»Sie interessieren sich also sehr für Iwan?« fragte des Malers Verlobte.
»Ich möchte der Welt von ihm erzählen,« sagte König ernst. »Über solch eminente Begabung, über solch herrliches Können muß man doch reden.«
Die junge Dame atmete tief auf. »Sie wollten das? Sie wollten das wirklich, Herr Doktor?« rief sie erregt, und ihre Augen flammten dabei in düsterem Feuer. »Sie wollen Iwans Namen bekannt machen? O ja. Tun Sie das. Es ist nur Gerechtigkeit, wenn Sie ihm zu dem Ruhm verhelfen, den er so sehr verdient. Und jetzt, mein Herr, jetzt sollen Sie sein intimstes Arbeiten kennen lernen, sollen Sie sehen, wie das entsteht, das ihm bisher nicht allzuviel Geld und — gar keine Ehre eintrug.«
»Es ist beides unbegreiflich,« sagte König, während er zusah, wie sie fieberhaft schnell den einzigen großen Tisch, der sich im Atelier befand, von allem, das darauf lag, befreite, um eine der Skizzenmappen darauf zu legen.
Und wieder leuchtete es in ihren Augen auf, während sie leidenschaftlich bewegt rief: »Wie froh bin ich, daß Sie gekommen sind! Sie, der Sie uns längst kein Fremder mehr sind, Sie sollen es wenigstens wissen, wie viel er kann — nein, wie viel er gekonnt hat!« schluchzte sie plötzlich auf und schlug die Hände vors Gesicht.
König verlor dieser sprunghaften Erregtheit gegenüber ein wenig seine Fassung. Er sagte dem Mädchen wohl wieder etliche Trostesworte, hielt selber jedoch von deren Wirkung nicht viel.
Die junge Dame aber besaß eine elastische Natur, sie hatte sich schon wieder in der Gewalt. Ihm freundlich zulächelnd meinte sie: »Es ist erbärmlich, daß man nicht stärker sein kann. Mein bißchen Kraft gebe ich eben an Iwans Krankenbett aus. Da muß ich heiter und sorglos scheinen, da lachen seine Mutter und ich und reden vergnügt von einer Zukunft, in welcher er sicher nicht mehr ist, so — als ob er darin die Hauptperson wäre. Das reibt auf, mein Herr — das kostet uns fast alle Kraft, und dazu kommt noch, daß Frau Malachow und ich zur Verstellung nicht geschickt sind, und ich fürchte, Iwan merkt schon, daß unsere Heiterkeit nichts als eine Komödie der Liebe ist, denn seit etlichen Tagen ist es mir, als ob er Mißtrauen hege.«
König schüttelte den Kopf. »Wie immer es sei, liebes Fräulein, Ihr armer Kranker wird so oder so sich dieser schönen, großen Liebe erfreuen. Weshalb aber sind Sie denn so hoffnungslos, da Ihr Bräutigam selber — aus Ihrer Rede darf ich es schließen — an seine Genesung glaubt?«
»Er ist ein Lungenkranker.«
»O — ich verstehe.«
»Er hält sich überhaupt erst für ›ein wenig‹ leidend, seit er die Palette nicht mehr halten kann.«
»Wie traurig! — Und auch wieder — wie gut!«
»Im November rief uns sein bester Freund, Jan Frit, hierher. Iwan war sehr überrascht, als wir kamen. Er glaubte es jedoch, daß seine Mutter eines argen Katarrhs halber hierher gekommen sei, und freute sich, daß ich sie nicht allein hatte reisen lassen. Sonst legte er ihrem und meinem Kommen keine Bedeutung bei.«
»Er war damals schon ernstlich krank?«
»Ernstlich, und er überarbeitete sich auch noch dazu, wiewohl er kaum mehr eine Stunde lang vor dem riesigen Rahmen sitzen konnte.«
»Er arbeitete damals an einem großen Bilde?«
Über des Mädchens Gesicht huschte eine grelle Röte.
»An einem figurenreichen historischen Gemälde,« antwortete sie mit ebenso unverkennbarem als auch unverständlichem Trotz.
»Was stellte es vor?« fragte König, der interessiert die Skizzen betrachtete.
Sie mußte die Frage nicht gehört haben. Sie zog die graue Blende, die ohnehin die eine Seite des Fensters nur streifte, ganz zurück.
Es war das eine ganz überflüssige Arbeit. Es war wohl auch nur eine Scheinarbeit.
»Und was ist’s jetzt mit dem Bilde? Hat er es vollenden können?« fragte König.
»Ja, und dann ist er zusammengebrochen!«
Sie hatte es durch geschlossene Zähne gesagt, und König, der daraufhin über einen allerliebsten Gassenjungen hinwegsah, dessen jedenfalls zum Sprechen ähnliches Abbild er in der Hand hielt, bemerkte, daß ihre Hände sich geballt hatten.
Er wiederholte daraufhin seine unbeantwortet gebliebene Frage nach dem Verbleib jenes riesigen historischen Bildes nicht mehr, denn er konnte es sich jetzt denken, daß ihr diese Frage aus irgend einem Grunde Pein bereite.
