5

1014 Worte
Mari „Was zum Teufel glaubst du, was du hier tust?“ Die Temperatur im Büro fiel in einer Sekunde um zehn Grad. Tastaturen verstummten. Köpfe hoben sich. Stifte blieben in der Luft hängen. Alles stand still. Kalix Sterling stand zwischen den Cubicles. Die Ärmel hochgekrempelt, Unterarme wie aus Granit gemeißelt. Er wirkte wie ein Hai, der Blut riechen konnte. Oliver, der lässig an meinem Schreibtisch lehnte und versuchte, cool zu wirken, wurde blass. „I-ich… ich wollte nur—“ „Ich… ich wollte nur Marielle trainieren. Marielle Hawthorne.“ Oliver stolperte zurück. James’ Blick traf meinen. Sag nichts. Oliver war schon die ganze Zeit um mich herumgeschwirrt, seit ich vom zwölften Stock zurückkam. Smalltalk. Flirten. Meistens nur, um zu zeigen, dass er da war. Er hielt sich für charmant. Wir anderen wussten, dass er eine wandelnde HR-Beschwerde war. „Ich weiß, wer Marielle Hawthorne ist. Und ich weiß, wie oft du hier warst.“ Seine Stimme war tödlich ruhig. „Erste und letzte Warnung. Geh zurück an deinen Schreibtisch. Und lass mich nicht noch einmal in zehn Fuß Entfernung von ihr sehen.“ Oliver wurde noch blasser. „J-ja, Sir.“ Kalix wartete nicht auf Entschuldigungen. Er drehte sich um, ging schon auf den Aufzug zu. „Los.“ Oliver rannte zurück zu seinem Cube, als würde ihn jemand jagen. Die Stille kehrte zurück. Dann—Ding—der Aufzug. Kalix blieb stehen, drehte sich um. Seine Augen fanden meine. „Marielle.“ Seine Stimme war nun leiser. „Mein Büro. Jetzt.“ Ich schluckte hart. Der ganze Stock sah zu. Ich griff nach meiner Tasche, ignorierte James’ weit aufgerissene Augen und trat in das Löwengehege. Die Türen schlossen sich, wir fuhren schweigend nach oben. Oh Gott. Er würde mich feuern. Dieser dumme Oliver würde dafür sorgen, dass ich meinen Job verlor. Ding. Oben angekommen. Kalix stürmte los. Ich lächelte gezwungen bei seiner Sekretärin und folgte ihm. Er hielt die Bürotür auf, ich schlüpfte vorbei, und er schlug sie hinter mir zu, verriegelte sie mit einem Klick. „Was tust du?“ schnappte er. „Ich stehe in deinem Büro.“ Ich spreizte die Arme. „Wie sieht’s denn aus?“ „Ich meine, warum flirtest du offen mit diesem Idioten von unten?“ Mein Mund fiel entsetzt auf. „Ich habe nicht geflirtet.“ „Bullshit. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.“ „Was?“ schnappte ich. „Sag mir nicht, dass du mich hier hochgeschleift hast, um mich für meine Arbeit zu schelten!“ „Ich bezahle dich nicht, damit du dich anmachen lässt, Marielle.“ Ich legte die Hände in die Hüften, Zorn durchflutete meinen Körper. „Hör zu, du.“ Ich hielt den Finger hoch. „Erstens, ich lasse mich von wem auch immer anmachen.“ Er verengte die Augen, verschränkte die Arme. „Zweitens“, ich hob einen zweiten Finger. „als mein Chef hast du kein Recht, dich in mein Liebesleben einzumischen.“ Er verdrehte die Augen. „Drittens“, drei Finger. „Ich bin neu in der Stadt. Wenn er nett ist, werde ich nicht unhöflich.“ „Nicht während meiner Zeit“, knurrte er. „Hast du mich wirklich hierhergeschleppt, nur um mich anzuschreien?“ „Nein“, bellte er. „Ich will wissen, warum du nicht mit mir ausgehst.“ Mein Gesicht fiel. „Meinst du das ernst?“ „Tödlich ernst.“ Sein Blick bohrte sich in meinen, unerbittlich. „Übrigens, das Interview vor achtzehn Monaten—war das hier?“ Ich zögerte. „Ja.“ „Wie lange versuchst du schon, hier zu arbeiten?“ „Drei Jahre“, schnaufte ich. „Verzeih, wenn ich das nicht wegen eines One-Night-Stands aufs Spiel setzen will.“ „Warum denkst du, ich würde dich feuern?“ „Ist das nicht, was CEOs tun? Die Sekretärin ins Bett kriegen und dann auf die Straße werfen?“ Er runzelte die Stirn, sah mich an, als sei ich verrückt. „Keine Ahnung. Ich habe mich nie zu jemandem hingezogen gefühlt, mit dem ich arbeite. Außerdem ist dieses Gebäude groß genug, dass wir uns aus dem Weg gehen könnten.“ „Du bist also immer noch… angezogen von mir?“ flüsterte ich. „Du weißt, dass ich es bin. Und es ist nur ein Abendessen“, schnappte er. „Niemand würde es je erfahren, und ich würde dich morgens mit Sicherheit nicht feuern.“ „Also…“ Ich versuchte, das zu begreifen. „Du würdest es geheim halten?“ Er trat vor, bis unsere Gesichter einen Zentimeter voneinander entfernt waren. „Definitiv.“ Zwischen uns funkte die Energie. Ich spürte, wie mein Körper reagierte. „Warst du in einer Beziehung, als wir die Nacht zusammen verbrachten?“ fragte ich. „Warum denkst du das?“ „Du hast nie nach meiner Nummer gefragt.“ Er lächelte langsam, verführerisch, strich mir eine Haarsträhne hinter das Ohr. „Fragen dich alle nach deiner Nummer, Marielle?“ Seine Stimme war tief und rau. „So ziemlich.“ „Damals wollte ich nichts, und ich sage niemals, ich rufe an, wenn ich es nicht tue.“ Er strich mit dem Daumen über meine Unterlippe, ich blickte in seine großen blauen Augen. „Also… wir sehen uns heute Abend.“ „Ich hole dich ab“, flüsterte er. „Abendessen in meinem Lieblingsitaliener…“ Seine Lippen berührten zart meine, die Hand stützte mein Kinn. Ich schloss die Augen, die Füße hoben sich vom Boden. Was zum Teufel tust du? Tobias’ Stimme schrie in meinem Kopf. Verdammt. Dieser Mann. Welchen Bann wirkte er auf mich? One-Night-Stands. Vergessen, dass ich vergeben bin. Vergessen zu atmen. Oh mein Gott. Ich habe einen Freund. Scheiße. Ich riss mich los, stolperte zurück. „Es tut mir leid, wenn ich den falschen Eindruck erweckt habe.“ Ich rang nach Luft. „Ich habe einen Freund.“ Kalix erstarrte. Das Feuer in seinen Augen verschwand nicht—es verwandelte sich in Eis. Dann, Stahl. „Dann“, sagte er, die Stimme gefährlich leise: „Trenn dich von ihm.“
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN