Kapitel 5: Welten prallen aufeinander

1161 Worte
Der Palasthof war leergeräumt und neu hergerichtet worden. Fackeln säumten die Steinmauern, ihre Flammen schlugen hoch in den Abendhimmel und verstreuten Funken, die vom Nachtwind getragen wurden. Die Trommeln schlugen unaufhörlich, ließen den Boden unter den nackten Füßen erzittern, ihr Rhythmus lockte Wölfe aus allen Ecken des Königreichs auf den Platz. Seraya bewegte sich mit einem Tablett voller Kelche in den Händen und gesenktem Kopf zwischen den Dienern. Die Luft war erfüllt vom Duftmix: der scharfe, schwere Moschus der Alphas, die eisern reine Treue der Betas und die bittere Angst der Omegas. Sie atmete durch den Mund und ignorierte das Brennen des Rauchs und den bitteren Geschmack des Weins, der in den Bechern schwappte. Auf dem Podium lachten und prahlten die Adligen. Alphas hoben die Kinnlade hoch, ihre Stimmen klangen nach geübter Arroganz. Betas beugten sich tief vor und warteten auf Befehle. Und Omegas… Omegas huschten umher. Verbeugten sich, dienten, den Blick gesenkt. Immer nur auf den Boden. „Geh gleichmäßig“, zischte eine raue Stimme neben ihr. Ein anderes Dienstmädchen, älter, blickte nervös umher. „Stolpere nicht, sonst halten sie dich für ungeschickt, und das wirst du bereuen.“ Serayas Lippen zuckten unwillkürlich. „Ich bereue es schon, geatmet zu haben“, murmelte sie so leise, dass es nur das Mädchen hörte. Die Augen des Mädchens weiteten sich, dann entfuhr ihr ein plötzliches Kichern, bevor sie sich die Hand vor den Mund schlug. „Seraya, sei still!“ Doch Seraya senkte nur wieder den Blick und unterdrückte ein Lächeln. Humor war hier gefährlich, aber manchmal war er alles, was sie hatte, um nicht zusammenzubrechen. Auf der anderen Seite des Platzes stand Kael nahe dem Podium. Nicht bei den Beratern, nicht bei den Dienern – immer in diesem Zwischenraum. Seine Schultern waren unter seiner Rüstung gerade, während sein Blick über die Menge schweifte. Beobachtend. Wachend. Seraya fing seinen Blick auf und erkannte ihn sofort. Seine Augen wurden weicher, nur für einen kurzen Moment, bevor sein Gesichtsausdruck wieder zu Stein erstarrte. Er schüttelte kaum merklich den Kopf. „Kopf runter.“ Das hat sie. Die Trommeln veränderten sich, der Rhythmus wurde lauter und schneller, ein Ruf, der jedem einen Schauer über den Rücken jagte. Das Mondfest war nicht nur Wein und Prahlerei. Es war eine Wahl. Partner wurden gesucht, Bindungen offenbart und die Hierarchie des Rudels für alle sichtbar gemacht. Alphas durchstreiften die Menge, ihr Lachen klang dominant. Ein hochgewachsener Alpha, dessen Brust unter seinem Umhang entblößt war, blieb neben Seraya stehen, als sie vorbeiging. Seine Hand schnellte vor, seine Finger schlossen sich um ihr Handgelenk. „Wein, kleines Mäuschen?“, fragte er, die Augen vor Belustigung funkelnd. Sein Griff verstärkte sich, die Kanten seiner Krallen streiften ihre Haut. Seraya sprach mit leiser, ruhiger Stimme: „Es ist für den Hohen Tisch, mein Herr.“ Der Alpha beugte sich näher, sein Atem heiß vom Alkohol. „Dein Duft passt nicht zum Tisch. Sauer. Schwach.“ Er grinste und zog sie näher an sich, so dass das Tablett in ihren Händen zitterte. „Sag schon, beißt du überhaupt oder wimmerst du nur?“ Hitze stieg ihr in die Brust, Scham durchfuhr sie. Das Lachen der Betas in ihrer Nähe dröhnte in ihren Ohren. Sie schluckte schwer und zwang sich zu ruhiger Stimme. „Vielleicht solltest du es an jemandem testen, der noch Zähne hat.