Der Unfall

2170 Worte
Kapitel 002: Der Unfall Für Kartiah würde Aruna immer eine Außenstehende bleiben. Der einzige Grund, warum sie jemals Teil der Familie gewesen war, lag darin, dass Arga einst ihre Mutter geheiratet hatte. Doch jetzt, da Arga nicht mehr da war ... In Kartiahs Augen war auch der Grund verschwunden, warum Aruna weiterhin zur Familie gehörte. „Das weiß ich.“ Gavins Stimme wurde schwer. „Deshalb helfe ich auch dabei, mich um sie zu kümmern.“ „Aber—“ Kartiah wollte erneut widersprechen. „GENUG!“ Der donnernde Ruf erschütterte den gesamten Raum. Alle drehten sich instinktiv um. Wawan stand aufrecht da. Sein Gesicht war gerötet. Sein scharfer Blick glitt über alle Anwesenden im Raum. Das warme Lächeln, das das Gesicht des alten Mannes sonst sanfter wirken ließ, war verschwunden. Nur noch Zorn blieb zurück. „So eine Szene zu machen, ohne auch nur ein bisschen Anstand zu zeigen!“ Seine tiefe Stimme erfüllte das Wohnzimmer. „Argas Grab ist noch frisch!“ „Und worüber streitet ihr alle überhaupt?!“ Alle senkten ihre Köpfe. Niemand wagte zu antworten. Selbst Rustam, der bis eben noch am lautesten gewesen war, konnte nur noch auf den Boden starren. Unter ihnen waren nur Marwan und Sundari, die weiterhin Wawan ansahen. Ihre Gesichtszüge waren verhärtet. Als Angehörige der älteren Generation fühlten auch sie sich zurechtgewiesen – vor der gesamten Großfamilie. Doch keiner von beiden erwiderte etwas. Marwan war der Älteste von drei Geschwistern, während Wawan der Jüngste war. Trotzdem wusste er, dass sein jüngerer Bruder nicht ohne Grund sprach. Es waren noch nicht einmal sieben Tage vergangen, seit Arga beerdigt worden war. In einer solchen Situation über Erbschaft und Besitz zu sprechen, war einfach unangemessen. „Schluss.“ „Geht nach Hause.“ „JETZT!“ Niemand sprach noch einmal. Einer nach dem anderen erhoben sie sich. Einige richteten die Sarongs um ihre Hüften. Andere nahmen die Peci, die sie auf den Matten liegen gelassen hatten. Manche verabschiedeten sich leise, ohne es zu wagen, Wawan in die Augen zu sehen. Nicht lange danach leerte sich das einst volle Wohnzimmer allmählich. Nur der alte Deckenventilator in der Ecke drehte sich weiterhin träge. Gavin blieb stehen, wo er war. Beide Hände waren noch immer zu Fäusten geballt. Seine Brust hob und senkte sich. Sein Kiefer war schon so lange angespannt, dass er nicht mehr wusste, wann es begonnen hatte. Erst als das Haus endlich still geworden war, bemerkte er, dass seine Finger zitterten. In einer Ecke des Raumes senkte Halimah einfach den Kopf. Ihre Augen waren geschwollen. Während der gesamten Zeit hatte sie kaum ein Wort gesprochen. Doch jedes Wort über die Mietshäuser, die Erbschaft und den Streit um das Sorgerecht für die Zwillinge hatte ihr Herz nacheinander getroffen. Vier Tage. Erst vier Tage waren vergangen, seit Arga und Aisyah beigesetzt worden waren. Doch worüber die Menschen stritten, waren längst nicht mehr Gebete. Es war der Reichtum, den sie hinterlassen hatten. Wawan schloss für einen Moment die Augen. Seine Brust fühlte sich eng an. Er kannte die Persönlichkeiten der meisten seiner Verwandten seit Jahrzehnten. Trotzdem schmerzte es ihn, zu sehen, wie schnell sie sich nach Argas Tod verändert hatten. Er holte tief Luft, bevor er zu Gavin hinüberging. Seine Hand legte sich sanft auf den Kopf des jungen Mannes. „Gavin ... du bist erschöpft, nicht wahr? Geh schlafen. Es ist schon spät.