Kapitel 3: Die Bitte des Bräutigams

1042 Worte
ELARAS PERSPEKTIVE Die Toilettenkabine schwamm wieder ins Blickfeld, der Geruch von Bleichmittel und Lilien lag schwer in meiner Kehle. Blut tropfte von meiner Nase auf die weiße Spitze meines Hochzeitskleides und breitete sich in kleinen, anklagenden Blüten aus. Lily. Keller. Ketten. Mein Magen verkrampfte sich. Adrian. Er hatte sie genommen. Ich fummelte nach meinem Handy, meine feuchten Finger glitten über den Bildschirm. Immer noch keine Antwort von Lily. Natürlich nicht. Ihr Handy war wahrscheinlich in seiner Tasche, zusammen mit ihrer Freiheit. Draußen tobte der Empfang, ein Kakophonie aus Gelächter und klirrenden Gläsern eine Welt entfernt von der kalten Stille des Rohrraums, den ich gerade in meinem Geist gesehen hatte. Ich musste zurück. Zu lange wegzubleiben würde Verdacht erregen. Adrians Verdacht. Ich wischte mir die Nase mit einem Klumpen Toilettenpapier ab, das grelle Rot ein gewalttätiger Kontrast zum Weiß. Diese Flecken konnte ich nicht entfernen. Ich starrte auf mein Spiegelbild in der polierten Metalltür der Kabine. Die Braut, blass und mit Blut verschmiert. Ein perfektes Bild des Verderbens. Ich stieß die Tür auf und zwang mir ein leeres Lächeln für eine Gast ab, die gerade die Nachbarkabine verließ. Sie wich mir unsicher aus, ihre Augen huschten von meinem Gesicht zu dem blutbesprenkelten Mieder meines Kleides. Es war mir egal. Sollten sie doch starren. Ich fand Adrian in der Nähe der Haupttafel, wo er eine Gruppe Investoren umschmeichelte. Sein Blick strich über mich, er übersah nichts die Blässe, den angespannten Kiefer, die winzigen roten Tropfen auf meinem Kleid. Sein Lächeln wurde schmaler, doch seine Stimme blieb geschmeidig. „Da bist du ja, meine Liebe. Wir wollten gerade die Torte anschneiden.“ Er nahm meinen Ellbogen, sein Griff fest, und führte mich weg von der Menge. „Du siehst… unwohl aus“, murmelte er, die Worte eine unterschwellige Drohung. „Mir geht es gut. Nur ein Nasenbluten.“ Meine Stimme klang dünn und zittrig. „Ein Nasenbluten.“ Er nickte langsam, als würde er die Information abspeichern. „Nun, bevor die Feierlichkeiten weitergehen, gibt es da noch eine kleine Formalität. Eine Art Hochzeitsgeschenk.“ ADRIANS PERSPEKTIVE Sie brach auseinander. Ich konnte es an ihrer Haltung sehen, steif wie eine Statue, das kaum merkliche Zittern in der Hand, die ich hielt. Das Blut auf ihrem Kleid war eine Überraschung. Eine physiologische Reaktion auf Stress? Oder etwas anderes? Etwas, das mit ihrem kleinen Verschwindetrick zusammenhing? Egal. Der letzte Teil des Plans war in Gang gesetzt. Ich führte sie in das kleine, holzvertäfelte Arbeitszimmer neben dem Ballsaal mein vorübergehendes Hauptquartier für den Tag. Der Raum war still, abgeschirmt vom Lärm der Feier. Auf dem antiken Schreibtisch lag ein einzelner, ledergebundener Aktendeckel. „Was ist das, Adrian?“ Elaras Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Absicherung“, sagte ich freundlich und öffnete den Deckel, um ein frisches Dokument zu enthüllen. Die Überschrift lautete: Vermögenszusammenlegung und Vollmachtserklärung. Ihre Augen überflogen den Text, wurden mit jeder Zeile größer. „Das… das gibt dir die Kontrolle über alles. Mein Treuhandfonds. Meinen Namen. Meine…“ Sie blickte auf, Entsetzen breitete sich in ihrem Gesicht aus. „Meine medizinischen Entscheidungen?