Nur einmal begegnet

2285 Worte
Kapitel 003: Nur einmal begegnet Das Dröhnen eines Motorrads kam abrupt vor der Notaufnahme zum Stillstand. Ein großer Mann sprang hastig ab. Er hatte nicht einmal Zeit gehabt, seine abgetragene Jacke zu richten. Sein langes Haar war nachlässig zurückgebunden, während ein dünner Schnurrbart und Bart ein Gesicht umrahmten, das voller Sorge war. Er stürmte ins Krankenhaus. „Entschuldigung.“ Sein Atem ging noch immer unregelmäßig, als er am Empfang stehen blieb. „Ich bin wegen eines Unfallopfers hier ... Arga Wiryawan.“ Die Empfangsdame blickte sofort auf. „Einen Moment, bitte, Sir.“ Ihre Finger tanzten über die Tastatur. „Ja, wir haben ihn. Pak Arga Wiryawan, fünfundvierzig Jahre alt.“ „Das ist richtig.“ „Er befindet sich in der Roten Triage-Einheit.“ Sie deutete den Flur entlang nach rechts. „Gehen Sie bitte geradeaus. Der behandelnde Arzt wird Sie dort empfangen.“ „Danke.“ Der Mann drehte sich sofort um. Er eilte durch den Krankenhausflur. Der Geruch von Desinfektionsmittel lag in der Luft. Pflegekräfte schoben Wagen an ihm vorbei, doch sein Blick blieb nur auf den Schildern zur Notaufnahme gerichtet. Als er die Rote Triage-Einheit erreichte, ging er sofort auf den behandelnden Arzt zu. „Doktor ...“ Seine tiefe Stimme zitterte leicht. „Ich bin Pak Arga Wiryawans jüngerer Bruder.“ Der Arzt, der gerade die Patientenakte überprüft hatte, stand sofort auf. „Pak Ardan?“ „Ja.“ „Bitte kommen Sie mit.“ Der Arzt zog einen Sichtschutzvorhang zurück. Ein Mann mittleren Alters lag regungslos auf dem Bett. Ein Sauerstoffschlauch bedeckte seine Nase. Überwachungsleitungen waren an seiner Brust und seinen Armen befestigt. Das Gerät neben dem Bett gab eine leise, regelmäßige Folge von Pieptönen von sich. Ardan blieb stehen. Es fühlte sich an, als hätte sich etwas Schweres auf seine Brust gelegt. Er konnte nur das Gesicht seines Bruders anstarren. Das Gesicht, das immer so unerschütterlich gewirkt hatte, war nun von blauen Flecken und Verletzungen gezeichnet. Ein Teil seines Kopfes war mit Verbänden umwickelt. „Bang ...“ Das Wort entkam ihm kaum mehr als ein Flüstern. Ardan trat näher und ergriff die kalte Hand seines Bruders. Die Tränen, die er zurückgehalten hatte, fielen schließlich. Der Arzt gab ihm einige Augenblicke, bevor er sprach. „Pak Arga hat extrem schwere Verletzungen erlitten.“ Ardan wischte sich hastig über das Gesicht. „Wie geht es meinem Bruder, Doktor?“ Der Arzt holte langsam Luft. „Sein Zustand ist äußerst kritisch. Wir haben alles getan, was wir nur konnten.“ Er hielt kurz inne. „Aber ...“ „... seine Chancen zu überleben sind sehr gering.“ Wieder legte sich Stille über den Raum. Nur das gleichmäßige Piepen des Monitors durchbrach die Ruhe. Ardan senkte den Kopf. Sein Kiefer spannte sich an. „...Kak Aisyah?“ Der Arzt schwieg einen Moment. „Ibu Aisyah kam zusammen mit Pak Arga an.“ Ardan nickte langsam. „Wie geht es ihr, Doktor?“ Der Arzt stieß einen langen Seufzer aus. „Es tut mir leid ...“ „Wir konnten Ibu Aisyah nicht retten.“ Ardans Augen weiteten sich. Sein Körper erstarrte. Langsam drehte er sich wieder zu seinem Bruder um. Vier Jahre. Nur vier Jahre hatte Arga damit verbracht, ein Leben mit Aisyah aufzubauen. Ihre einfache Hochzeit erschien vor seinem inneren Auge. Es hatte keine große Feier gegeben. Nur die Familie und enge Verwandte waren Zeugen ihrer Trauung gewesen. Von diesem Tag an hatte er beobachtet, wie sein Bruder wieder Glück gefunden hatte. Und jetzt ... war sie fort. Ardan schloss die Augen. Sein Griff um Argas Hand wurde langsam fester. „Bang ...