Kapitel 1: Unter den Silbertürmen
Rosalies Sicht
Und ich war im Begriff, den größten Fehler meines Lebens zu begehen.
Der Bus fuhr die Bergstraße hinauf. Ich lehnte meinen Kopf an die kalte Scheibe. Kiefern zogen schnell vorbei. Kilometerweit war nichts zu sehen. Ich fühlte mich so allein.
Dann sah ich es.
Die Silvermoon-Akademie lag wie ein Traum im Tal. Silberne Türme ragten in den grauen Himmel. Weite Gelände erstreckten sich zwischen alten Steinmauern. Wunderschön. Furchteinflößend.
Mein Herz raste.
Das war meine einzige Chance.
Ich hielt meinen Stipendienbescheid fest umklammert. Das Papier war vom vielen Lesen ganz zerknittert. Omega-Stipendienprogramm. Volle Studiengebühren. Unterkunft und Verpflegung. Ein Ort, an dem man sich zugehörig fühlt.
Ich brauchte diesen letzten Teil.
„Bist du dir da ganz sicher, Mädchen?“ Der Busfahrer sah mich im Rückspiegel an. Er war alt und hatte müde Augen. „Man sieht nicht viele Omegas, die hier hochfahren.“
Ich zwang mir ein Lächeln ab. „Da bin ich mir sicher.“
Er grunzte. „Wie du meinst.“
Der Bus hielt vor einem eisernen Tor. Es waren riesige, schwarze Gitterstäbe mit knurrenden Wolfsköpfen. Ich schnappte mir meinen Koffer und stieg aus.
Die Tore blieben geschlossen.
Ich stand da und wartete. Der Wind strich mir über die Wangen. Mein kastanienbraunes Haar wehte mir ins Gesicht.
"Hallo?", rief ich.
Nichts.
Ich drückte gegen das Tor. Es knarrte, ging aber nicht auf. Verschlossen.
„Wie bitte?“, versuchte ich es erneut. „Ich bin hier wegen des Omega-Stipendiums. Ich sollte eigentlich …“
"Du bist zu spät."
Ich drehte mich um.
Auf der anderen Seite stand eine Frau. Groß. Ganz in Schwarz gekleidet. Silbernes Haar zu einem strengen Dutt gebunden. Ihre Augen waren kalt. Sie musterte mich, als wäre ich nichts.
„Es tut mir leid“, sagte ich. „Der Bus hatte Verspätung.“
„Der Bus hatte Verspätung“, wiederholte sie. „Wie vorhersehbar.“
Sie schnippte mit den Fingern. Die Tore schwangen auf.
Ich schnappte mir meinen Koffer und eilte hindurch. Sie half mir nicht. Sie drehte sich einfach um und ging weg.
"Folgen Sie mir."
Ich rannte ihr hinterher. Meine Beine zitterten. Mir war ganz flau im Magen. Aber ich hielt den Kopf hoch. Ich hatte mir geschworen, am ersten Tag nicht zu weinen. Ich würde stark sein.
Sie führte mich durch einen Innenhof voller Studenten. Sie trugen teure Kleidung. Wunderschöne Kleidung. Sie starrten mich an, als wäre ich etwas Seltsames.
"Ist das der Omega?", flüsterte jemand.
„Sieh dir ihre Kleidung an. So billig.“
"Sie ist so... rund."
Ich ging weiter. Blick geradeaus.
Die Frau blieb vor einer winzigen Tür stehen. So klein, dass ich sie beinahe übersehen hätte.
„Das ist dein Zimmer“, sagte sie.
Ich blinzelte. „Das soll mein Zimmer sein?“
Sie öffnete die Tür.
Ein Wandschrank. Ein buchstäblicher Wandschrank. Ein Feldbett an der Wand. Eine flackernde Lampe. Kein Fenster. Kein Schreibtisch. Kein Platz zum Atmen.
„Die Omega-Stipendiaten bleiben hier“, sagte sie. „Das ist alles, was wir haben.“
Ich schluckte schwer. „Natürlich. Danke.“
Sie drehte sich um und wollte gehen. Dann blieb sie stehen.
"Noch etwas, Omega."
Ich schaute auf.
„Das Stipendium hat eine Geschichte.“ Ihre Augen flackerten. „Jeder Omega, der vor dir hierher kam, ist vor dem Abschluss gestorben.“
Mir wurde eiskalt.
"Versuche, das Muster zu durchbrechen."
Sie ging weg.
Ich stand im Türrahmen. Den Koffer in den Händen. Mein Herz hämmerte so laut, dass ich es hören konnte.
Starb vor dem Studienabschluss.
Ich redete mir ein, sie lügt. Ich redete mir ein, es sei ein Scherz. Ich redete mir ein, ich sei stärker als das.
Aber ich erinnerte mich an die Porträts im Flur. An die Datumsangaben darunter. Keines von ihnen hatte ein Jahr überstanden.
Ich stellte meinen Koffer ab. Meine Hände zitterten.
Du schaffst das, Rosalie. Du kannst überleben.
Ich saß auf der Liege. Sie knarrte. Die Lampe flackerte.
Im Dämmerlicht bemerkte ich etwas, das in die Wand eingemeißelt war.
Ein Wort.
LAUFEN.
Mir schnürte sich der Hals zu.
Worauf war ich da nur hereingestolpert?