“ „Es ist eine Formalität, Liebling.“ Ich legte einen Füllfederhalter neben das Dokument. „Ein Zeichen der Verbundenheit. Alles, was ich habe, gehört dir, und alles, was du hast, gehört mir. So ist die Ehe doch, oder nicht?“ Sie starrte den Füller an, als wäre er eine Giftschlange. „Ich kann das nicht unterschreiben. Nicht ohne meinen Anwalt. Nicht ohne…“ „Ohne Lily?“ Ich ließ den Namen in dem stillen Raum hängen. Ihr stockte der Atem. Sie sah mich an, wirklich sah mich an, und zum ersten Mal erkannte ich nicht Angst, sondern ein Aufblitzen von reinem, unverfälschtem Hass. „Wo ist sie?“ „Unterschreib das Dokument, Elara.“ Meine Stimme blieb ruhig, vernünftig. „Und dann können wir deine Schwester suchen. Sie hat sich sicher nur… verlaufen.“ ELARAS PERSPEKTIVE Die Worte auf dem Papier verschwammen. Unwiderruflich. Alleiniges Ermessen. Vollständige Autorität. Es war kein Ehevertrag. Es war ein Sklavenkontrakt. Mein Verstand raste, suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Ich könnte fliehen. Ich könnte genau hier, genau jetzt verschwinden. Aber dann hätte er immer noch Lily. Und er wüsste mit Sicherheit, was ich konnte. Ich blickte von seinem kalten, erwartungsvollen Gesicht zum Füller. Ich musste Zeit schinden. Ich musste ihn glauben lassen, dass ich gebrochen war. „Du hast sie genommen“, sagte ich, meine Stimme zitterte mit einer Unsicherheit, die ich nicht vortäuschen musste. „Warum?“ „Ich schütze meine Investition“, erwiderte er sanft, hob den Füller und hielt ihn mir hin. „Du bist ein sehr einzigartiges Gut, Elara. Und Güter müssen ordnungsgemäß gesichert werden. Und jetzt. Unterschreib.“ Meine Hand zitterte, als ich nach dem Füller griff. Meine Fingerspitzen berührten das kühle Metall. In diesem Moment traf ich eine Entscheidung. Eine gefährliche, verzweifelte Entscheidung. Ich ließ meine Kraft nach außen strömen, nicht um zu verschwinden, sondern um die Welt nur einen Zentimeter zu verschieben. Ich konzentrierte mich auf den Füller in meiner Hand. Er flackerte. Für den Bruchteil einer Sekunde war er weg. Dann war er zurück, aber jetzt lag er mehrere Schritte entfernt auf dem Boden, als wäre er hingefallen und weg gerollt. Adrian blinzelte, seine makellose Fassung geriet für einen Herzschlag ins Wanken. Er starrte auf den Füller am Boden, dann zurück auf meine leere Hand. „Ich… ich habe ihn fallen lassen“, flüsterte ich und machte meine Augen weit und tränenerfüllt. Er sah von mir zum Füller, eine tiefe Falte bildete sich zwischen seinen Brauen. Der erste Riss in seiner Sicherheit. Er bückte sich, um ihn aufzuheben, seine Bewegungen langsam, berechnend. Als er sich wieder aufrichtete, hatte sich die Luft im Raum verändert. Die einfache Transaktion war zu einem seltsamen, beunruhigenden Ereignis geworden. „Es wäre… unklug“, sagte er, seine Stimme gefährlich leise, „mit mir Spielchen zu spielen.“ Er legte den Füller zurück auf das Dokument. Draußen kündigte der DJ das Tortenanschneiden an. Die Menge jubelte. Im Arbeitszimmer, umgeben von den Geistern der Bücher und dem Geruch von altem Holz, hob ich den Füller, meine Hand jetzt ruhig. Ich hatte mir Minuten erkauft, vielleicht nur Sekunden. Aber es war ein Anfang. Die Spitze des Füllers schwebte über der Unterschriftszeile.
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