Kapitel Eins
„Es tut mir leid, Frau Legare, aber Sie werden niemals ein Kind bekommen. Und selbst wenn Sie durch ein Wunder schwanger werden sollten... Sie werden das Kind niemals erfolgreich austragen können.“
Aubrey wachte auf, während das Urteil immer noch in ihren Ohren klang. Sie seufzte. Der Albtraum war immer derselbe, endete immer gleich. Sie erinnerte sich noch an jenen Tag, den Geruch des Krankenhausdesinfektionsmittels, ihren Verlobten, der ihre Hand drückte. Das war der Tag, an dem ihr Leben auseinanderfiel, als ob es nicht schon genug durcheinander gewesen wäre.
Ihre Mutter war gestorben, als sie noch klein war, und sie kannte ihren Vater nicht. Er war längst verschwunden, bevor sie zur Welt kam. Laut Ya-Ya war er ein Herumtreiber, ein reisender Trompetenspieler. Er kam zum Karneval wie ein Wirbelsturm und fegte ihre Mutter von den Füßen. Und dann war er weg. Neun Monate später kam Aubrey zur Welt.
Sie erinnerte sich kaum an ihre Mutter, außer dass sie immer nach Erdbeeren roch. Ihre Mutter besaß ein kleines Tanzlokal, die nur einen Katzensprung von der Kanalstraße entfernt war. Laut Ya-Ya eröffnete ihre Mutter die Bar in der Hoffnung, dass ihr Vater eines Tages einfach dort auftauchen würde. Aber das tat er nie.
Ihre Mutter und ihre Tante waren Zwillinge und führten ein altes Haus im Königin-Anne-Stil mit einer breiten Veranda. Eine Ecke des Hauses war abgerundet und hatte große Fenster. Die hell gestrichene Fassade und der Garten voller natürlicher Kräuter und heimischer Pflanzen machten es zu einem festen Bestandteil des Mittstadtviertels. Laut der Familiengeschichte, die Ya-Ya ihr erzählte, stammten sie von geflohenen Nomaden ab, die Schutz und Zuflucht bei einem nahegelegenen Sinti-und-Roma-Stamm gefunden hatten. Bis heute wusste Aubrey nicht, wie viel von der Geschichte wahr war, und sie bezweifelte, dass sie es jemals erfahren würde. Es verlieh ihrer ohnehin schon unkonventionellen Familie lediglich noch mehr Würze.
Ihre Tante war eine Magierin, eine Energieheilerin und Orakel-Leserin. Sie stellte Salben und Tinkturen aus Kräutern her und legte oft Tarotkarten während ihrer wöchentlichen Besuche in der Bar. Obwohl Ya-Ya die Bar zu Ehren ihrer Schwester behielt, überließ sie die Verwaltung jemandem mit mehr Erfahrung.
Seit Jahren hatte sie lokale Krähen gezähmt, indem sie ihnen im Austausch für kleine Mitbringsel Futter anbot. Überraschenderweise fanden die Vögel eine beeindruckende Menge Kleingeld und sogar eine Goldmünze, zusätzlich zu Murmeln, glitzernden Steinen, Federn, Bändern und sogar einer Taschenuhr.
Die Kinder in der Nachbarschaft erzählten Geschichten über die Hexe von Baudin und hielten entweder großen Abstand zu ihrem Zuhause oder schlichen sich nahe an den schmiedeeisernen Zaun heran, um einen Blick zu erhaschen, wenn Ya-Ya ihren Garten pflegte oder die Krähen von Hand fütterte, von denen sie einigen Namen gegeben hatte.
Die ständige Anwesenheit mehrerer schwarzer Katzen im Laufe der Jahre half sicherlich nicht, die Gerüchte über Ya-Yas angebliche magische Identität zu zerstreuen. Ebenso wenig wie ihre alljährlichen Halloween-Dekorationen, die im Laufe der Jahre immer aufwendiger wurden, noch ihre eher exzentrische Kleidung, die oft ihr slawisches sowie ihr unbestätigtes keltisches Erbe widerspiegelte. Aber während andere Leute Ya-Ya für seltsam hielten, war für Aubrey alles ganz normal. Vielleicht war es unvermeidlich, dass sie selbst Künstlerin wurde.