“ „Ja, Opa ...“ Gavin nickte leise. Endlich erschien ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht. „Danke.“ „Wofür bedankst du dich?“ Wawan schnaubte leise. „Geh einfach schlafen. Schließ die Tür ab. Runa ist doch noch im Krankenhaus, oder?“ „Ja, Opa.“ „Dieses Kind tut mir leid“, murmelte Halimah leise. Sie starrte auf den Boden, bevor sie weitersprach. „Sie ist seit vier Tagen mit den Zwillingen im Krankenhaus. Niemand hat sie bisher abgelöst.“ Das Wohnzimmer wurde wieder still. Das Summen des alten Ventilators und das Rascheln der Blätter draußen vermischten sich zu den einzigen Geräuschen im Haus. „Was können wir sonst tun, Oma ...“ Gavin stieß einen leisen Seufzer aus. „Ich war damit beschäftigt, mich hier um alles zu kümmern.“ „Hat dieses Kind überhaupt gegessen?“ fragte Halimah erneut, ihre Stimme voller Sorge. „InschaAllah kann sie auf sich selbst aufpassen, Oma. Außerdem ist Om Ardan auch dort gewesen. Er hat Aruna im Krankenhaus Gesellschaft geleistet.“ Opas Wawans Augenbrauen hoben sich. „Oh ...“ Er nickte langsam. „Deshalb kommt Ardan also nachts nur kurz nach Hause.“ „Ja, Opa.“ Gavin nickte unschuldig. „Aruna ist ein Mädchen. Om Ardan würde sie niemals allein in einem Wartezimmer des Krankenhauses schlafen lassen.“ „Hm ...“ Wawan nickte leicht. Sein Blick wanderte in die Ferne. Niemand wusste, woran er gerade dachte. „Nun gut“, sagte er schließlich. „Hoffen wir, dass die Zwillinge bald nach Hause kommen können.“ „Amin.“ Gavin antwortete mit einem schwachen Lächeln. Nachdem sie sich verabschiedet hatten, verließen Wawan und Halimah das Haus. Ihre Schritte hallten leise durch die Gasse, die nun langsam ruhig wurde. Seit vier Tagen beschäftigte Wawan etwas. Ardan. Aruna. Diese beiden Namen kreisten immer wieder in seinem Kopf. Etwas fühlte sich nicht richtig an. Doch er entschied sich dagegen, nachzufragen. Gavin war heute Nacht bereits viel zu erschöpft. Der junge Mann, der gerade seine letzten Abiturprüfungen beendet hatte, sah blass aus. Dunkle Ringe hatten sich unter seinen Augen gebildet. Es lag nicht nur am Schlafmangel. Seine Mahlzeiten waren in den vergangenen vier Tagen völlig unregelmäßig gewesen. Es gab niemanden mehr in diesem Haus, der ihn daran erinnerte zu essen. Vier Tage zuvor SCREEECH—! Das Kreischen der Bremsen durchdrang die Luft. CRAAASH!! Ein heftiger Aufprall erschütterte die Kreuzung. Eine schwarze Limousine drehte sich halb um die eigene Achse, bevor sie gegen die Straßenbegrenzung prallte. Die Windschutzscheibe zerbarst in unzählige Splitter, während dünner Rauch unter der zerdrückten Motorhaube aufzusteigen begann. Mehrere Motorradfahrer traten instinktiv hart auf ihre Bremsen. Eine Frau schrie auf und hielt sich mit beiden Händen den Mund zu. Innerhalb weniger Sekunden verlangsamte sich der Verkehr aus beiden Richtungen bis zum vollständigen Stillstand. Einige Menschen rannten auf das Wrack zu. Andere hoben sofort ihre Handys, um zu filmen. „Oh mein Gott ...!“ „Da ist jemand drin!“ „Geht nicht zu nah ran!“ Ein Verkehrspolizist, der in der Nähe der Kreuzung stationiert war, rannte sofort zum Fahrzeug. Ein langer Pfiff durchschnitt die Luft. „Zurück! Alle zurück! Gebt uns Platz!