Kapitel 5

1559 Worte
KIERAN Ich arbeite schweigend, reinige die schlimmsten Wunden mit Wasser aus meiner Feldflasche und trage Salbe auf die Schnitte in ihrem Gesicht und an ihren Armen auf. Jedes Mal, wenn meine Finger ihre Haut berühren, bäumt sich mein Wolf in mir auf, rastlos und fordernd auf eine Art, die ich nicht verstehe. Der Geruch ihres Blutes sollte mich abstoßen, doch stattdessen weckt er in mir den Wunsch, denjenigen aufzuspüren, der sie verletzt hat, und ihn mit bloßen Händen in Stücke zu reißen. Ihr Kleid ist so zerfetzt, dass es kaum noch anständig ist, also hülle ich sie in meinen eigenen Mantel. Sobald sich der Stoff, der meinen Geruch trägt, um ihre Schultern legt, schnurrt mein Wolf beinahe vor Zufriedenheit – eine Reaktion, die so unerwartet und unangebracht ist, dass ich fast vor ihr zurückweiche. Was zum Teufel ist los mit mir? Ich zwinge mich, mich mit klinischer Distanz auf ihre Verletzungen zu konzentrieren. Geprellte Rippen, möglicherweise gebrochen. Abwehrverletzungen an Händen und Armen. Das Muster der Blutergüsse an Hals und Handgelenken erzählt eine Geschichte, die ich nur zu gut kenne. Jemand hat versucht, sie zu vergewaltigen. Diese Erkenntnis löst eine so heftige Wut aus, dass mir der Atem stockt. Mein Wolf knurrt, seine Krallen kratzen an meinem Bewusstsein, während brutale Bilder durch meinen Kopf jagen – ich werde den Bastard finden, der das getan hat, und ihn für jeden Kratzer auf ihrer Haut büßen lassen. Die Beschützerinstinkte sind so überwältigend, so besitzergreifend, dass ich einen Moment lang nicht klar denken kann. Das ist nicht normal. Ich habe schon verletzte Frauen gesehen, selbst Opfer von Übergriffen unter meinem eigenen Volk, und obwohl ich Wut und Mitgefühl empfand, hatte ich nie diesen ... diesen Besitzanspruch. Dieses Bedürfnis, jede Bedrohung für sie zu beseitigen, sie in meinen Geruch zu hüllen und sie zu beschützen. Meine Hände zittern leicht, als ich einen tiefen Schnitt an ihrem Unterarm verbinde, und ich muss die Zähne zusammenbeißen, um die Kontrolle zu behalten. Jeder Atemzug trägt mehr von ihrem Duft zu mir – Kiefernwälder und Wildblumen mit einer unterschwelligen Süße, die meinen Wolf rastlos macht. Ihre Anwesenheit hat etwas Wesentliches, als hätte ich ein fehlendes Stück von mir gefunden, von dem ich nicht wusste, dass es verloren war. Ich verbinde gerade ihren Unterarm, als sie plötzlich die Augen aufschlägt. In dem Moment, als sich unsere Blicke treffen, durchfährt mich ein elektrischer Schlag. Mein Wolf erstarrt vollkommen, um dann mit rasender Energie auf und ab zu laufen. Ihr Duft wird intensiver, und ich ertappe mich dabei, wie ich mich näher zu ihr beuge, bevor mir klar wird, was ich tue. Einen Moment lang starrt sie mich verwirrt an, ihre violetten Augen sind schmerzgetrübt. Dann dämmert es ihr, und Entsetzen überzieht ihr Gesicht – doch hinter der Angst sehe ich noch etwas anderes. Ihr Atem beschleunigt sich, und ich sehe, wie ihr Puls in ihrer Kehle hämmert. Sie spürt es auch. Was auch immer diese unerklärliche Anziehung ist, sie betrifft uns beide. „Nein", flüstert sie und versucht, von mir wegzukriechen. Die Bewegung reißt mehrere ihrer Wunden auf und frisches Blut sickert durch die Verbände. „Bleib liegen", befehle ich und