Um sie zu ermutigen, renovierte Ya-Ya die verglaste Hinterveranda zu einem Atelier. Aubrey war sicherlich nicht die erste Künstlerin in der Familie. Ya-Ya fertigte Schmuck und Amulette aus den Gaben der Krähen, und Aubreys Mutter war Töpferin gewesen. Die meisten Teller, Schüsseln, Tassen und Vasen im Haus sowie die Krüge und Schnapsgläser in der Bar wurden von ihrer Hand gemacht. Tatsächlich stand das Töpferrad ihrer Mutter noch immer in der Ecke von Aubreys Atelier als Inspiration, und im Hinterhof befand sich immer noch ein Schuppen, in dem ihr alter Brennofen und die Glasur-Fässer untergebracht waren.
Ihre Mutter starb, als sie fünf Jahre alt war. Aubrey verstand es damals nicht, aber später erfuhr sie, dass es an Komplikationen mit Diabetes lag. Trotz des frühen Verlusts ihrer Mutter änderte sich ihr Zuhause nicht wirklich. Sie lebte weiterhin bei ihrer Tante im selben Haus, in derselben Straße. Trotzdem fragte sie sich manchmal, wie es hätte sein können. Sie liebte ihre Tante, aber manchmal wollte ein kleines Mädchen einfach ihre Mutter.
Aubrey machte ihren Schulabschluss als Jahrgangsbeste und entschied sich sofort für ein Kunststudium mit Schwerpunkt Malerei. Um ihren Horizont zu erweitern, ging sie nach Fennstadt, wo sie ihre Mitbewohnerin und zukünftige beste Freundin Sarah Tomlinson kennenlernte. Obwohl sie aus völlig verschiedenen Welten stammten, wurden sie zu Schwestern. Und nachdem sie Ruth kennengelernt hatten, wurden sie zu einem unzertrennlichen Trio, das sich selbst die Drei Musketiere nannte: Athos (Sarah), Porthos (Aubrey) und Aramis (Ruth).
Sarah behauptete, keine Familie zu haben, also schleppte Aubrey sie bei jeder Gelegenheit mit nach Rotental. Zuerst zögerte Sarah, um nicht zur Last zu fallen, aber Ya-Yas offene und großzügige Art beruhigte sie schnell. Einer der Gründe, warum Aubrey so darauf bestand, Sarah zum Besuch zu ermutigen, war ihre unersättliche Lust auf scharfes Essen. Ya-Yas kreolische Küche war nicht zu verpassen.
Als Sarah unerwarteten Erfolg als Schriftstellerin fand, gehörte Aubrey zu den Ersten, die ihr gratulierten. Und als Sarah darüber nachdachte, was sie für das nächste Abenteuer von Rosemary tun sollte, schlug Aubrey Paris vor, weil ... warum nicht? Sarah nahm den Vorschlag nicht nur an, sondern kaufte auch Tickets für Ruth und Aubrey, um sie zu begleiten. So machten sich die Drei Musketiere auf nach Paris.
Es war für alle eine ausgezeichnete Erfahrung. Nicht nur, weil Sarah dadurch eine Fülle von Erlebnissen für Rosemary erhielt, sondern auch, weil Aubrey die Gelegenheit hatte, den Louvre und zahlreiche künstlerische Wahrzeichen zu besuchen, um sich für ihre eigene Kunst inspirieren zu lassen. Als sie nach Rotental zurückkehrte, war Aubrey bereit, sich einen Namen zu machen.
Ihre erste Galerieausstellung war aufregend, aber noch mehr, weil sie dort ihren Verlobten kennenlernte. Es war eine stürmische Romanze, und Aubrey genoss jede Minute davon. Im Nachhinein hätte sie die Dinge langsamer angehen sollen. Nach sechs Monaten machte sich ihr Verlobter Sorgen, dass sie nicht schwanger geworden waren. Aubrey selbst war nicht besonders besorgt. Schließlich waren sie beide jung, aber er bestand auf Fruchtbarkeitstests.
Der Arzt hatte Schwierigkeiten, die Ursache für das zu bestimmen, was er als Ovulationsproblem bezeichnete. Schließlich machte er die Migräne verantwortlich, die sie als Kind hatte und oft mit Schmerzmitteln behandelte, bevor Ya-Ya sie überzeugte, einen ganzheitlicheren Ansatz zu versuchen. Der Arzt entschied, dass dies die Ursache sei und erklärte, dass der langanhaltende Gebrauch selbst von rezeptfreien Schmerzmitteln zu Fruchtbarkeitsproblemen führen könnte.
