Kapitel 5
ALPHA BALLISTERS SICHT
Ein Mate ist nichts, worüber man sich freuen sollte. Ein Mate war meine Schwäche, mein Feind. So hatte es mir meine Mutter gezeigt. Mein Vater war auf dem richtigen Weg gewesen, bis er eine Mate fand – meine Mutter. Alles schien gut, bis sich herausstellte, dass sie eine Abtrünnige war, geschickt, um unseren Rudel zu zerstören. Sie hatte Erfolg gehabt, und mein Vater zahlte den Preis mit seinem Leben. Ich musste hart kämpfen, um den Rudel zurückzuerobern, unzählige Opfer bringen. Und jetzt, mit einem Mate, würde ich meine Rache an ihr ausüben, bevor ich sie zurückweise.
Im Hier und Jetzt saßen Alpha Jackson, die Alphas Tochter Gwen und ich im Speisesaal. Ihre Anwesenheit nahm ich kaum wahr. Meine Gedanken kreisten nur um Edith. Ich überlegte, wie ich sie zu mir nehmen und für mich beanspruchen würde. Der Gedanke faszinierte und erregte mich gleichermaßen.
Das Chaos hatte sich gelegt, und der eingedrungene Vampir war beseitigt.
Plötzlich durchbrach ich die Stille: „Wie viel seid ihr bereit, für Edith zu verlangen?“ Die Frage überraschte Alpha Jackson und verärgerte Gwen. Sie wussten beide, dass es gefährlich wäre, wenn Edith zu mir käme. Sie sahen mein wachsendes Interesse an ihr und sorgten sich zu Recht.
Gwen mischte sich ein, versuchte meine Entscheidung zu beeinflussen: „Edith ist eine Verbrecherin. Sie soll getötet werden. Es hat keinen Sinn, sie mitzunehmen,“ erklärte sie, ihre Stimme tropfte vor Gift.
Gwen ignorierend wandte ich mich erneut an Alpha Jackson und wiederholte die Frage: „Wie viel wollt ihr für Edith?“ Ich hätte sie einfach verlangen können, aber da ich Interesse an ihr hatte und als Alpha-König viele Feinde besaß, würden sie nicht ruhen, bis sie eine Schwäche fanden. Ein Mate war eine solche Schwäche – eine, die ich ihnen nicht bieten würde.
Alpha Jackson warf einen Blick zu seiner Tochter und sah ihren Unwillen. Er begriff, dass Gwen nicht wollte, dass er Edith verkaufte. Tief durchatmend antwortete er: „Ich werde Edith nicht gehen lassen. Sie ist eine Verbrecherin und muss die Konsequenzen tragen.“
Meine Geduld schwand, und ich entschied mich für eine Drohung, die Alpha Jackson erschüttern sollte: „Es ist Respektlosigkeit mir gegenüber, Alpha Jackson, mir Edith zu verweigern. Vergesst nicht, dass ich eurem Rudel hier einen Gefallen tue. Wer weiß, vielleicht entscheide ich mich, keinen Welpen von hier auszuwählen,“ warnte ich, meine Worte durchzogen von der Schwere eines Verrats.
Beide verstummten, während die Bedeutung meines Ultimatums sanken. Auf Alpha Jacksons Gesicht spiegelten sich Furcht und innerer Konflikt. Die Folgen, meiner Forderung nicht nachzukommen, waren enorm. Widerwillig stimmte er zu, Edith an mich zu übergeben, sehr zum Missfallen von Gwen.
In diesem Moment spürte ich einen Triumphschub. Edith würde mir gehören. Egal, welche Konsequenzen das haben würde, ich war entschlossen, sie zu besitzen. Der Gedanke, sie zu quälen, bevor ich sie zurückwies, entfachte eine dunkle Genugtuung in mir.
Gwen, deren Wut offensichtlich war, konnte nichts tun als das Ergebnis zu akzeptieren. Meine Dominanz hatte meinen Willen durchgesetzt. Nun blieb nur noch, zu beanspruchen, was mir rechtmäßig gehörte – Edith.
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GWEN’S SICHTWEISE
Wütend stürmte ich in mein Zimmer. Warum schien es, als würde Edith immer gewinnen? Egal, was ich tat, meine Versuche, sie loszuwerden, scheiterten. Das machte mich unendlich wütend.
Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sie Alpha Ballister so nahe war und seine Aufmerksamkeit und Zuneigung bekam, die eigentlich mir zustanden. Ich musste an seiner Seite sein, ihn verführen, ihn zu meinem machen. Die Macht und der Einfluss, die ich als seine Frau hätte, berauschten meine Gedanken.
Frustriert schrie ich auf und spürte, wie sich die Wände auf mich zu bewegten. In meinem Zorn griff ich nach zufälligen Gegenständen und warf sie durch das Zimmer, in der Hoffnung, etwas von der angestauten Wut loszuwerden. Doch es reichte nicht. Der Zorn brannte weiter in mir und nährte meinen Willen, Edith ein für alle Mal loszuwerden.
Während ich hin und her ging, raste mein Verstand und suchte verzweifelt nach einer Lösung. Ich musste mir etwas einfallen lassen, etwas, das Alpha Ballister endlich von Edith weg und in meine Arme führte. Aber was konnte ich tun? Wie konnte ich ihm zeigen, dass sie nicht die Richtige für ihn war?
Plötzlich blieb ich stehen, ein finsteres Lächeln legte sich auf mein Gesicht. Mit Alpha Ballister zu gehen, genau das war es! Wenn ich ihm nah sein könnte, an seiner Seite, dann könnte ich ihn nach und nach verführen, ihm Gift ins Ohr flüstern über Edith. Ich könnte ihre wahren Farben entlarven und ihn sehen lassen, dass sie seiner Liebe nicht würdig war.
Der Gedanke elektrisierte mich, die Vorstellung von der Macht, die ich als Alpha Ballisters Luna hätte. Sie verschlang meinen Geist, trübte mein Urteilsvermögen und nährte meinen Ehrgeiz. Ich konnte nicht länger zulassen, dass Edith mir im Weg stand.
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EDITH’S SICHTWEISE
In der feuchten Zelle sitzend, wurde ich von Elend verschlungen. Es waren drei lange Tage seit meinem gescheiterten Fluchtversuch vergangen, und jeder einzelne davon schien endloser Folter zu bestehen. Die Stille war ein ständiger Begleiter – erstickend und schwer.
Plötzlich wurde die Ruhe von einem düsteren Lachen durchbrochen, das in der Zelle widerhallte. Sofort erkannte ich dieses grausame Lachen – es gehörte Gwen. Sie war gekommen, um sich zu freuen, um sich an meinem Fall zu laben.
„Na, na, na… schau dich an. Die mächtige Tochter des Alphas, nun reduziert auf eine bloße Gefangene in einer Zelle.“
„Feier noch nicht, Gwen. Ich verspreche dir, ich werde Rache nehmen.“ Trotz allem erwiderte ich trotzig und erklärte, dass ich meine Rache bekommen würde. Doch meine Worte entfachten nur Gwens Gelächter, das immer lauter und düsterer wurde. Sie wischte meine Drohungen vom Tisch und spottete über die Vorstellung, ich könnte je wieder Macht erlangen.
„Rache, ja?“ höhnte sie. „Glaubst du wirklich, weil Alpha Ballister dich kaufen will, hast du eine Chance auf Macht? Sei nicht töricht. Er sieht dich nur als Spielzeug, etwas, womit er sich amüsiert. Wenn du deinen Zweck erfüllt hast, bist du für immer weg.“