SERAPHINA
Die Reise nach Winterfeste ist ein Schwall von Schmerz und Demütigung, den ich niemals vergessen werde.
Irgendwann während dieses brutalen Ritts, während ich zwischen Bewusstsein und Bewusstlosigkeit hin und her driftete, ordnete Kieran an, mir Fesseln anzulegen. Ich erwachte zum kalten Biss silberner Ketten um meine Handgelenke, das Metall brannte auf meiner Haut und schwächte meine Wölfin.
„Tut weh", wimmert Luna. „Brennt."
„Ich weiß", flüstere ich zurück, aber ich kann nichts tun.
Als wir endlich durch die massiven Tore von Winterfeste reiten, kann ich mich kaum aufrecht im Sattel halten. Die Festung ragt über uns empor – ganz dunkler Stein und scharfe Türme, die das schwindende Licht zu verschlingen scheinen. Soldaten und Diener unterbrechen ihre Arbeit, um uns anzustarren, als wir den Innenhof betreten, ihre Mienen reichen von Neugier bis offener Feindseligkeit.
Ich versuche, meine Umgebung aufzunehmen, mich an diesem fremden Ort zu orientieren, aber alles fühlt sich falsch an. Die Luft ist hier kälter, schneidender, als würde sie mit jedem Atemzug in meine Lungen schneiden. Die Steinmauern scheinen von allen Seiten hereinzudrücken, und das Gewicht hunderter feindseliger Blicke lässt meine Haut kriechen.
Kieran steigt in einer fließenden Bewegung ab und dreht sich um, mich anzusehen. Da ist etwas in seinem Ausdruck, kalte Befriedigung vermischt mit kaum kontrollierter Wut, das meinen Magen sinken lässt.
Bevor ich auch nur versuchen kann, vom Pferd zu steigen, greift er die Ketten an meinen Handgelenken und reißt hart daran.
Ich schreie auf, als ich vom Pferd gezogen werde, schaffe es gerade noch, auf den Füßen zu landen. Der Aufprall schickt frischen Schmerz durch meine verletzten Rippen, und die silbernen Ketten brennen heißer, wo seine Hände sie umklammern.
„Beweg dich." Seine Stimme ist kalt, emotionslos. Er beginnt auf einen Seiteneingang zuzugehen und zerrt mich hinter sich her, als wäre ich ein Tier an der Leine.
Ich versuche Schritt zu halten, aber meine Beine zittern und mein Körper protestiert schreiend. Jeder Schritt sendet Qualen durch meine geschundenen Rippen, und die silbernen Ketten saugen die wenige Kraft auf, die mir noch geblieben ist.
„Ich kann nicht—", keuchte ich und stolpere. „Langsamer, ich bin noch—"
Er reißt so hart an den Ketten, dass ich fast auf die Knie falle. „Du kannst und du wirst." Er sieht nicht einmal zurück zu mir. „Oder ich schleifte dich den Rest des Weges. Deine Entscheidung, Prinzessin."
Die Art, wie er 'Prinzessin' sagt, lässt es wie eine Beleidigung klingen.
„Ich hasse ihn", knurrt Luna schwach. „Ich will ihm die Kehle herausreißen."
„Stell dich hinten an", murmle ich.
Wir steigen Steinstufen in den Bauch der Festung hinab, und die Temperatur fällt mit jeder Ebene. Der Geruch trifft mich, bevor wir überhaupt unten ankommen – Blut, Schweiß, menschliche Ausscheidungen und Verzweiflung. Die Kerker.
Meine Füße rutschen auf dem feuchten Stein, und ich krache in Kierans Rücken, als er abrupt stehen bleibt. Er dreht sich um, und für einen Moment sehe ich etwas in diesen eisblau Augen aufflackern, als er meine kämpfende, schmerzgeplagte Gestalt betrachtet.
Dann ist es verschwunden, ersetzt durch kalte Gleichgültigkeit.
„Hast du Schwierigkeiten, Schritt zu halten?", fragt er spöttisch. „Seltsam. Ich dachte, Prinzessinnen sollten zarte Blumen sein, die Schutz brauchen. Aber du siehst eher aus wie eine gewöhnliche Verbrecherin."
Ich zwinge mich, mich trotz des Schmerzes aufzurichten und greife auf jedes Quäntchen königlicher Würde zurück, das mir noch geblieben ist. „Ich bin Prinzessin Seraphina des Östlichen Königreichs." Meine Stimme zittert, trägt aber Autorität. „Und du wirst mir Respekt erweisen."