strecke die Hand aus, um sie zu stützen. „Du wirst dich nur noch schlimmer verletzen." Sie erstarrt bei meiner Berührung, doch ob aus Gehorsam oder lähmender Angst, kann ich nicht sagen. Ihre Augen sind weit aufgerissen und auf mein Gesicht geheftet, und ich sehe, wie ihr Puls wild in ihrer Kehle pocht. „Du bist der Eiskönig", haucht sie. „Der bin ich." Ich lehne mich zurück und beobachte ihre Reaktion. „Und du bist die Braut, die sich davongemacht hat, und deren Selbstsucht bereits mehr Leben gekostet hat, als du dir vorstellen kannst." Etwas huscht über ihre Züge – vielleicht Schuld, vielleicht Resignation. „Wie viele?" Die Frage überrascht mich. Ich hatte Dementis erwartet, Rechtfertigungen, Bitten um Gnade. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie nach den Opfern fragen würde. „Der Waffenstillstand endete, als dein Verschwinden bestätigt wurde", erkläre ich ihr kühl. „Meine Grenzpatrouillen wurden innerhalb weniger Stunden angegriffen. Sechs Männer sind bisher tot, und es werden noch mehr. Und das ist erst der Anfang." Sie schließt die Augen, Tränen quellen unter ihren geschwollenen Lidern hervor. „Ich wollte nie, dass jemand stirbt." „Absichten erwecken die Toten nicht wieder zum Leben", erwidere ich schroff. „Was hast du gedacht, würde passieren, als du den Friedensvertrag zunichte gemacht hast? Dass unsere Königreiche einfach mit den Schultern zucken und weitermachen würden?" „Ich dachte … ich hoffte, es gäbe vielleicht einen anderen Weg, Frieden zu schließen. Ohne dass ich zu einer Ehe gezwungen werde, die ich nicht wollte." Ihre Naivität ist fast atemberaubend. „Es gibt keinen anderen Weg. Der Vertrag wurde über Monate sorgfältiger Diplomatie ausgehandelt. Deine Heirat mit mir war der Grundstein, der ihn überhaupt möglich machte. Ohne dieses Bündnis sind wir wieder da, wo wir angefangen haben – zwei Königreiche, die sich gegenseitig ausbluten." Sie öffnet die Augen und sieht mich an. Ich erkenne, wie sich in ihr das Verständnis Bahn bricht. „Der Krieg wird weitergehen." „Der Krieg hat bereits begonnen. Während du im Wald Freiheit gespielt hast, sterben Soldaten auf beiden Seiten, weil der Waffenstillstand nicht mehr gilt." Ich beuge mich näher zu ihr und stelle sicher, dass sie die kalte Wut in meinen Augen sieht. „Sag mir, Prinzessin – war deine kostbare Unabhängigkeit ihr Leben wert?" Sie zuckt zusammen, als hätte ich sie geschlagen, dann wendet sie den Blick ab, unfähig oder unwillig, meine Frage zu beantworten. Zwischen uns breitet sich Schweigen aus, schwer von der Last der verlorenen Leben. Nach einem Moment wende ich mich wieder ihren Verletzungen zu und betrachte die blauen Flecken in ihrem Gesicht, die Abwehrwunden, die zerrissene Kleidung. „Jemand hat dich geschlagen. Schwer. Ich nehme an, es war derjenige, mit dem du weggelaufen bist?" Ihr Gesicht verschließt sich, aber das leichte Nicken bestätigt meinen Verdacht. „Wie hieß er?", frage ich, obwohl ich nicht sicher bin, warum das wichtig ist. „Marcus", flüstert sie. „Sein Name war Marcus." „Wo ist er jetzt?" „Ich … ich habe ihn mit einem Kerzenständer geschlagen. Ich weiß nicht, ob er noch lebt oder tot ist." Ihre Stimme ist kaum zu hören, Scham und Trauma lassen ihre Worte nur stockend hervorkommen. Gut. Ich hoffe, der