“ Seine Stimme war kaum zu hören. „Dan ist hier, Bang ...“ Seine Hand blieb um die schwache Hand seines Bruders geschlossen. Der Sauerstoffschlauch und die Kabel der Überwachungsgeräte bedeckten den Mann, der in seinen Augen immer stark gewesen war. Jetzt ... konnte er nur hilflos daliegen. „Bang ...“ Ardans Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Während die Angst, seinen Bruder zu verlieren, ihn zu verschlingen drohte, tauchte plötzlich ein anderes Gesicht in seinen Gedanken auf. Aisyah. Argas zweite Ehefrau. Eine Frau, der er erst vor vier Jahren begegnet war. Und außerdem ... eine Frau, die er nie wirklich kennenlernen konnte. Die Worte des Arztes hallten erneut in seinem Kopf wider. „Wir konnten Ibu Aisyah nicht retten.“ Ein scharfer Schmerz durchzog Ardans Brust. Erst dann wurde ihm etwas bewusst. In vier Jahren ... war er Aisyah nur einmal begegnet. Am Hochzeitstag von Arga. An dem Tag, an dem sein Bruder nach Jahren des Alleinseins endlich wieder Glück gefunden hatte. Sein Blick verlor sich langsam in der Leere. Die Erinnerung kehrte mit voller Wucht zurück. Vier Jahre zuvor Argas bescheidenes Zuhause war voller Familie und Verwandter, die gekommen waren, um seine Hochzeit zu feiern. Es gab keine prunkvollen Dekorationen. Keine große Bühne. Nur Menschen, die Arga aufrichtig wieder glücklich sehen wollten. Vor dem Penghulu saß Arga ruhig da. Er war kein junger Mann mehr. Doch an diesem Tag gehörte sein Lächeln jemandem, der eine zweite Chance bekommen hatte. Nicht weit entfernt saß Aisyah mit gesenktem Kopf. Nachdem beide in der Vergangenheit ihren Ehepartner verloren hatten, hatten sie sich schließlich entschieden, ihre Herzen wieder zu öffnen. Arga kam mit einem Kind. Aisyah ebenfalls. An diesem Tag ... entschieden sie sich, gemeinsam eine neue Familie aufzubauen. „Ich akzeptiere meine Eheschließung mit Aisyah binti Adam mit einer Brautgabe von einem vollständigen Set Goldschmuck im Gewicht von zehn Gramm, vollständig bezahlt.“ Argas Stimme war fest. Der Penghulu wandte sich den Trauzeugen zu. „Zeugen?“ „Gültig.“ „Alhamdulillah.“ Worte der Dankbarkeit und Applaus erfüllten sofort den Raum. In einer Ecke lächelte ein kleines Mädchen mit weißem Hijab strahlend. Aruna. Ihre Augen verließen ihre Mutter keinen Moment. Endlich ... sah sie Aisyah wieder lächeln. Nicht weit von ihr entfernt stand ein Teenager. Gavin. Er war nur wenige Monate älter als Aruna. Die beiden waren noch unbeholfen im Umgang miteinander. Noch Fremde. Doch von diesem Tag an ... wurden sie offiziell Geschwister. Auf der anderen Seite des Raumes stand Ardan mit beiden Händen in den Hosentaschen. Sein Gesichtsausdruck blieb unergründlich. Doch seine Augen ruhten ununterbrochen auf Arga. „Bang ...“ murmelte er leise. „Du hast endlich jemanden gefunden, mit dem du dein Leben teilen kannst.“ Etwas später kam Aruna mit einem Teller Essen zu ihm. „Mang.“ „Mama sagt, du sollst etwas essen.“ Ardan nahm den Teller entgegen. „Danke.