Er lacht, ein dunkler, grausamer Klang, der von den Steinwänden widerhallt. „Respekt?" Er tritt näher, und ich weiche instinktiv zurück, bis ich die kalte Wand hinter mir treffe.
Mein Herz beginnt härter zu pochen, nicht nur aus Angst. Sein Duft trifft mich, als er in meinen Raum eindringt – Kiefer und Schnee –, umhüllt mich wie eine warme Decke. Es bringt auch Luna zum Rühren trotz ihrer Schwäche.
„Ich hasse ihn immer noch", flüstert sie, ihr Ton zittert vor Verwirrung. „Aber ich will ihn näher. Warum will ich ihn näher?" Die Frage scheint mehr für sie selbst als für mich zu sein.
„Du willst Respekt?" Seine Stimme schneidet durch ihre Worte wie eine Klinge. „Du hast einen Friedensvertrag zerstört, einen Krieg neu entfacht und Männer töten lassen, weil du dich deiner Pflicht nicht stellen konntest. Sag mir, Prinzessin, was daran verdient Respekt?"
„Ich bin immer noch von königlichem Blut, unabhängig davon, was passiert ist. Ich verdiene es, behandelt zu werden mit—"
„Du verdienst nichts." Er lehnt sich vor, sein Gesicht nur Zentimeter von meinem entfernt, und mein ganzer Körper reagiert. Hitze flutet durch mich trotz der kalten Kerkerluft. Meine Haut fühlt sich zu eng an, überempfindlich gegenüber seiner Nähe. Ich kann die Wärme spüren, die von seinem Körper ausstrahlt, und jeder Instinkt, den ich besitze, schreit mich an, die Distanz zwischen uns zu schließen.
Sein Atem streift meine Lippen, als er spricht, und ich muss kämpfen, um nicht hineinzulehnen.
„Das ist falsch", wimmert Luna, aber da ist Hunger in ihrer Stimme. „Wir sollten erschrocken sein. Warum will jeder Teil von uns, dass er uns berührt? Warum will ich, dass er sich näher drückt, dass er—"
Ich stoße sie hinunter, mein Gesicht errötet vor Scham und etwas weitaus Gefährlicherem.
„Du kannst nicht einfach—", antworte ich und kehre zu unserem Gespräch zurück.
„Ich kann tun, was zum Teufel ich will." Seine Stimme fällt zu etwas tödlich Leisem, und der Klang davon tut etwas mit meinem Inneren, etwas, das ich nicht anerkennen will. „Das ist mein Königreich. Meine Festung. Mein Kerker. Und du?"
Er streckt die Hand aus und greift nach meinem Kinn, zwingt mich, seinen Augen zu begegnen.
In dem Moment, als seine Haut meine berührt, schießt Elektrizität durch mich. Mein Atem stockt, und ich sehe, wie seine Augen sich leicht weiten; er hat es auch gespürt. Seine Finger sind warm gegen meinen Kiefer, fast sanft trotz der Kraft, und mein Körper verrät mich völlig. Hitze sammelt sich tief in meinem Bauch, und ich muss einen Laut zurückhalten, der nichts mit Angst zu tun hat.
„Ja", schnurrt Luna, und der Klang ist praktisch unanständig. „Berühr uns. Mehr. Wir brauchen—"
„Du gehörst mir und ich kann mit dir tun, was ich will."
Die Worte sollten mich entsetzen. Stattdessen schicken sie einen Schauer meinen Rücken hinunter, der völlig falsch ist. Mein Puls hämmert unter seinen Fingerspitzen, und ich weiß, dass er es fühlen kann, genau fühlen kann, wie mein Körper auf seine Dominanz reagiert, auf seinen Anspruch.
Sein Kiefer spannt sich an, und ich sehe etwas in seinen Augen aufflackern – Verwirrung gemischt mit Hunger –, bevor er es wegschließt.
Er lässt mich abrupt los und geht weiter, reißt so hart an den Ketten, dass ich hinter ihm stolpere. Wir passieren Zelle um Zelle, und ich kann Geräusche hinter einigen der Türen hören – Stöhnen, Schluchzen, das Rasseln von Ketten.
Als er schließlich vor einer der Zellen anhält und sie aufschließt, sehe ich, was drinnen wartet. Die Zelle stinkt nach Blut und Verwesung. Steinwände bedeckt mit Flecken. Ein Boden d**k mit Schmutz. Eine verrottende Pritsche, die aussieht, als würde sie unter jedem Gewicht zusammenbrechen.
