Kapitel sieben

1493 Worte
Die Brüche im Hof ​​von Dravenmoor hatten sich verändert, doch sein Fundament war unverändert geblieben. Der Palast war noch immer aus demselben dunklen Stein erbaut, und dieselbe elegante Kälte strahlte von seinen Mauern aus. Die Hierarchie des Rudels drehte sich nach wie vor um denselben rücksichtslosen Kern, und die politische Maschinerie funktionierte mit derselben gnadenlosen Effizienz wie eh und je. Der Wald jenseits der Zinnen war unverändert, ein ständiger, stummer Zeuge all dessen. Nur Kael hatte sich verändert. Nicht im Großen, sondern auf eine Weise, die sich kaum beschreiben ließ. In den fünf Jahren, seit Seraphine Voss nachts seinen Wald verlassen hatte, hatte sich Kael verändert. Er war hart geworden, und zwar auf eine Weise, die weit über bloße Autorität hinausging. Er war kalt, und seine Bewegungen und Entscheidungen waren von einer Präzision, die nichts Überflüssiges zuließ. Sein Rudel folgte ihm mit einer Loyalität, die an Furcht grenzte, und er akzeptierte dies gleichermaßen. Sanftmut war verschwunden, seit Seraphine Voss seinen Wald verlassen hatte. Sanftmut war verschwunden, seitdem. Daren traf wie immer um sieben Uhr mit den Morgenberichten ein. Kael stand am Fenster, demselben Fenster, an dem er vor fünf Jahren seine Augen gepresst hatte, und beobachtete die vorbeiziehende Baumreihe, die vertraute Stille. Teilnahmslos lauschte er und ließ den Raum die Last all dessen tragen, was zählte: Angelegenheiten des Rudels, Grenzstreitigkeiten und jene kurze, heftige Schlacht an der Nordgrenze, die mit offenkundiger Härte entschieden worden war. Gnade war ein Wort, das er nicht mehr kannte. „Die Crane-Delegation trifft am Donnerstag ein“, verkündete Daren und hielt einen Moment inne. „Isoldes Leute wollen vor dem Wintergipfel eine offizielle Erklärung.“ „Sie fordern sie schon seit acht Monaten.“ „Ja.“ „Meine Position bleibt unverändert.“ Wieder Stille, eine Stille, die von vielem sprach, was zwischen ihnen unausgesprochen blieb, von den unausgesprochenen Implikationen eines Gesprächs. Daren hatte in fünf Jahren Dienst viel gelernt, fast alles von dem, was er nicht sagte, von den unausgesprochenen Folgen einer Aussage: Ich verstehe dich, der Druck wächst, und wir beide wissen es. Kael wandte sich vom Fenster ab und kniff die Augen zusammen. „Was noch?“ Daren schob eine Mappe über den Schreibtisch. „Kontakt im Norden, Kael. Die von Ihnen angeforderte Überwachung des Gebiets um Millhaven.“ Kael erreichte den Schreibtisch, bevor Daren ausreden konnte. Er hatte nie aufgehört zu suchen. Das hatte er nie jemandem erzählt. Nicht Daren, nicht dem Rat, nicht den Ermittlern, die zwei Jahre lang kalte Spuren durch drei Gebiete verfolgt hatten, bis die Spur völlig verschwunden war. Er hatte den Fall nie beiseitegelegt, die Akte geschlossen, die vernünftige politische Entscheidung getroffen, die ein rationaler Alpha treffen würde, den Voss-Vertrag nie aufgelöst und sich anderen Dingen zugewandt. Er hatte einfach weitergemacht. Still. Methodisch. Wie immer. Sechs Wochen lang hatte er Millhaven beobachtet, bestenfalls eine geringe Chance – ein Hinweis aus der Ferne, ein Gerücht über eine Wolfsblütige, die ein kleines Café in einer Menschenstadt betrieb. In fünf Jahren hatte er 47 solcher Hinweise verfolgt. 47 Fehlversuche. Er öffnete die Akte. Das Foto. Aus der Ferne aufgenommen, leicht unscharf – eine Frau, die mit vollen Armen aus der Cafétür trat, ihr dunkles Haar im Winterlicht. Seine Brust reagierte seltsam und unmittelbar. Selbst unscharf. Selbst aus der Ferne. Er sah die Linie ihrer Schultern. Er sah, wie sie sich bewegte. Sera. Er blätterte um. Dann drei weitere Fotos, diesmal näher – Aufnahmen durch das Caféfenster, die Perspektive des Fotografen von der anderen Straßenseite. Drinnen. An der Theke. Und hinten an einem Tisch – er hielt inne. Drei Kinder. Klein, vielleicht sechs oder sieben. Dunkles Haar, alle drei, mit dieser besonderen Knochenstruktur, die eine bestimmte Herkunft verriet. Zwei Gesichter leicht von der Kamera abgewandt. Das dritte blickte direkt ins Fenster. Silbergraue Augen. Seine Augen. Seine Hände, die die Kanten des Ordners zerknitterten, weil er ihn unbewusst fest umklammert hatte. Er bemerkte es und drückte die Hände flach auf den Schreibtisch, um die Falten zu glätten. Daren stand wie angewurzelt auf der anderen Seite des Raumes. „Wie alt?