“ Mehr sagte er nicht. Aruna nickte leicht, bevor sie sich leise entfernte. Sie fühlte sich noch immer unbeholfen. Der Onkel, von dem ihre Eltern oft gesprochen hatten, war wirklich kein gesprächiger Mensch. Aber er schien ihre Anwesenheit auch nicht abzulehnen. Er war nicht herzlich. Aber auch nicht unhöflich. Er ... hielt einfach Abstand. Aruna entschied sich, nichts zu erzwingen. Es war der glücklichste Tag ihrer Mutter. Sie wollte ihn nicht verderben, nur weil sie sich unwohl fühlte. Sie drehte sich um und ging weg. „Vin.“ Aruna ging auf Gavin zu. „Opa sucht dich.“ Gavin, der sich gerade etwas zu essen nahm, blickte auf. „Ja. Ich komme gleich.“ „Ich esse erst noch.“ Aruna nickte. „Okay. Dann lasse ich dich in Ruhe.“ Nachdem Aruna gegangen war, setzte sich Gavin neben Ardan. Ardan blickte Aruna hinterher, während sie wegging. „Du kommst mit ihr klar?“ Gavin zuckte mit den Schultern. „Warum sollte ich nicht?“ „Es gibt kein Problem.“ „Man kann gut mit ihr reden.“ Ardan hob eine Augenbraue. „Mit ihr?“ Er musterte Gavin von oben bis unten. „Bist du nicht selbst noch ein Kind?“ Gavin warf ihm sofort einen genervten Blick zu. „Ich bin nur drei Monate älter als sie, Om.“ Ardan schnalzte mit der Zunge. „Hör dich nur an.“ „Drei Monate älter und du tust schon so, als wärst du erwachsen.“ Er stupste Gavins Bein unter dem Tisch leicht an. Gavin sah ihn genervt an. „Warum regst du dich überhaupt auf?“ „Aruna stört das nicht.“ Ein schwaches Lächeln erschien auf Ardans Lippen. „Ich erinnere dich nur daran.“ „Lass dich nicht mitreißen.“ „Entspann dich, Om.“ Gavin lächelte selbstbewusst. „Aruna und ihre Mutter sind gute Menschen.“ „Deshalb komme ich gut mit ihnen klar.“ Ardan schwieg einen Moment. Dann lächelte er leicht. „Das ist gut.“ „Pass auf sie auf.“ „Sie ist jetzt deine kleine Schwester.“ Gavin nickte. „Ja, Om.“ Danach begann Ardan, seine Sachen zusammenzupacken. Gavin bemerkte es sofort. „Du gehst schon?“ Ardan sah ihn an. „Warum?“ „Wirst du mich vermissen?“ Er hob eine Augenbraue mit einem neckischen Grinsen. Gavin schnaubte. „Als ob.“ „Aber ...“ Sein Gesichtsausdruck wurde etwas ernster. „Dad verbringt viel Zeit damit, einfach nur in die Leere zu starren und an dich zu denken.“ Ardan hielt inne. „Also, was ist eigentlich dein Problem?“ „Warum kannst du nicht ab und zu zu Hause bleiben?“ „Du streunst ständig irgendwo herum.“ Ardan sah ihn nur an. „Kinder müssen solche Dinge nicht wissen.“ Er schnippte Gavin leicht gegen die Stirn. Doch Gavin war noch nicht fertig. „Erwachsene sollten es auch wissen.“ „Wie kannst du gegen jemanden wie mich verlieren, der noch in der Mittelschule ist?“ „Ich habe Dad noch nie zum Weinen gebracht.“ Ardans Hand erstarrte. Das Lächeln verschwand langsam aus seinem Gesicht. Er senkte den Kopf. Für einen kurzen Moment ... war keine Spur von seinem üblichen Necken mehr zu sehen. Denn ohne es zu wissen ... hatte Gavin genau die eine Wunde getroffen, die Ardan vor allen anderen verborgen hielt. Zurück in der Gegenwart Ardan öffnete langsam die Augen. Vor vier Jahren hatte er die Hochzeit seines Bruders verlassen, ohne viel zu sagen. Er hatte geglaubt, es würde noch genug Zeit geben, ihre Beziehung wieder in Ordnung zu bringen. Doch jetzt ... lag sein Bruder vor ihm, ohne Gewissheit, ob er jemals wieder die Augen öffnen würde. Ardan starrte lange auf Argas Gesicht. „Bang ...