Mistkerl ist tot. Der Gedanke kommt ungebeten und mit überraschender Heftigkeit. Sie mag eine politische Katastrophe sein, aber keine Frau verdient das, was ihr offensichtlich angetan wurde. „Er hat versucht, dich zu vergewaltigen", stelle ich fest und beobachte ihr Gesicht aufmerksam. Sie antwortet nicht, aber die Art, wie sie sich in sich selbst zurückzieht, sagt mir alles, was ich wissen muss. Welche romantische Fantasie sie auch immer um ihre Flucht gesponnen hatte, sie endete in Gewalt und Verrat. Ich stehe auf, klopfe mir den Schmutz von den Knien und blicke auf ihre zusammengekauerte Gestalt hinunter. „Ruh dich aus. Wir reiten im Morgengrauen nach Winterfeste. Und, Prinzessin?" „Winterfeste?" Sie hebt den Kopf, ihre Augen weiten sich. „Ach, Prinzessin, ich habe vergessen, es dir zu sagen." Ich halte inne und lasse die Worte wirken. „Du bist nicht länger meine künftige Braut. Diese Chance hast du verspielt, als du dich zur Flucht entschlossen hast. Jetzt bist du meine Gefangene und wirst dafür büßen, was deine Selbstsucht unseren beiden Völkern gekostet hat." Sie blickt mit diesen violetten Augen zu mir auf, und für einen Moment sehe ich nicht die politische Katastrophe, die sie angerichtet hat, sondern eine junge Frau, die alles verloren hat – ihre Illusionen, ihre Sicherheit, ihre Freiheit und möglicherweise auch ihre Zukunft. Mein Wolf regt sich erneut und reagiert auf etwas in ihrem Gesichtsausdruck, das ich nicht wahrhaben will. Wie seltsam ich auch auf ihre Anwesenheit reagiere, es ändert nichts an der Situation, in der wir uns befinden. Ich gehe zurück zu der Stelle, wo meine Männer ihr Lager aufgeschlagen haben, doch jeder Schritt, der mich von ihr wegführt, fühlt sich falsch an. Mein Wolf kratzt an meinem Bewusstsein und verlangt, dass ich an ihre Seite zurückkehre, in ihrer Nähe bleibe, beschütze, was ... was ist sie überhaupt? Sie gehört nicht mir. Sie ist meine Gefangene, die Architektin eines Krieges, der Tausende von Leben kosten wird. Aber meinen Wolf interessiert Politik oder Verträge nicht. Er weiß nur, dass sie verletzt und allein ist, und jeder Instinkt, den ich besitze, schreit mich an, zu ihr zurückzukehren. Ich zwinge mich weiterzugehen und lasse sie allein am Feuer zurück, wo sie über die Trümmer der Zukunft nachdenken kann, der sie entgegenzulaufen glaubte. Hinter mir höre ich sie leise weinen, und jedes Schluchzen fühlt sich an, als würde ein Messer in meiner Brust bohren. Was zur Hölle passiert mit mir? Morgen werde ich sie in meine Festung bringen, wo sie meine Gefangene bleiben wird, bis ich entscheide, was mit ihr geschieht. Der Friedensvertrag ist gescheitert, der Krieg ist wieder ausgebrochen, und die Frau, die all das hätte verhindern können, steht nun vollständig unter meiner Kontrolle. Ich sollte zufrieden sein. Sogar triumphieren. Stattdessen spüre ich nichts als die kalte Last der Verantwortung und ein seltsames, anhaltendes Verlangen, an ihre Seite zurückzukehren, das mit jeder Minute stärker wird, die ich wegbleibe. Irgendetwas an Prinzessin Seraphina berührt mich auf eine Weise, die ich nicht verstehe, und das macht sie weitaus gefährlicher als jeden Feind, dem ich je auf einem Schlachtfeld begegnet bin.
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