“, fragte Kael mit ruhiger, beherrschter Stimme. Die Stimme eines Mannes, der fünf Jahre lang geübt hatte, seine aufkeimenden Gefühle zu unterdrücken. „Der Analytiker schätzt sechs bis sieben Jahre“, flüsterte Daren. Sechs bis sieben Jahre. Sie war schwanger, als sie weglief. Er stand an seinem Schreibtisch, die jahrelang erlernte Distanz begann zu bröckeln – keine dramatische Veränderung, keine von außen erkennbare, aber dennoch eine Veränderung, eine, die tief in ihm begann und sich nach außen ausbreitete, sodass eines Tages, ohne Vorwarnung, das gesamte Gebilde zusammenbrach. Sie war schwanger, dachte er, und doch ist sie weggelaufen, sie ist wegen mir weggelaufen, dachte er, aber er beendete den Gedanken nicht. „Wie viele?“, fragte er. Daren zögerte. „Die Fotos deuten auf drei hin, Sir. Vielleicht Drillinge.“ Stille herrschte im Arbeitszimmer. Zwanzig Minuten später schickte er Daren fort und stand lange allein im Zimmer. Er war kein Mann, der gern über sich selbst nachdachte, der gern seine Motive, seine Handlungen, sein Herz untersuchte. Seiner Erfahrung nach war solche Selbstreflexion eine Schwäche, die sich ein Anführer nicht leisten konnte – eine Schwäche, die stets eine neue Entscheidung, eine neue Krise, eine neue Bedrohung, eine neue Gefahr bedeutete, all das, was seine ungeteilte Aufmerksamkeit forderte, all das, was ihn zwang, nichts zu fühlen, an nichts anderes zu denken als an die anstehende Aufgabe. Und doch, allein in seinem Arbeitszimmer, umgeben von den Fotos, erlaubte er sich für einen Moment, nur einen Augenblick, und mit großer Selbstbeherrschung, über sich selbst nachzudenken, über das, was er getan hatte, über das, wer er war. Ein Gefäß. Nichts weiter. Er hatte die Worte wie ein Politiker gesprochen, um den Rat zu manipulieren, seinen Beta auf dem Laufenden zu halten, die Illusion aufrechtzuerhalten, dass die Frau, die seinen Wolf im selben Moment zum Heulen brachte, als sie durch die Tür trat, ihn überhaupt nicht berührte. Er hatte Daren belogen, ja, aber sich selbst noch viel gründlicher. Er hatte von Anfang an von der Verbindung gewusst. Und er wusste, dass er sich entschieden hatte, dieser Verbindung nicht nachzugehen. Pflichtgefühl, Kalkül und die kalte, präzise Arithmetik der Führung hatten über die unübersichtliche, unlogische und möglicherweise unangenehme Wahrheit gesiegt, dass das Schicksal womöglich schon ohne sein Einverständnis für ihn entschieden hatte. Und sie wusste, dass er es gesagt hatte. Und sie war geflohen. Und sie war schwanger gewesen. Er drehte das Foto des Kindes in seiner Hand und ließ seinen Blick lange darauf verweilen. Isolde Crane traf planmäßig am Donnerstag ein. Sie strahlte eine gewisse Eleganz aus, wie die einer Wappenträgerin: Jedes Detail wohlüberlegt, jede Absicht klar, bei ihrer Ankunft kein Raum für Zufall. Sie bewegte sich durch den Palast, als hätte sie jahrelang geplant, den Raum zu beherrschen, begrüßte die Ratsmitglieder mit Namen und erfasste die Stimmung mit scharfem politischen Blick. Sie sah Kael in der großen Halle und lächelte ihn an. „Du siehst müde aus“, sagte sie und nutzte dies als Einstieg. „Und du siehst bereit aus“, erwiderte Kael mit einem drohenden Unterton. Ihr Lächeln wich nicht. „Der Gipfel ist in sechs Wochen. Unser Volk sehnt sich nach Klarheit.“ „Unser Volk wird Klarheit haben, wenn ich sie ihm gebe.“ Sie rückte näher an Kael heran – nicht intim, sondern auf der politischen Ebene. „Kael.“ Als sie seinen Namen aussprach, klang es, als ob eine Verhandlung im Gange sei, die noch nicht abgeschlossen war. „Wir waren geduldig. Unsere Rudel – wir beide – haben gewartet. Worauf genau wartet ihr?“ Er wandte sich ihr zu, wirklich ihr, so wie er es manchmal bei den Menschen vergaß, die er täglich sah. Sie war eine Naturgewalt, eine Macherin, eine skrupellose Person, wenn sie ihre Ziele erreichen wollte. Aber sie war auch ein Problem, das er noch nicht gelöst hatte. „Gib mir sechs Wochen“, sagte er. Ihre Augen verengten sich einen Augenblick lang. „Warum?“ „Weil ich es sage“, antwortete er und ging weg. In jener Nacht stand er wieder am Fenster, das Foto, das mit den silbernen Augen des Kindes, im Futter seines Mantels versteckt. Er trug es seit Darens Geschenk bei sich, ein Erinnerungsstück, das ihm genauso viel bedeutete wie das Foto selbst. Drei Kinder. Er dachte wieder darüber nach. Sie hatte alles allein geschafft. Sie hatte damit angefangen, als sie schwanger war, sich ein Leben aus dem Nichts aufgebaut, drei Kinder bekommen und nie – Er presste die Zähne zusammen. Er zog sein Handy heraus und tippte schnell eine Nachricht an Daren: Millhaven. Kümmere dich darum. Wir fahren in drei Tagen. Er steckte das Handy weg. Draußen erstreckte sich die Nacht, schwarz und endlos, und dort, an einem Ort, an dem er noch nie gewesen war, in einer Stadt, in der die Speisekarte auf einer Tafel stand, schliefen drei Kinder mit silbernen Augen, die seinen Namen nicht kannten. Das, beschloss er, würde sich ändern. Irgendwie.
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