Er war auch sehr bald so gefesselt von dem hohen Reiz, welchen die meist nur ganz flüchtig hingeworfenen Entwürfe und Studien Iwan Malachows auf ihn ausübten, daß er fast seine Umgebung, ja selbst die Anwesenheit der jungen Dame vergaß.
Mappe um Mappe reichte sie ihm hin — ein zerstreutes »Danke« — dann war er wieder in konzentriertes Schauen versunken. Es beleidigte sie nicht, daß er über seinem Tun ihrer gar nicht mehr achtete — o nein, sie freute sich sogar innig über dieses Vergessensein, denn es bewies ihr, daß der in der ganzen Kunstwelt bekannte und hochgeachtete, weil unbestechliche Kritiker solch tiefes Interesse für die Schöpfungen eines ihr unsäglich teuren Menschen zeigte.
Und stolz, überaus stolz war sie auf Iwans Können, denn nur weil dieses auf einer ganz ungewöhnlichen Stufe stand, konnte Doktor Königs Bewunderung davon so gefesselt sein. Blatt um Blatt der reichhaltigen Sammlung wanderte an des Gastes Augen vorüber, und immer anerkennender, ja begeisterter klangen seine kurzen, zutreffenden kritischen Bemerkungen.
Da geschah etwas Seltsames.
Er war eben zu einem Blatte gelangt, welches leichte Bleistiftzeichnungen aufwies; sie stellten nichts dar als gekrümmte Finger. Gekrümmte Finger an der hageren, aderreichen Hand eines alten Mannes. So mußte die Hand eines Mannes sein, der all sein Leben lang schwer gearbeitet hat. Solch eine Hand weist derlei kleine Mißbildungen auf, solch überstark gewordene Knöchel, solch charakteristische Hautfalten an den Beugestellen der Finger, so deformierte Nägel. Es war also die Hand eines hageren alten Mannes aus den schwer arbeitenden Volksschichten. Sie wiederholte sich mehr als ein Dutzend Mal auf dem großen Blatte, und es war immer nur eine rechte Hand, und sie hielt die Finger eingezogen.
Es waren lauter Studien gekrümmter Finger. An jeder dieser Hände waren die Finger anders gekrümmt, und unter einer derselben befand sich ein Strich. Dieser Strich war von einem Pinsel gezogen worden, der blaue Ölfarbe enthalten hatte.
Vielleicht war der Strich nur zufällig dahin gekommen, vielleicht bedeutete er aber auch, daß der Maler die darüber befindliche Skizze benützt habe. Wiewohl dieses Blatt fraglos für die anatomischen Kenntnisse und die außerordentliche Gewissenhaftigkeit Malachows ein beredtes Zeugnis ablegte, interessierte doch Doktor König sich nicht in höherem Grade dafür, als dies ohnehin schon in Bezug auf die anderen Skizzen der Fall war.
Ganz plötzlich aber sollte sein ganz besonderes Interesse gerade für dieses Blatt geweckt werden, denn es geschah, wie schon gesagt, Seltsames.
Noch hielt er das Blatt, darauf diese eigenartige Handstudie sich befand, und wollte soeben noch einen letzten Blick auf die blau unterstrichene Skizze werfen — sie stellte die hageren Finger so dar, als grüben sie sich in wildem Schmerz in die innere Handfläche — da griff eine andere Hand nach dem weißen Blatt und entriß es ihm förmlich — ja, sie entriß es ihm. Man konnte die sehr unschickliche Eile, mit der das junge Mädchen ihm das Blatt nahm, nicht anders bezeichnen.
Er schaute denn auch höchlich verwundert auf die junge Dame, welche bislang entschieden feine Lebensformen gezeigt hatte.
Er meinte, sie müsse rot geworden sein, aber nein — ganz im Gegenteil, sie war sehr bleich, und hohe Bestürzung war aus ihren Zügen und etwas wie Trotz in ihren Augen zu lesen.
Und jetzt schämte sie sich auch ihres Benehmens.
Jetzt stieg helle Röte in ihr Gesicht, und indem sich ihre Züge glätteten, ihre Augen wieder freundlich wurden, sagte sie im Tone der Verlegenheit: »Entschuldigen Sie meine ganz unpassende Raschheit. Ich meinte — ich glaubte — —«
Was sie meinte und glaubte, das erfuhr Doktor König nicht, hatte jedoch das unangenehme Gefühl, daß sie ihn hatte belügen wollen.
Sie wurde jetzt ungemein gesprächig. Wollte sie vielleicht den unangenehmen Eindruck, welchen ihr Tun naturgemäß hatte hervorbringen müssen, verwischen und vergessen machen?
Sie wurde ihrem Besucher jetzt ein geistreicher, anmutiger Cicerone durch die vor ihm liegende Skizzenmappe, aber das ganze jetzige, liebenswürdige Gebaren nützte ihr nichts, denn König, dem sie nun wieder selber sehr interessant geworden war, beobachtete sie unauffällig und gewahrte recht gut, wie unruhig ihre Augen jedes neuaufgeschlagene Blatt überflogen und wie sichtlich erleichtert sie aufatmete, als er das letzte, das sich in dieser Mappe befand, zu den anderen legte.