“ Seine Stimme war leise. „Erschreck mich nicht so.“ Er zog einen Stuhl neben das Bett und setzte sich. Zum ersten Mal, seit er im Krankenhaus angekommen war, schien sein Körper all seine Kraft zu verlieren. Der Mann, der sonst immer so sorglos wirkte, starrte nun schweigend auf den Boden. Einige Augenblicke später ... öffnete sich die Tür. Der Arzt, der zuvor mit ihm gesprochen hatte, kehrte zurück. „Pak Ardan.“ Ardan blickte sofort auf. „Ja, Doktor?“ Der Arzt trat näher. „Die Babys von Pak Arga und Ibu Aisyah werden weiterhin engmaschig überwacht.“ Ardan nickte langsam. „Darf ich sie sehen?“ „Sobald ihr Zustand stabiler ist.“ Der Arzt hielt inne. „Aber es gibt noch etwas, das ich Ihnen mitteilen möchte.“ Ardan wartete. „Beide Babys wurden sicher entbunden.“ Ardan starrte den Arzt einfach nur an. „Sicher?“ „Ja, Sir.“ Der Arzt nickte. „Es sind Zwillinge.“ Endlich ließ Ardan einen langen, erleichterten Atemzug aus. „Zwillinge ...“ murmelte er. Ein kleines Lächeln erschien auf seinem Gesicht, ohne dass er es bemerkte. „Die Kinder meines Bruders ...“ Der Arzt beobachtete ihn einen Moment schweigend. Nach Stunden voller schlechter Nachrichten gab es endlich einen kleinen Hoffnungsschimmer. „Wo sind sie jetzt, Doktor?“ „Auf der NICU.“ „Sie müssen weiterhin eng überwacht werden, da sie unter Notfallbedingungen entbunden wurden.“ Ardan nickte schnell. „Okay.“ „Das Wichtigste ist, dass sie leben.“ Doch das Lächeln des Arztes erschien nicht. Sein Gesichtsausdruck wurde wieder ernst. Ardan verstand sofort. Es gab noch mehr. „Doktor?“ Der Arzt seufzte leise. „Wir müssen Pak Arga außerdem auf die Intensivstation verlegen.“ Ardan blickte wieder zu seinem Bruder. „Warum?“ „Sein Zustand erfordert eine noch engere Überwachung.“ Der Arzt hielt kurz inne. „Und wie ich bereits erwähnt habe ...“ „... sein Zustand bleibt äußerst kritisch.“ Das kleine Lächeln verschwand aus Ardans Gesicht. Er nickte langsam. „Dann verlegen Sie ihn.“ Seine Stimme war fest. „Machen Sie sich keine Sorgen wegen der Kosten.“ „Ich kümmere mich darum.“ Der Arzt nickte. „Wir werden die Verlegung sofort vorbereiten.“ Ardan blickte wieder zu seinem Bruder. „Bang ...“ flüsterte er. „Du hast das gehört, oder?“ „Deine Kinder leben.“ „Du musst sie sehen.“ Er senkte den Kopf. „Also gib nicht auf.“ Einige Sekunden vergingen. Ardan wandte sich dem Arzt zu. „Doktor.“ „Ja?“ „Falls mein Bruder aufwacht ...“ Er hielt kurz inne. „Bitte sagen Sie mir Bescheid.“ „Natürlich.“ Kurze Zeit später wurde Arga auf die Intensivstation verlegt. Ardan konnte nur auf dem Flur stehen und zusehen, wie das Bett seines Bruders langsam in der Ferne verschwand. Pflegekräfte eilten an ihm vorbei. Doch für ihn ... schien die Zeit selbst langsamer zu vergehen. Er war wegen eines Unfalls ins Krankenhaus gekommen. An nur einem einzigen Tag ... hatte er eine Schwägerin verloren. Zwei Nichten oder Neffen gewonnen, die er noch nicht einmal hatte sehen können. Und beinahe das einzige Familienmitglied verloren, das immer hinter ihm gestanden hatte. Die Türen der Intensivstation schlossen sich langsam. Ardan ballte seine Hände zu Fäusten. Nicht aus Wut. Sondern aus Angst. Der Angst, dass ihm dieses Mal ... keine weitere Gelegenheit gegeben werden würde, alles wieder gutzumachen.
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN