kapitel 1: **Die Stille**
Die Stille im Mayfair-Anwesen lag schwer über allem.
Clara saß am Ende des langen Mahagonitischs. Am anderen Ende, mehrere Meter entfernt, saß Silas. Sein Anzug saß perfekt, keine Falte. Die Augen klebten am Tablet.
Das einzige Geräusch war das Klirren ihrer Gabel auf dem Porzellan.
„Der Wein ist gut, Silas“, sagte sie leise.
Er schaute nicht hoch. „Hmm. Sag dem Kellermanager Bescheid, wenn er dir gefällt. Ich bestell für nächste Woche noch einen Kasten. Fürs Board-Meeting.“
Fürs Board. Nie für sie.
Clara legte die Gabel hin und sah ihn an. Silas Vane. Der Eiskönig. Mit einer Nachricht konnte er Märkte bewegen. Gutaussehend, kalt, unerreichbar. Seit Monaten hatte er sie nicht wirklich angesehen. Für ihn war sie Teil der Einrichtung. Die Geisterherzogin. Still und angemessen.
„Silas.“ Ihre Stimme war ruhig, aber das Herz schlug schneller. „Heute ist der Vierzehnte.“
Er hielt kurz inne. Der Finger blieb über dem Bildschirm stehen. Eine Sekunde lang hoffte sie. Hoffte, dass er sich erinnerte. An den Tag vor drei Jahren, als sie den Vertrag unterschrieben hatten. An das Versprechen, dass sie danach versuchen würden, ein richtiges Paar zu sein.
„Der Vierzehnte“, sagte er tonlos. „Stimmt. Die Carrington-Fusion ist heute um vier durch. Guter Tag für die Firma.“
Die Hoffnung brach in ihr zusammen. Leise und endgültig.
Sie stand auf. „Ich geh in die Bibliothek.“
Silas schaute endlich hoch. Der Blick war leer. „Bleib nicht zu lange. Morgen ist die Gala. Du musst gut aussehen. Die Presse ist da.“
„Natürlich“, murmelte sie. „Die Marke soll ja nicht leiden.“
Sie ging raus. Die Absätze klackten auf dem Marmor. Als sie die Tür erreichte, war er schon wieder beim Tablet.
In der Bibliothek atmete sie endlich durch. Hohe Regale, schwere Vorhänge, der große Schreibtisch am Fenster. Hier hatte sie die letzten drei Jahre verbracht.
Sie weinte nicht. Dafür war es zu spät.
Hinter den Geschichtsbänden öffnete sie das versteckte Fach und holte den schwarzen Laptop raus. Den, von dem Silas nichts wusste. Sie steckte das Kabel in die Wand – direkte Verbindung zu seinem privaten Server.
Grüne Codezeilen liefen über den Bildschirm.
Hier war sie nicht die Geisterherzogin.
Hier war sie die Architektin.
Drei Jahre lang hatte sie in der Stille gearbeitet. Während er sie übersah, hatte sie sein eigenes Netzwerk genutzt. Aether. Ein System, das Märkte las, bevor sie sich bewegten.
Sie war fast fertig. Nur noch ein paar Module.
Die Tür knarrte.
Clara klappte den Laptop zu und schob ihn in die Schublade. Silas stand im Türrahmen, den Mantel über dem Arm.
„Ich fahr ins Büro“, sagte er. „Unstimmigkeit in den Singapur-Konten. Ich bleib heute Nacht in der Stadt.“
Er kam näher, griff in die Tasche und warf einen weißen Umschlag auf den Schreibtisch. Er rutschte direkt vor sie.
„Was ist das?“
„Der Vertrag ist beendet.“ Seine Stimme war flach. „Die Fusion steht. Die Anwälte haben die Papiere gemacht. Fünf Millionen sind drin. Mehr als vereinbart. Du warst… angemessen. Bis Montag will ich das Haus leer haben.“
Clara starrte auf den Umschlag. Angemessen. Ein Platzhalter. Ein Posten, den man abschließt.
Sie stand auf. „Silas. Sieh mich an.“
Er blieb an der Tür stehen und sah sie an. Keine Wärme. Kein Bedauern. Nur Geschäft.
„Es war ein guter Lauf“, sagte er. „Mach das nicht emotional. Ist nur Business.“
Dann ging er. Die Haustür fiel ins Schloss. Das Geräusch hallte lange nach.
Clara blieb stehen. Die Stille legte sich wieder über den Raum.
Nach einer Weile setzte sie sich. Sie holte den Laptop raus und schob den Umschlag beiseite. Den Scheck berührte sie nicht.
Sie öffnete den Laptop. Das blaue Licht lag auf ihrem Gesicht. Die Augen waren nicht mehr weich.
Sie tippte einen Befehl.
`[INITIIERE UPLOAD: PROJEKT AETHER]`
1 %.
2 %.
„Du denkst, es ist nur Business“, flüsterte sie. „Gut. Dann spielen wir.“
Sie griff in die Tasche und zog das One-Way-Ticket nach San Francisco hervor. Es war auf morgen früh datiert.
Bei 10 % sprang eine rote Warnung auf.
`[WARNUNG: UNBEFUGTER ZUGRIFF ERKANNT. SERVER-SPERRE IN 60 SEKUNDEN.]`
Claras Blut gefror.
Das Sicherheitssystem hatte sie gefunden. Wenn die Sperre durchlief, war alles weg – der Code, der Standort, drei Jahre Arbeit.
Sie hatte sechzig Sekunden, um ihre Zukunft zu retten.
Oder Silas würde sie zerstören, bevor sie das Haus überhaupt verlassen konnte.