Kapitel 4
EDITHS SICHT
Ein stechender Schmerz, der durch meinen Körper pulsierte, riss mich aus dem Schlaf. „Aufwachen, Schlampe!“ brüllte der Wächter und riss mich grob hoch, ohne Rücksicht auf die Qual, die ich fühlte. Verwirrung trübte meine Gedanken, während ich versuchte zu begreifen, was geschah, während er begann, das Schloss der Kette zu lösen und mich vorwärts schob. „Das ist deine letzte Nacht hier – und lebendig,“ fauchte der Wächter, seine Worte triefend vor Gift.
War das alles? Wollten sie mich wirklich töten? Gwen musste das arrangiert haben, aber ich konnte das nicht zulassen. Ich musste einen Weg finden zu entkommen, zu überleben und ihre verdrehten Pläne aufzudecken. Ein Feuer der Entschlossenheit entbrannte in mir, das meinen Willen stärkte, gegen die Dunkelheit zu kämpfen, die mich zu verschlingen drohte.
Die Wächter zogen mich grob zusammen mit den anderen Gefangenen durch einen düster beleuchteten Gang. Angst klammerte sich eisig an mich, doch ich durfte mich nicht lähmen lassen. Ich musste wachsam bleiben, jede Gelegenheit zur Flucht suchen.
Der Zug begann, und jeder von uns wurde an jeden interessierten Mann in der Menge übergeben. Während der Prozession füllte ein betörender Duft die Luft, berauschte meine Sinne. Er war so verlockend, wie eine süße Melodie, die mich näher rief. Ich konnte mich seinem Zauber nicht entziehen und suchte mit meinem Blick die Quelle.
Und dann sah ich ihn. Alpha Ballister, mitten im Chaos des Bankettsaals, seine Präsenz mächtig und beherrschend. In dem Moment, als sich unsere Blicke trafen, geschah etwas in mir. Mein Wolf, der all die Jahre still gewesen war, flüsterte ein einziges Wort in meinem Kopf: „Gefährte.“
Verwirrung und Unglaube kämpften in mir. Wie konnte das sein? Wie konnte das Schicksal unsere Leben ausgerechnet in diesem entscheidenden Moment miteinander verweben? Doch mitten im Chaos und in der Unsicherheit konnte ich die unerklärliche Verbindung zwischen uns nicht leugnen.
Als ich in Alpha Ballisters Augen blickte und verzweifelt nach einem Anzeichen von Wiedererkennung suchte, sank mein Herz. Dort war nichts. Kein Funken von Vertrautheit, kein Hinweis auf die Verbindung, die mich so stark durchströmte. Hatte ich mir das nur eingebildet? Konnte er es nicht auch spüren?
Mein Geist raste vor Fragen, doch bevor ich meine Gedanken ordnen konnte, brach Chaos aus. Die Wächter, kurzzeitig durch die plötzliche Aufregung abgelenkt, lockerten ihren Griff um mich. Es war die perfekte Gelegenheit zur Flucht, und ohne zu zögern stürmte ich zum nächsten Ausgang des Palastes.
Jeder Schritt brachte mich der Freiheit näher, und mein Herz füllte sich mit Hoffnung. Vielleicht, nur vielleicht, hatte ich eine Chance, diesem Albtraum zu entkommen. Ein lauter Schrei ertönte hinter mir, doch ich drehte mich nicht um, um zu sehen, was die Ursache war.
Als ich um eine Ecke bog, wurde mein Weg von einer Wand aus Muskeln versperrt, und ich kam ins Stolpern.
Tränen traten in meine Augen, als sich Wut mit Trauer vermischte. Die Hoffnung, die in mir geflackert hatte, erlosch, zurück blieb nur Dunkelheit und Bitterkeit. Jetzt wusste ich, dass ich wirklich allein war, dass Rettung nicht von der einen Person kommen würde, die die Macht dazu hatte.
ALPHA BALLISTERS SICHT
(Momente vor Ediths Flucht)
So sehr ich mich auch bemühte, konnte ich mein Herz nicht beruhigen, das wild hämmerte, während ich zusah, wie Edith aus dem Bankettsaal gezerrt wurde. Etwas in mir regte sich, und Alfred, mein Wolf, trug nicht gerade zur Beruhigung bei. „Mate. Muss Mate finden.“ Er heulte immer wieder.
Ohne es zu merken, fragte ich: „Was ist hier los?“
Alpha Jackson zuckte lässig mit den Schultern. „Ach, nichts Ernstes. Meine Söhne haben nur so ein kleines… Ding mit den weiblichen Gefangenen. Reiner Spaß, weißt du?“ Seine Worte rüttelten etwas in mir wach – und es war nicht das Vergnügliche daran. Ich wusste, da steckt mehr dahinter, und er verschwieg geflissentlich, dass die Gefangenen danach getötet wurden. Wenn er doch nur wüsste, dass seine Gedanken vor mir nicht verborgen blieben.
Neugier loderte in mir auf, und ich nickte leicht, spielte Ahnungslosigkeit vor. „Verstehe. Wäre es möglich, dass ich dieses… Ding mitansehe?“ Ich verbarg meine wahre Absicht hinter der Frage. Meine Wut hätte einen Krieg entfachen können – nicht, weil sie eine Chance gegen mich hätten, aber ich brauchte keinen Mate. „Oder ist das zu viel verlangt?“ Ich wusste, er würde nicht ablehnen. Niemand wagte das. Ich fragte nur, um nicht zu aufdringlich zu wirken.
Der Alpha-König funkelte amüsiert und grinste. „Warum nicht? Es könnte durchaus unterhaltsam sein, dich dabei zu haben. Folge mir, ich zeig dir den Weg.“
Gerade als wir gehen wollten, brach Panik aus. Ein Vampir hatte sich unter uns geschlichen und Chaos verursacht. Die Wächter nahmen den Eindringling schnell fest, und Ruhe kehrte zurück – doch ein anderer Wächter schlug Alarm. Eine der weiblichen Gefangenen war entkommen.
Mein Blut gefror, als ich erkannte, dass es nur Edith sein konnte. Mein Besitz, mein Ziel, meine Beute. Ich würde sie nicht so leicht entwischen lassen. Ein Strom von Entschlossenheit durchfuhr mich – ich würde sie finden. Und selbst töten.
Geschwind folgte ich ihrem Duft, spürte jede ihrer Bewegungen auf. Durch dunkle, verwinkelte Korridore des Palastes, angetrieben von einem unstillbaren Verlangen, sie zu erreichen, bevor es zu spät war. Bevor jemand anderes sie fand.
Und da war sie, an einer Ecke, Angst stand in ihrem zarten Gesicht geschrieben. „Edith!“ rief ich, meine Stimme eine Mischung aus Erleichterung und Dringlichkeit.
Erschrocken drehte sie sich zu mir um, ihre großen Augen spiegelten Überraschung und Verzweiflung wider. „Alpha Ballister? Was machst du hier?“ Ihre Stimme zitterte vor Emotionen.
„Ich bin gekommen, um dich zu retten, Edith. Niemand wird dir hier etwas tun,“ erklärte ich, meine Stimme tropfte vor Besitzanspruch.
Sie sah mich an, Verwirrung mischte sich mit Erleichterung in ihrem Blick. „Aber… warum? Warum willst du mich retten?“
„Weil du mir gehörst, Edith. Mir – zum Töten,“ knurrte ich, mein Verlangen nach ihrem Blut überwältigte jeden meiner Gedanken.
„Sie ist hier drüben!“ Meine Stimme hallte über den chaotischen Lärm hinweg.