Die Diagnose war schlimm genug, aber ihr Verlobter löste die Verlobung direkt in der Krankenhauslobby, weil sie nur eine halbe Frau sei, wenn sie ihm kein Kind gebären könne. Ihre Welt kam plötzlich zum Stillstand.
Sie hörte auf zu arbeiten. Stattdessen lag sie stundenlang im Bett und ließ ihre Gedanken kreisen. Die schmerzhafte Selbstreflexion war nicht unbegründet. Aubrey erkannte, dass sie ihr Leben im Übertempo gelebt hatte. Es gab nie einen Moment, in dem sie nicht vorwärts eilte. Kaum hatte sie ein Projekt abgeschlossen, stürzte sie sich bereits in das nächste. Lag es daran, dass sie ihre Mutter so jung verloren hatte?
Dachte sie wirklich, das Leben habe ein Verfallsdatum und sie müsse ihre Ziele so schnell wie möglich erreichen?
Es gab Dinge, von denen sie immer angenommen hatte, dass sie sie haben würde: eine erfolgreiche Karriere, einen fürsorglichen Partner und eine Familie. Und das war ihr alles aus den Händen gerissen worden. Was war dann der Sinn, gegen die Depression anzukämpfen, die in sie eindrang?
Doch wie konnte sie so schwach sein, einfach dazuliegen und nichts zu tun? Nach Wochen schleppte sie sich schließlich aus dem Bett und ging hinaus. Sie fand sich in der Bar ihrer Mutter wieder und versuchte, ihren gewohnten freien Geist wiederzufinden, aber nichts schien sie zu bewegen. Als ein Mann sie ansprach und ihr einen Trink ausgeben wollte, lachte sie fast hysterisch und warf ihm ihren Drink ins Gesicht. Eines brauchte sie nicht: einen Mann. Aber sie brauchte etwas ... oder jemanden.
Sie dachte, sie hätte es mit einer anderen Barbesucherin gefunden. Die junge Frau war alles, was sie früher war: temperamentvoll, unbeschwert und hemmungslos. Sie sprachen nie über ihre Vergangenheit oder Zukunft, sondern lebten jede Minute, als wäre es ihre letzte, sei es im Bett oder beim Rumfahren durch Rotental. Aubrey war egal, was sie taten, solange es sie etwas anderes als die Verzweiflung fühlen ließ, die sie einzuengen drohte. Nichts anderes zählte, nicht ihre Kunst, nicht ihre Freunde oder die Familie, die sie nie haben würde.
Diese Wochen vergingen wie im Rausch. Selbst jetzt konnte sich Aubrey an die Hälfte davon nicht erinnern. Was sie jedoch wusste, war, dass sie eines Morgens die Treppe hinunterkam und feststellte, dass Ya-Ya das Wohnzimmer auseinandergerissen hatte. Alle Möbel waren in der Mitte aufgestapelt und mit Plastik abgedeckt. Abdeckplanen bedeckten die alten Holzböden und Ya-Ya goss lila Farbe in eine Schale, bevor sie eine Rolle eintauchte und mit einem kräftigen 'W'-Strich die Wand bemalte.
„Was machst du da?“, fragte Aubrey matt, noch im Nebel.
„Es war hier zu beige“, sagte Ya-Ya. „Ich brauchte mehr Farbe.“
Aubrey schüttelte den Kopf und ging in die Küche, um sich eine Tasse Kaffee zu machen. Sie kehrte ins Wohnzimmer zurück und sah ihre Tante immer noch bei der Arbeit. Ihr erster Gedanke war, wieder ins Bett zu gehen, aber sie wusste auch, dass Ya-Ya Tage damit verbringen würde, wenn sie den großen Raum mit einer zehn Fuß hohen Decke ganz allein streichen wollte. Seufzend nahm Aubrey die andere Rolle und schloss sich ihr an.
Sie verbrachten den Großteil des Tages mit Malen. Als sie fertig waren, waren zwei Wände lila und die anderen zwei grün. Die Kronleiste und die Fußleisten waren gelb und vervollständigten ein Zimmer im Karneval-Stil. Als sie fertig waren, ließen sie sich auf einem der Plastik bedeckten Sofas nieder, verschwitzt, erschöpft und schmerzhaft, aber der Raum strahlte förmlich.
Ya-Ya betrachtete ihn stolz: „Es ist erstaunlich, nicht wahr? Was ein neuer Anstrich ausmachen kann? Dieser Raum war alt, müde und brauchte etwas Liebe. Jetzt ist er voller Farbe und Stolz. Menschen sind genauso. Es braucht nichts, um neu anzufangen ... du musst nur den Entschluss fassen, die Tafel sauber zu wischen. Ich mache etwas Linseneintopf. Weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe einen Mordshunger.“
Sie klopfte ihr auf das Knie, stand auf und ging in die Küche, während sie vor sich hin summte. Aubrey saß noch eine Weile länger auf dem Sofa, bis ihr Blick auf die übrig gebliebenen Farbkanister fiel. Offenbar hatte Ya-Ya zu viel gekauft, um nicht auszugehen. Aubrey starrte sie noch eine Weile an, bevor sie sie nahm und die überschüssige Farbe in ihr Atelier trug.
An der Wand lehnte eine große Leinwand, die sie ursprünglich für eine Landschaft vorgesehen hatte. Jetzt stellte sie die Farbdosen davor, öffnete sie und tauchte einen der Pinsel ein, der immer noch von der Wohnzimmeraktion verklebt war. Sie trat an die Leinwand heran, hob den Pinsel und schnappte mit dem Handgelenk, um die Farbe über den leeren Raum zu spritzen.
Sie zögerte einen Moment, bevor sie es erneuttat. Mit einem teuflischen Lächeln griff sie nach einem anderen Pinsel, tauchte ihn in eine andere Farbe und verdoppelte das Chaos. Sie drehte sich und tanzte, schleuderte die Farbe mit wildem Übermut. Schließlich legte sie die Pinsel beiseite, tauchte ihre Hände direkt in die Farbe und verschmierte sie, schlug sogar mit den Fäusten auf die Leinwand.
Tränen füllten ihre Augen und verschwammen ihr die Sicht, als sie alles auf die Leinwand warf: ihren Schmerz, ihre Frustrationen, ihre Angst, Wut, Hoffnungslosigkeit ... Alles strömte aus ihr heraus. Sie griff nach der kleinen Dose goldener Farbe und warf das ganze Ding, sodass eine Ecke gelb überzogen war, als sie schließlich auf die Knie sank, zitternd und unfähig, aufzuhören zu weinen.
Starke Arme umschlangen sie und Ya-Ya zog sie nah zu sich, wiegte sie, während sie ihr über das Haar strich: „Genau so, Baby. Lass es raus. Lass alles raus. Du hast diesen Schmerz zu lange festgehalten. Befreie ihn, Baby. Befreie ihn.“
Starke Arme umschlangen sie und Ya-Ya zog sie nah zu sich, wiegte sie, während sie ihr über das Haar strich: „Genau so, mein Kind. Lass es raus. Lass alles raus. Du hast diesen Schmerz zu lange festgehalten. Befreie ihn, mein Kind. Befreie ihn.“
Aubrey atmete tief ein, ließ die Erinnerung verweilen, bevor sie sie losließ. Danach begann sie wieder zu arbeiten, und langsam wurde alles besser. Sie hatte dieses Bild immer noch. Es hing im Wohnzimmer über dem Kamin, ein Werk, auf das sogar Josef Albers stolz wäre. Auf Ya-Yas Anregung hin nannte sie es Phoenix.
Miau?
Aubrey blinzelte und schaute auf ihren Nachttisch, um eine der schwarzen Katzen von Ya-Ya dort sitzen zu sehen, die sie mit neugierigen bernsteinfarbenen Augen beobachtete. Diese hieß Jim nach der Figur des entflohenen Sklaven in "Die Abenteuer des starken Wanja". Ya-Ya nannte alle ihre Katzen nach berühmten literarischen Figuren, sowohl historisch als auch aus der Gegenwartsliteratur. Derzeit gab es sechs Katzen, die regelmäßig vorbeikamen: Celie, Rosa [Parks], Jackie [Robinson], Booker [T. Washington] und Katherine [Johnson] zusätzlich zu Jim. Aubrey wusste nicht, wie Ya-Ya die eine von der anderen unterschied. Sie kannte Jim nur, weil er die einzige Katze war, die ins Haus kam.
„Was ist los, Jim?“ fragte Aubrey.
Die Katze blinzelte.
Aubrey kicherte. Vielleicht färbten Ya-Yas Eigenheiten endlich auf sie ab. Sie sprach tatsächlich mit einer Katze. Aubrey überlegte, ob sie sich umdrehen und noch ein paar Minuten Schlaf stehlen sollte, als plötzlich ein Schrei aus dem Babyfon ertönte.