestellten vorbei, meine Absätze glitten über den Marmor. Ich brauchte mein Handy. Musste jemanden anrufen irgendwen.
Elara kann verschwinden.
Der Gedanke ließ mir den Magen umkippen. Wie lange hatte sie das verheimlicht? In welcher Gefahr steckte sie wirklich?
Ich stürmte in das Brautgemach und wühlte durch herumliegende Make-up-Taschen, auf der Suche nach meiner Clutch. Meine Finger schlossen sich darum, gerade als die Tür hinter mir ins Schloss fiel.
„Danach suchst du?“
Adrians Stimme.
Ich drehte mich langsam um. In einer Hand hielt er mein Handy, in der anderen eine Spritze.
„Schrei nicht“, sagte er freundlich. „Das würde die Hochzeit ruinieren.“
ELARAS PERSpektIVE (GEGENWART EMPFANG)
Unter dem Tisch scrollte ich durch meine Kontakte, mein Sektglas unberührt. Immer noch keine Nachricht von Lily.
Adrian beugte sich zu mir, seine Lippen streiften mein Ohr. „Du bist unhöflich zu unseren Gästen.“
„Ich bin nicht in Stimmung zum Feiern.“
„Warum? Weil deine Schwester es nicht für nötig hielt aufzutauchen?“ Seine Hand legte sich auf meinen Oberschenkel, drückte gerade so, dass es fast schmerzte. „Was für eine Familie du hast.“
Ich schob meinen Stuhl zurück. „Ich brauche Luft.“
Die Toilettenkabine schloss ich hinter mir ab. Ich presste meine Stirn gegen die kühlen Fliesen und drängte nicht meinen ganzen Körper, nur mein Bewusstsein, wie ich es als Kind beim Versteckspiel getan hatte.
Die Welt löste sich in Farbstreifen auf. Dann
Keller. Ketten. Lily, gegen ein Rohr gelehnt, ihr lila Kleid an der Schulter zerrissen.
Meine Augen rissen sich auf. Ich war zurück in der Kabine, mein Nasenbluten tropfte auf mein Hochzeitskleid.
Adrian hatte sie genommen.
Und ich war die Einzige, die es wusste.
Die Übersetzung hält sich eng an den Originaltext und bewahrt den spannungsgeladenen, düsteren Ton der Geschichte. Besondere Sorgfalt wurde auf die wörtliche Rede und die inneren Monologe gelegt, um die emotionale Intensität der Charaktere beizubehalten.