In Zukunft
Alles, was Lyra hören wird, ist Lärm.
Nicht das sanfte Summen des Kühlschranks im Erdgeschoss. Nicht Zara, die sich im Nebenzimmer bewegen wird. Nicht die Stimme ihrer Mutter, die sie zum Frühstück nach unten rufen wird.
Das hier wird anders sein.
Ein tiefes, mahlendes Brüllen wird die Dunkelheit zerreißen, gefolgt von einem scharfen Knall und einem Grollen, das den Boden unter ihr erschüttern wird.
Lyras Augen werden aufschlagen.
Einen Moment lang wird sie nicht atmen können.
Sie wird in ihrem eigenen Zimmer eingeschlafen sein, eingekuschelt unter ihrer warmen Decke. Doch das Bett wird verschwunden . Stattdessen wird harter, eisiger Stein unter ihrem Körper liegen.
Dunkelheit wird sie umgeben. Schwer und bedrückend, als würde etwas Unsichtbares sie beobachten.
Das ist ein Traum, wird sie sich sagen.
Es muss einer sein.
Seit Wochen wird sie von seltsamen Träumen heimgesucht. Feuer. Asche. Schreie. Ein Mann, der in der Dunkelheit steht und seinen Namen ruft, als hätte er sein ganzes Leben auf sie gewartet.
Doch noch nie wird sich einer davon so real angefühlt haben.
Die Kälte wird tief in ihre Knochen dringen. Zitternd wird Lyra die Knie an ihre Brust ziehen, während sie versucht, sich zu orientieren.
Dann wird sie zum Himmel aufblicken.
Der Mond wird riesig und unnatürlich tief hängen. Neben ihm wird die Sonne hinter einer dicken Ascheschicht glühen, ihr Licht schwach und rötlich.
Für einen schrecklichen Augenblick wird es aussehen, als würden beide einander berühren.
„Das ist unmöglich“, wird sie flüstern.
Sie wird sich langsam aufrichten. Ihr Kopf wird schmerzen, ihr Mund nach Rost und Staub schmecken. Als sie neben sich greift, wird sie feststellen, dass der Platz, an dem Zara liegt, leer ist.
„Zara?“
Keine Antwort.
„Mama?“
Ihre Stimme wird als Echo von den Felswänden zurückkehren.
Panik wird sich in ihrer Brust ausbreiten. Sie wird nicht in ihrem Schlafzimmer sein. Nicht in ihrem Haus.
Sie wird in einer Höhle liegen.
Lyra wird auf die Füße springen und sich hastig in den Arm kneifen. Der Schmerz wird unmittelbar sein, doch nichts wird sich verändern.
„Wach auf“, wird sie sich selbst flüstern. „Bitte, wach einfach auf.“
Aber die Höhle wird bleiben.
Sie wird zum Eingang gehen, vorsichtig, während das Dröhnen draußen lauter wird. Eine Explosion wird in der Ferne die Erde erschüttern. Wind wird Asche über den steinigen Boden treiben.
Lyra wird den Mund bedecken.
Asche.
Genau wie in ihren Träumen.
Am Eingang wird sie stehen bleiben und nach draußen sehen.
Die Welt wird zerstört sein.
Verbrannte Bäume werden ihre kahlen Äste in den grauen Himmel strecken. Eine zerbrochene Straße wird sich zwischen verlassenen Autos hindurchziehen. Einige Fahrzeuge werden ausgebrannt sein, andere auf die Seite gekippt. Eine Ampel wird schief über der Straße hängen und schwach flackern.
Weit entfernt werden Flammen zwischen den Ruinen eines Gebäudes lodern.
Lyras Beine werden zittern.
„Wo bin ich?“, wird sie flüstern.
Sie wird hinaus in die kalte Luft treten. Ihre nackten Füße werden den gefrorenen Boden berühren, während der Rauch ihren Hals reizen wird.
Das kann nicht die Welt sein, die sie kennt.
Vor wenigen Stunden wird sie noch in ihrem Bett gelegen haben. Ihre Mutter wird unten gewesen sein. Zara wird im Nebenzimmer geschlafen haben. Alles wird normal gewesen sein.
