Jan Frit gab sich ein sorgloses Ansehen. »Ich habe Iwan recht heiter gesehen, und der Doktor — nun, der meint, wie wir alle, daß der März überwunden werden wird, und daß damit alles gewonnen ist.«
Er schnellte, während er dies alles in gleichgültigem Tone vorbrachte, ein Stäubchen, welches nicht da war, vom Ärmel seines Rockes, als sei die besprochene Sache eines ungeteilten Gedankens gar nicht wert.
Die junge Dame lächelte wehmütig und streckte ihm die Hand hin. »Sie sind ein guter Mensch, Jan, aber Sie vergessen, daß Iwans Mutter und ich schon seit Monaten dieselbe Rolle spielen, die Sie jetzt durchführen wollen, daß wir also jede ihrer Nüancen kennen, und man uns damit nicht betrügen kann. Sie finden also, daß es Iwan recht schlecht geht, und Doktor Lenoir findet dasselbe.«
»Was immer kommen wird, lassen Sie mich Ihnen ein Bruder sein,« würgte Jan Frit heraus.
Da wurde sie kalkweiß und ging, alle geselligen Formen vergessend, mit langsamen, schweren Schritten aus dem Gemach.
Wenige Minuten später befanden sich die beiden Männer wieder auf der Straße. Das Wetter hatte sich insofern noch verschlechtert, da jetzt der Wind zum Sturme geworden war.
Die zwei waren also recht froh, als sie bei Papa Briac einen warmen, trockenen Winkel fanden.
Jetzt erst konnten sie über die Eindrücke der letzten anderthalb Stunden reden, und Königs erste Frage war: »Ist die junge Dame geistig völlig normal?«
Frit schaute ihn überrascht an. »Ohne jeden Zweifel. Sie ist vollkommen Herrin ihres Denkens,« war seine in sehr bestimmtem Tone gegebene Antwort.
»Sie haben viel mit ihr verkehrt?«
»Täglich, meist stundenlang, und sie ist seit November hier.«
»Und haben nie eine Störung bemerkt?« sagte König gedankenvoll. »Das ist sonderbar.«
Jan Frit lachte laut auf. »Ich finde nichts Sonderbares darin, wenn ein Mensch normal ist.«
König gab darauf keine Antwort, aber er stellte eine andere Frage, eine Frage, die er heute schon einmal gestellt hatte, ohne eine Antwort darauf zu erhalten.
»Was ist denn mit dem großen Bilde geschehen, daran Malachow noch im November gemalt hat?«
»Ein großes Bild? Davon weiß ich nichts.«
»Ein historisches Bild.«
»Keine Spur. Ich war täglich bei ihm. Er hat ja überhaupt niemals viel gemalt. War wohl immer zu kränklich dazu. Einige kleine Bilder, das ist alles. Wir haben es niemals begriffen, wozu er so fleißig skizzierte und darin wirklich ein einfach großartiges Können bewies, wenn er doch nie etwas Bedeutendes ausführen konnte oder wollte.«
Doktor König hatte die Speisekarte zur Hand genommen. Das Thema interessierte ihn wohl nicht mehr.
Am Abend desselben Tages begleitete Jan Frit den Doktor zum Bahnhof. König dankte ihm herzlich für die Liebenswürdigkeit, mit welcher er ihm Ciceronedienste in Concarneau geleistet hatte, dann führ der Zug aus der sehr bescheidenen Halle, und das stimmungsvolle Küstenstädtchen tauchte in Nacht und Nebel unter.
König, der ein Coupé für sich hatte, konnte ungestört die Eindrücke der letzten Tage an sich vorüberziehen lassen. Die mancherlei Bilder, die er gründlich gesehen, die mancherlei Menschen, die er oberflächlich kennen gelernt hatte — sie stellten sich, bald diese, bald jene, seinem Gedächtnis vor. Malachows Braut sah er wie leibhaftig vor sich. Wie leidenschaftlich sie Iwan liebte! Wie leidenschaftlich sie überhaupt war! Aber sonst normal? — König glaubte nicht recht daran.