“ Der Alpha erstarrte, sein Grinsen verschwand. Einen Moment lang herrschte Stille, dann brach plötzlich lautes, raues Gelächter aus den Betas hervor. Das Gesicht des Alphas verfinsterte sich, doch bevor er reagieren konnte, drang eine andere Stimme in sein Gespräch ein. "Lass sie in Ruhe." Kaels Schatten fiel auf sie, seine Präsenz war messerscharf. Sein Blick fixierte den Alpha, ruhig, aber hart. „Nimm deinen Drink und geh.“ Der Alpha spottete: „Vorsicht, Beta. Sie ist deine Worte nicht wert.“ „Pass auf dich auf“, sagte Kael ruhig. „Sie trägt den Wein des Königs. Wenn du ihn verschüttest, ist es dein Problem, nicht ihres.“ Der Alpha zögerte, sein Blick huschte zu dem Podest, auf dem Darius wie eine gemeißelte Figur der Macht saß, die dunklen Augen undurchschaubar. Ein tiefes Knurren entfuhr dem Alpha, doch schließlich ließ er ihr Handgelenk mit einem Stoß los und griff nach einem Kelch auf dem Tablett. Seraya stabilisierte die Tassen mit zitternden Fingern, ihr Puls raste noch immer. Kael beugte sich gerade so weit vor, dass sie ihn hören konnte, seine Stimme leise. „Du hast eine Zunge, die dir zu scharf ist.“ Ihre Lippen zuckten leicht, trotz des Bebens in ihrer Brust. „Scharfe Zungen schneiden besser als stumpfe.“ Er stieß einen Laut aus, der wie ein Lachen klang, doch er verstummte schnell, als sein Blick wieder die Menge absuchte. Die Trommeln dröhnten erneut, diesmal tiefer, und hallten durch Stein und Knochen gleichermaßen. Der Lärm im Hof ​​verstummte, als sich die Wölfe dem Podium zuwandten. Und dann stand er auf. Alpha-König Darius erhob sich von seinem Thron, sein Umhang fiel ihm wie die Nacht selbst über die Schultern. Das Fackellicht funkelte in seinem Haar und verwandelte einzelne Strähnen in schwarzes Feuer, sein Blick durchdrang die Menge mit durchdringender Konzentration. Die Luft war erfüllt von seiner Dominanz, die jeden einzelnen von ihnen erdrückte, bis selbst die stolzesten Alphas die Köpfe senkten. „Wölfe von Silberfang“, hallte seine Stimme, tief und doch kraftvoll, ein Befehl, der in jedes Ohr drang. „Heute Nacht wacht der Mond. Heute Nacht werden Bande auf die Probe gestellt. Stärke offenbart sich. Das Rudel wird Zeuge sein, und der Mond wird entscheiden.“ Ein ohrenbetäubender Jubel hallte über den Platz. Wölfe heulten, Krallen kratzten über Stein, Stimmen verschmolzen zu einem so urtümlichen Geräusch, dass es Seraya bis in die Knochen fuhr. Sie hielt den Kopf gesenkt und kämpfte gegen den Instinkt ihres Wolfes an, zu antworten, den Blick zum Himmel zu heben. Als der Lärm verstummte, stieg Darius vom Podium herab. Jeder Schritt war langsam, seine Stiefel schlugen im Takt der Trommeln auf den Stein. Sein Blick suchte die Menge ab, als suche er nach etwas. Serayas Herz hämmerte. Sie senkte den Kopf, umklammerte das Tablett fester und versuchte, sich unsichtbar zu machen. Sie wollte auf keinen Fall die Aufmerksamkeit des Alpha-Königs auf sich ziehen. Drei Tage, dachte sie verzweifelt. Er sagte drei Tage. Heute Abend war der dritte Tag. Doch sie spürte es dennoch, als seine Anwesenheit näher kam, sein Blick ihn umkreiste. Die Menge bewegte sich wie eine Welle, die sich um ihn teilte, Flüstern folgte seinen Schritten. Kaels Stimme erreichte erneut ihr Ohr, leise und eindringlich. „Seraya. Beweg dich nicht.“ Sie erstarrte. Und dann, über das Meer aus gesenkten Köpfen und zitternden Schultern hinweg, fixierte Darius Blackthorne ihren Blick. Nein. Das kann nicht sein. Doch ihr Wolf drängte nun mit verzweifelter Dringlichkeit gegen ihre Brust. Die Welt schrumpfte auf nur noch sie beide, den gebrochenen König und die verängstigte Sklavin, während das Schicksal seinen grausamsten Scherz enthüllen wollte. Die Partnerbindung.
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