Und jetzt wird nichts mehr existieren, wie sie es kennt.
Hinter ihr wird ein schwaches blaues Licht aufflackern.
Lyra wird sich umdrehen.
An der Höhlenwand wird eine dünne Lichtlinie leuchten, als hätte jemand einen Riss in den Felsen geschnitten. Sie wird näher treten und ein kleines Gerät entdecken, das halb unter Staub und Trümmern begraben liegt.
Der Bildschirm wird gesprungen sein, aber noch funktionieren.
Sie wird davor niederknien.
Etwas in ihr wird sie dazu drängen, es zu berühren.
Als ihre Fingerspitze den Bildschirm trifft, wird sich ein Lichtstrahl in die Luft erheben. Zahlen werden über dem Gerät erscheinen.
20. Februar 2020.
Lyra wird erstarren.
Dieses Datum wird sie sofort erkennen. Der zwanzigste Februar ist der Tag, an dem ihre Eltern sich zum ersten Mal getroffen haben. Ihre Mutter wird die Geschichte jedes Jahr erzählen, meistens beim Frühstück, während Zara sich über ihre Pfannkuchen hermacht.
Es ist heute.
Erleichterung wird für einen kurzen Moment ihre Angst verdrängen.
Vielleicht ist alles nur ein Albtraum. Vielleicht wird sie bald aufwachen und sich über ihre eigene Fantasie lustig machen können.
Dann werden sich die Zahlen ändern.
20. Februar 2021.
Lyra wird die Stirn runzeln.
„Nein.“
Das Datum wird weitersspringen.
2025.
2026.
2027.
Die Zahlen werden immer schneller durch die Jahre rasen, während der Boden unter ihr bebt.
„Hör auf!“
Sie wird die Hände über die Ohren pressen, doch das Flackern wird nicht verschwinden.
2040.
2041.
Schließlich werden die Zahlen abrupt stehen bleiben.
20. Februar 2045.
Darunter wird roter Text erscheinen.
Das Ende: 23. Februar 2045.
Lyra wird den Atem anhalten.
Drei Tage.
Die Welt wird in drei Tagen untergehen.
Sie wird auf die Anzeige starren und versuchen, die Bedeutung dieser Worte zu begreifen. Fünfundzwanzig Jahre werden vergangen sein, während sie geschlafen hat – zumindest wird das Gerät ihr weismachen wollen.
Doch bevor sie eine Erklärung finden kann, werden Schritte aus den Tiefen der Höhle hallen.
Lyra wird herumfahren.
Eine Gestalt wird aus der Dunkelheit treten. Eine Kapuze wird das Gesicht des Fremden verbergen, während das blaue Licht seine dunkle Jacke streift.
„Wer bist du?“, wird Lyra fragen und zurückweichen. „Bleib weg von mir!“
Der Fremde wird stehen bleiben.
„Du bist durch den Riss gekommen.“
„Ich weiß nicht, wovon du redest!“ Ihre Stimme wird brechen. „Ich will nach Hause. Ich will zu meiner Mama. "Ich will zu meiner Schwester.“
Der Fremde wird sie nicht trösten. Stattdessen wird er zum Höhleneingang blicken, wo Asche durch die Luft treiben wird.
„Sieh dich um“, wird er leise sagen.
Lyra wird sich umdrehen.
Die verbrannte Landschaft wird sich vor ihr ausbreiten. Die verlassenen Fahrzeuge. Die zerstörten Gebäude. Der Himmel, der von Rauch verschluckt wird.
Dann wird sie wieder auf die leuchtende Anzeige blicken.
20. Februar 2045.
Das Ende: 23. Februar 2045.
Die Wahrheit wird sie treffen wie ein Schlag.
Sie wi
rd nicht träumen.
Sie wird nicht einfach irgendwo weit weg von zu Hause aufgewacht sein.
Sie wird in der Zukunft sein – und sie wird exakt drei Tage vor dem Ende angekommen sein.