Und Doktor Hans König schlief ein, erwachte wieder, sah Frankreichs Fluren wie im Fluge vorüberziehen, wechselte da und dort den Wagen und kam am 2. März bei anbrechender Dunkelheit in der niederösterreichischen Station Amstetten an, woselbst der Schnellzug, in welchem er sich befand, schon von den Passagieren eines aus dem Ennstal eingetroffenen Zuges erwartet wurde. Während das nicht übermäßig interessante Schauspiel des Aus- und Einsteigens vor sich ging, wanderten des schon ein wenig fahrtmüden Doktors Augen über das wenige, das in Amstetten überhaupt zu sehen ist, und das jetzt noch durch die Dämmerung verschleiert wurde.
König sah demnach wirklich nicht viel und darunter nichts Bemerkenswertes.
Eben als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, langte ein Bauer nach seinem Sack, den er auf die Erde gestellt hatte. Unwillkürlich folgten Königs Augen der etwas schwerfälligen Bewegung des alten Mannes, der übrigens sofort seinen Augen entschwand, denn schon hatte der Zug seine normale Fahrtgeschwindigkeit gewonnen.
Hätte der arme Doktor ahnen können, welch furchtbare Folgen dieses ja in Wahrheit so harmlose zuletzt Geschaute für ihn haben würde, er hätte gewiß sein ganzes Leben nie mehr alte Bauern, die hagere Finger krümmen, angeschaut.
Aber es kann ja keiner in die Zukunft sehen, und das ist gut — das ist meist sogar sehr gut. Dieses Mal aber — nun, vielleicht war es auch dieses Mal gut.
Seelenruhig zündete sich Doktor König soeben eine Zigarre an, es war sogar eine geschmuggelte, und begann über das für ihn höchst angenehme Ereignis seiner morgen bevorstehenden Verlobung nachzudenken. Er hatte ja all diese Tage her voll Innigkeit an seine Lena gedacht, hatte ihr, da sie nun einmal Vergnügen daran fand, täglich ein halbes Dutzend Ansichtskarten geschickt und außerdem unzählige Male ihrer gedacht — jetzt aber, jetzt sehnte er sich noch weit mehr nach dem lieblichen jungen Geschöpf, das mit so viel Zärtlichkeit an ihm hing, das sich ihm morgen verloben und ihm bald — ah, das wird er schon geschickt betreiben — ihm sogar sehr bald ihre schöne, weiche, warme Hand fürs ganze Leben reichen wird.
»Schöne, weiche, warme Hand« — das hätte er nicht denken sollen!
Denn es brachte ihm den Gegensatz davon in Erinnerung: jene Hand, die er vor kurzem gesehen hatte, diese hagere, faltige, von rauher Arbeit deformierte alte Männerhand, die vorhin mit gekrümmten Fingern nach dem Sack gegriffen hatte.
Und diese gekrümmten Finger erinnerten ihn wieder an andere, die ein unbekannter großer Künstler in leichten Strichen auf ein Blatt Papier gebannt hatte, ein Künstler — Doktor Königs Gedanken wanderten unglücklicherweise immer weiter — ein Künstler, der eine so ganz eigentümlich charakteristische Pinselführung, der eine so ganz besonders durchsichtige Art zu untermalen hatte.
Doktor Hans König erhebt sich ganz plötzlich und schaut mit dem angestrengten Blick, mit dem man in weite, weite Fernen zu schauen pflegt, auf den seinen Augen ja sehr nahen roten Samtsitz des Coupés, in welchem er seine Reise vollendet.
Aber König sieht den Sitz gar nicht, er sieht vor seinen geistigen Augen etwas ganz anderes, und dabei benimmt er sich ein wenig seltsam.
Es gibt etwas, das man Reflexbewegung nennt. Solch eine Reflexbewegung findet jetzt in den Muskeln von Doktor Königs rechter Hand statt. Ihr Besitzer weiß vermutlich gar nichts davon. Dessen Gedanken sind wahrscheinlich ganz anderswo als bei seiner rechten Hand, deren wohlgepflegte Nägel sich in die feine, weiche Haut der inneren Handfläche bohren.
Dabei stößt er einen leisen Pfiff aus, wie jemand, dem etwas ihm vorher Unbegreifliches plötzlich klar geworden ist.