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914 Worte
Kalix Sie war da. Marielle Hawthorne. Vor einem Jahr hatte sie genau an diesem Punkt gestanden, die Stimme zitternd, einen Pitch-Deck umklammernd, das laut ihrem Lebenslauf niemals das Licht der Welt erblickt hatte. Brrring. „Sir, Marielle Hawthorne möchte Sie sprechen.“ Ich antwortete nicht sofort. Ich ließ die Stille wirken, bis meine Assistentin auf der anderen Seite anfing zu schwitzen. „Lassen Sie sie hochkommen.“ Ich trat in den Empfang, und kaum öffneten sich die Türen, stand sie im Blickfeld. „Hallo“, sagte ich und verzog leicht den Mund zu einem spitzen Grinsen. „Hi“, flüsterte sie, nervös. Ich hielt die Hand hin, deutete auf mein Büro. „Bitte, kommen Sie herein.“ Sie trat vor mir ein, und mein Blick glitt unwillkürlich nach unten. Schwarzes, enges Kleid, durchsichtige Strümpfe, Pumps, die auf Höhepunkte warteten. Ihr Haar zu einem schwungvollen Pferdeschwanz gebunden – einfach darauf wartend, dass jemand daran zupfte. … stopp. „Setzen Sie sich“, sagte ich und ließ mich an meinem Schreibtisch nieder. Sie setzte sich, klammerte ihre Tasche auf dem Schoß und ließ ihre Augen auf meinen fallen. Ich drehte mich leicht auf meinem Stuhl, studierte sie. Sie war noch immer atemberaubend. Eine Aura, so intensiv wie eine Waffe, die man nicht sah, aber spürte. Dunkles Haar, braune Augen, Lippen, die man nie vergaß. „Sie wollten mich sprechen?“ Ihre Stimme war leise, kaum mehr als ein Hauch. „Ja“, sagte ich. Starrte sie an. „Das wollte ich.“ Marielle war die erste Frau seit Langem, die nicht wusste, wer ich war. Und seltsamerweise war es genau das, was die Nacht damals so besonders gemacht hatte. Kael zu sein, hatte gereicht. „Worum geht es?“ „Was machen Sie in New York?“ Ich versuchte, die Unterhaltung auf höfliche Weise zu beginnen. „Das haben Sie mich gestern schon gefragt“, schnappte sie. „Kommen Sie zum Punkt.“ „Ich frage jetzt erneut. Hören Sie auf mit dieser verdammten Attitüde.“ Ich spürte, wie sich ihre Augen verengten. Ich lehnte mich vor. „Was ist Ihr Problem?“ „Sie. Sie sind mein Problem.“ „Ich?“ Ich zog die Augenbrauen hoch. „Was habe ich getan?“ „Haben Sie etwas Berufliches zu besprechen oder nicht, Kael?“ Ich funkelte sie an. „Sie sind unverschämt.“ „Und Sie sind reich.“ „Und?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Was soll das heißen?“ „Nichts.“ Sie richtete sich auf. „Wenn Sie nichts Berufliches zu besprechen haben, gehe ich.“ Ich knirschte mit den Zähnen. Die Luft zwischen uns prickelte. „Darf ich Sie heute Abend sehen?“ Ihre Augen hielten meinen Blick. „Nein.“ „Warum nicht?“ „Weil ich professionell bin. Und kein Interesse daran habe, Berufliches und Privates zu vermischen.“ Ich biss mir auf die Lippe, um das Grinsen zu unterdrücken. Mein Interesse wuchs mit jedem Herzschlag. „Warum sind Sie sich so sicher, dass es ein Vergnügen wäre?“ „Die Geschichte wiederholt sich gern“, flüsterte sie, ihre dunklen Augen sanken auf meine Lippen. Ich sah sie nackt vor mir, über mir auf meinem Stuhl, und ein scharfes Einatmen entkam mir, als mein Körper reagierte. „Die Geschichte wird mir gnädig sein. Ich habe vor, sie zu schreiben“, sagte ich. „Zitat Churchill, Mr. Sterling?“ hauchte sie. „Man muss die Fakten betrachten, weil sie einen ansehen.“ „Ich sorge mich nie um das Handeln, nur um das Nicht-Handeln“, konterte sie ohne Zögern. „Genau. Deshalb fordere ich Sie, als Churchill-Tragikerin, zu einem Abendessen heraus.“ Sie lächelte, erhob sich. „Ich kann nicht.“ „Warum nicht?“ „Ich wasche meine Haare.“ „Warum waschen, wenn sie schmutzig werden könnten?“ „Ich habe einfach kein Interesse an Ihnen.“ Sie zuckte beiläufig mit den Schultern. „Sie sind nicht mein Typ.“ Au. Ich presste die Lippen zusammen, hielt ihren Blick. Zum ersten Mal war ich wirklich abgewiesen worden. „Sehr gut. Ihr Verlust.“ „Vielleicht.“ Sie wandte sich zur Tür. „Schön, Sie wiederzusehen. Sie müssen stolz auf Ihre Erfolge sein.“ Ich stand auf, riss die Tür auf. Sie blickte zu mir auf, und ich ballte die Faust, um mich zurückzuhalten. „Auf Wiedersehen, Marielle.“ „Auf Wiedersehen“, hauchte sie. „Danke, dass Sie mir einen Job geben.“ Ich nickte einmal. Es ist nicht der einzige Job, den ich für Sie habe. Sie drehte sich um und ging in den Aufzug. Ich schlug die Tür zu und stürmte zurück ins Büro. Ich bin nicht ihr Typ … seit wann? Ich strich über den Schreibtisch. Die Glaswand flackerte auf. „Feed vierzig“, sagte ich. Das Bild flackerte, zeigte den vierzigsten Stock. Ich sah, wie sie den Aufzug verließ. „Folgen.“ Die Kamera folgte ihr, wie sie zum Schreibtisch ging. „Überwachungskamera oben.“ Das Bild flackerte, und sie erschien. Das Büro leer, sie zog das Handy heraus und scrollte. Sie schlug die Beine übereinander, und ein Blick auf ihren Oberschenkel, sichtbar durch den Schlitz, ließ mich nach vorne rutschen. So verdammt heiß. Sie suchte nach etwas. „Vergrößern“, befahl ich. Die Auflösung stieg. Ich lehnte mich vor, die Augen zusammengekniffen. Sie schrieb nicht an Freundinnen. Bestellte kein Mittagessen. Sie tippte meinen Namen in Google ein. Ich lächelte. Gefangen.
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