“ Die Menge wich widerwillig zurück, obwohl viele weiterhin versuchten, ins Innere des Fahrzeugs zu sehen. Durch die zerbrochene Windschutzscheibe sah der Polizist einen Mann mittleren Alters, der hinter dem Lenkrad zusammengesunken war. Sein Körper war unter dem zerquetschten Armaturenbrett eingeklemmt. Auf dem Beifahrersitz saß eine hochschwangere Frau regungslos. Ihr Sicherheitsgurt war noch immer über ihrer Brust befestigt. Sein Kiefer spannte sich an. Sofort griff er nach seinem Funkgerät. „Zentrale, hier Bravo Drei. Wir haben einen Verkehrsunfall. Zwei Verletzte sind noch eingeklemmt. Fordere sofort einen Rettungswagen und die Feuerwehr mit Rettungsteam an.“ „Verstanden. Unterstützung ist unterwegs.“ „Roger.“ Er befestigte das Funkgerät wieder an seiner Schulter. „Niemand kommt näher! Macht den Weg für den Rettungswagen frei!“ Endlich erklang aus der Ferne das Geräusch einer Sirene. Zunächst war es nur schwach zu hören. Dann wurde es immer lauter. Doch der Rettungswagen blieb im Berufsverkehr stecken. Aus allen Richtungen ertönten hupende Fahrzeuge. Erst als die Sirene direkt hinter ihnen war, begannen die Fahrzeuge, Platz zu machen. Einige Minuten später hielt der Rettungswagen hinter der schwer beschädigten Limousine. Die hinteren Türen flogen auf. Zwei Sanitäter stiegen mit medizinischen Taschen und einer zusammenklappbaren Trage aus und eilten zum Polizisten. „Zwei Verletzte sind noch eingeklemmt“, berichtete der Polizist kurz. „Männlicher Fahrer. Schwangere Frau auf dem Beifahrersitz. Feuerwehr und Rettungsteam sind unterwegs.“ Bevor sie sich bewegen konnten, hallte eine weitere Sirene durch den Verkehr. Ein Feuerwehrauto mit blinkenden Warnlichtern schob sich langsam durch die Staus. Der Leiter des Rettungsteams der Feuerwehr stieg aus der Fahrerkabine. „Wir beurteilen zuerst den Zustand der Opfer“, sagte einer der Sanitäter. „Danach arbeiten wir gemeinsam an der Bergung.“ „Verstanden.“ Der Sanitäter zog ein Paar Handschuhe an, bevor er sich durch das zerbrochene Fenster beugte. „Ma’am ... können Sie mich hören?“ Keine Antwort. Er überprüfte ihre Atemwege, tastete nach ihrem Puls und brachte anschließend ein tragbares Überwachungsgerät an. Mehrere Sekunden vergingen. Eine gerade Linie erschien auf dem Bildschirm. Er wechselte einen Blick mit seinem Kollegen, bevor sein Blick auf den geschwollenen Bauch der Frau fiel. „Die weibliche Patientin kann nicht mehr gerettet werden“, sagte er zum Einsatzleiter der Feuerwehr. „Das Baby könnte noch eine Chance haben. Wir müssen sie sofort herausholen.“ Der Einsatzleiter nickte entschlossen. „Beginnt mit der Bergung!“ Die hydraulischen Rettungsgeräte erwachten mit lautem Dröhnen zum Leben. Langsam wurde das zerquetschte Fahrzeugwrack auseinandergepresst. „Vorsichtig ... halt es fest.“ Als die Öffnung groß genug war, griffen die beiden Sanitäter ins Innere. „Achtet auf ihren Bauch.“ Vorsichtig hoben sie die Frau heraus und legten sie auf die Trage. Einer der Sanitäter brachte sie sofort zum Rettungswagen, während der andere weiterhin das tragbare Gerät überwachte. Auf der gegenüberliegenden Seite kämpfte die Feuerwehrmannschaft noch immer darum, den eingeklemmten Fahrer zu befreien. „Das Armaturenbrett klemmt seine Beine noch immer ein.“ „Schneidet die rechte Seite auf.“ Die Rettungssäge heulte erneut auf. Funken sprühten immer wieder, bevor das Armaturenbrett endlich entfernt werden konnte. „Zieht ihn langsam heraus.“ Endlich war der Mann befreit. Sein Gesicht war blass. Getrocknetes Blut klebte an seiner Schläfe. Doch seine Atmung war noch schwach. „Er atmet noch.“ „Bringt ihn in den Rettungswagen!