Es geschah auch, was er erwartet hatte. Sie legte ihm keine andere Mappe mehr vor, und die Handskizzen, die sie hinter sich auf einen Diwan geworfen hatte, schob sie jetzt in eine Lade.
»Ich soll sie also gewiß nicht noch einmal zu Gesicht bekommen,« dachte König und schüttelte leicht den Kopf dazu.
Aber zu einer Aussprache über die gehabten Eindrücke fühlte er sich selbstverständlich verpflichtet, und sie fiel glänzend ans, auch fügte er hinzu, daß er es als seine Pflicht erachte, den Namen dessen, der solch Geniales geschaffen, dem Dunkel zu entreißen.
Darob erglühte die Braut des so ehrend Anerkannten abermals in heller Freude und Dankbarkeit und bat König, daß er zum Andenken an die Stunde, in welcher er ihren Bräutigam in seinen Werken wenigstens kennen gelernt, das Bildchen annehme, das ihm zuerst aufgefallen war.
»Aber ich bitte Sie, mein Fräulein,« lachte König, »es bedarf keines Andenkens, gar eines so wertvollen nicht, damit ich diese Stunde nicht vergesse.«
Er hatte ein wenig anzüglich gesprochen, und sie hatte ihn verstanden, denn bittere Verlegenheit spiegelte sich in ihrem Gesicht.
»Sie müssen mich entschuldigen,« sagte sie und ballte dabei die Hände. »O — es läßt sich leicht schöner Gleichmut bewahren, wenn man niemals mit der Schlechtigkeit zusammengekommen ist. Aber ich weiß, wie bitteres Unrecht einem geschehen kann, der Anerkennung und Ehre verdient. Mein Iwan — du lieber Gott, wie haben die angesehensten Kritiker seine Werke als zu dem Besten, das je gottbegnadete Künstler geschaffen, gezählt — und er hat es still lesen müssen und hat geweint, weil — —«
Immer erregter war sie geworden, nun hielt sie plötzlich im Reden inne. Sie war jetzt ganz verwirrt; vielleicht über des Doktors Blick verwirrt, der sie ziemlich deutlich fragte, ob sie wohl bei klaren Sinnen sei.
Und wieder kam ein rascher Übergang bei ihr. Als sie merkte, daß er an ihrer Vernunft zweifle, war sie nicht aufgebracht und nicht beleidigt — o nein, ganz sanft reichte sie ihm das Bildchen hin, bezüglich dessen Annahme er sich noch immer nicht entschieden hatte, und bat herzlich: »Sie nehmen es mit! O ja! Sie nehmen es mit. Denken Sie immerhin als an eine Unglückliche an mich, aber kränken Sie mich nicht, indem Sie dieses kleine Andenken nicht annehmen.«
»Dürfen Sie denn auch frei darüber verfügen?« fragte König freundlich.
»O, wenn Sie wüßten, wie gern es Ihnen Iwan geben würde. Er ist Ihnen ja so viel — —«
Was hatte sie nur sagen wollen? — »Dank schuldig?« Es paßte nicht leicht etwas anderes zum Anfang ihres Satzes.
Der Kritiker begann das seltsame Mädchen ernstlich zu bemitleiden. »Ihr Verlobter kennt mich ja gar nicht,« sagte er, um sie dadurch wieder zur Wirklichkeit zurückzubringen.
Sie senkte den Kopf und murmelte: »Nein, nein — er kennt Sie nicht!«
Dabei hielt sie ihm noch immer das Bildchen hin, und da nahm er es denn, sich vorbehaltend, es zurückzugeben, falls — nun falls die junge Dame, die sich so exaltiert benommen und mehrmals widersprochen hatte, wirklich unzurechnungsfähig sein sollte, also keine eigene Willensäußerung haben durfte.
Sein Vorhaben nicht ahnend, sagte sie innig: »Sie gaben mir mit Ihrem Versprechen mehr, als Sie ahnen. Sie gaben mir damit die Hoffnung, daß ein Sterbender — denn das ist Iwan — noch ein paar glückliche Stunden haben wird. Iwan ist nämlich sehr, sehr ehrgeizig, und sieht er sich einmal durch Sie, Herr Doktor, in der Presse geehrt, so weiß ich ganz genau, daß es ihm eine große Freude und Genugtuung —«
»Nun, habe ich zu viel gesagt? Ist Doktor König nicht der liebenswürdigste Europäer, der Ihnen — natürlich Iwan ausgenommen — je vorgekommen ist?«
Mit diesen Scherzworten eintretend, störte Jan Frit das Alleinsein und die ein wenig unbehaglich gewordene Situation, in welcher sich die beiden befanden.
»Gewiß, Doktor König ist ein prächtiger Herr,« gab das Mädchen lächelnd zu, fuhr jedoch sogleich ängstlich fort: »Sie kommen von Iwan! Wie finden Sie ihn, und was sagt der Arzt?«