“ Die beiden Tragen wurden fast nebeneinander weggerollt. Die Türen des Rettungswagens schlugen zu. Augenblicke später heulte die Sirene erneut auf, als das Fahrzeug vom Unfallort in Richtung des nächstgelegenen Krankenhauses raste. Das Klappern der Tragenräder hallte durch den Flur der Notaufnahme. In dem Moment, als sich die Türen des Rettungswagens öffneten, eilten die wartenden Ärzte und Pflegekräfte im Inneren sofort nach draußen. „Männlicher Patient. Schweres Trauma. Bewusstseinszustand verschlechtert sich.“ „Weibliche Patientin. Schwanger. Priorität hat die Rettung des Babys.“ Die beiden Tragen wurden sofort in unterschiedliche Richtungen geschoben. Ein Polizist folgte ihnen und trug zwei Geldbörsen, zwei Mobiltelefone und mehrere persönliche Gegenstände, die aus dem Unfallfahrzeug geborgen worden waren. Er übergab alles der Aufnahme. „Bitte erfassen Sie alle persönlichen Gegenstände der Opfer.“ „Ja, Sir.“ Während das medizinische Team hinter den Türen der Behandlungsräume um das Leben der Verletzten kämpfte, öffnete der Polizist die Geldbörse des männlichen Opfers. Ein indonesischer Personalausweis. Arga Wiryawan. Alter: fünfundvierzig Jahre. Er öffnete die zweite Geldbörse. Aisyah. Beide Ausweise führten dieselbe Adresse. „Ehemann und Ehefrau“, murmelte er. „Herr.“ Ein Mitarbeiter der Notaufnahme trat auf ihn zu. „Gibt es Angehörige, die wir kontaktieren können?“ „Ich suche gerade.“ Der Polizist schaltete eines der Mobiltelefone ein, die aus dem Auto geborgen worden waren. Zum Glück war es nicht gesperrt. Die Kontaktliste erschien. Ein Name fiel ihm sofort ins Auge. My Little Champion. Seine Stirn legte sich leicht in Falten. Der Nachrichtenverlauf deutete auf eine sehr enge Beziehung hin. „Wahrscheinlich ein Familienmitglied.“ Sofort drückte er auf die Anruftaste. Die Leitung klingelte mehrere Male. Klick. „Guten Tag.“ Eine ruhige Männerstimme antwortete. „Guten Tag. Kennen Sie den Besitzer dieses Telefons?“ „Natürlich. Es gehört meinem Bruder.“ „Darf ich seinen Namen erfahren?“ „Arga Wiryawan.“ Der Polizist holte langsam Luft. „Mein Name ist Rudi, ich bin ein Beamter ... von der Verkehrspolizei. Pak Arga war heute Nachmittag in einen Verkehrsunfall verwickelt und wird derzeit im Krankenhaus notfallmedizinisch behandelt.“ Stille. „...Ein Unfall?“ Die Stimme des Mannes veränderte sich sofort. „Ja.“ „Wie geht es meinem Bruder?“ „Sein Zustand ist kritisch.“ Ein schwerer Atemzug war am anderen Ende der Leitung zu hören. „Ich brauche Sie sofort im Krankenhaus.“ „Welches Krankenhaus, Herr Polizist?“ Der Polizist nannte ihm den Namen und die Adresse des Krankenhauses. „Verstanden. Ich fahre sofort los.“ Einen Moment später sprach der Mann erneut. „Herr Polizist ...“ „Ja?“ „Bitte tun Sie alles, was möglich ist, um meinen Bruder zu retten.“ Seine Stimme begann zu zittern. „Machen Sie sich keine Sorgen wegen der Kosten. Ich werde alles übernehmen.“ Der Polizist blickte zu den Türen der Behandlungsräume, die noch immer fest verschlossen waren. „Wir tun alles, was wir können, Sir. Bitte kommen Sie so schnell wie möglich hierher.“ „Das werde ich.“ Das Gespräch endete. Langsam senkte der Polizist das Telefon. Sein Blick kehrte zu den Türen der Behandlungsräume zurück, die weiterhin fest geschlossen waren. Draußen kämpfte währenddessen jemand gegen die Zeit, um seinen Bruder zu erreichen.
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