Hier wird er mich einsperren.
Ich beginne instinktiv zurückzuweichen, die Ketten ziehen sich straff zwischen uns. „Nein." Das Wort kommt heraus, bevor ich es aufhalten kann. „Du kannst nicht, ich werde nicht!"
„Du wirst." Er dreht sich um, mich anzusehen, und etwas in seinem Ausdruck lässt mein Blut gefrieren. „Es sei denn, du würdest es vorziehen, dass ich dir eine Unterkunft in der Folterkammer finde? Ich bin sicher, wir können Platz schaffen."
Ich mache noch einen Schritt zurück und schüttle den Kopf. „Bitte, überall außer—"
Bevor ich zu Ende sprechen kann, bewegt er sich. In einer fließenden Bewegung beugt er sich vor und hebt mich von den Füßen, wirft mich über seine Schulter, als würde ich nichts wiegen.
„Lass mich los!" Ich beginne mit meinen geketteten Fäusten auf seinen Rücken zu schlagen, das Silber brennt auf meiner Haut bei jedem Aufprall, meine Schläge werden panischer. „Nein, nein, nein – bitte sperr mich nicht da rein! Irgendwo anders, ich tue alles – nur nicht—"
„Bettelst du schon?" Er klingt fast amüsiert, als er mich in die Zelle trägt. „Spar dir den Atem, Prinzessin. Niemand hier unten kann dich schreien hören."
Dann wirft er mich.
Ich lande hart auf der verrottenden Pritsche, der Aufprall treibt die Luft aus meinen Lungen und sendet frische Qualen durch meine verletzten Rippen. Für einen Moment kann ich nicht atmen, kann nicht über den Schmerz hinausdenken, der durch meinen Körper ausstrahlt.
Als ich es schließlich schaffe, mich hochzudrücken, steht Kieran in der Tür und beobachtet mich mit diesen kalten Augen.
Und etwas in mir bricht.
All die Angst, all der Schmerz, all die Demütigung des vergangenen Tages brechen auf einmal über mich herein, und es verwandelt sich in reine, glühende Wut. Ich zwinge mich aufzustehen, ignoriere, wie meine Beine zittern und meine Rippen schreiend protestieren.
Ich durchquere die kleine Zelle und ohrfeige ihn so hart ich kann.
Der Klang knallt durch den Kerker wie Donner.
„Ich bin eine Prinzessin!" Die Worte reißen aus meiner Kehle, roh und verzweifelt. „Du hast kein Recht, mich so zu behandeln! Kein Recht, mir so respektlos zu begegnen, als wäre ich nichts! Kein Recht zu—"
Er lacht.
Es ist nicht das kalte, spöttische Lachen von vorhin. Dies ist dunkler, gefährlicher, ein Geräusch, das jeden Instinkt, den ich habe, mich anschreit zu laufen.
Bevor ich auch nur verarbeiten kann, was passiert, legt sich seine Hand um meine Kehle.
Nicht erstickend, noch nicht, aber er hält mich mit einem eisernen Griff an Ort und Stelle, der deutlich macht, dass er meine Luftröhre zerquetschen könnte, wenn er wollte.
Er zwingt mich rückwärts, bis meine Wirbelsäule die feuchte Steinwand trifft, sein Körper sperrt mich vollständig ein.
Sein Gesicht ist nur Zentimeter von meinem entfernt, und die Wut in seinen eisblauen Augen ist erschreckend.
„Du bist hier keine verdammte Prinzessin", knurrt er, jedes Wort scharf wie eine Klinge. „Du bist meine Gefangene. Und wenn du denkst, dass diese Zelle das Schlimmste ist, was ich dir antun kann, bist du noch naiver, als ich dachte."
Sein Griff verstärkt sich leicht, und ich kämpfe um Luft. Meine Hände kommen instinktiv hoch, um sein Handgelenk zu greifen, aber die silbernen Ketten brennen und schwächen mich. Ich kann ihn nicht abwehren.
Sein Daumen drückt gegen meinen Pulspunkt, und ich weiß, dass er fühlen kann, wie schnell mein Herz rast. Angst, ja, aber da ist auch etwas anderes, etwas, das ich nicht anerkennen will.
Luna dreht in meinem Kopf durch, knurrt und wimmert gleichzeitig, drückt mir Gefühle auf, die keinen Sinn ergeben.
Schrecken vermischt mit etwas, das auf seine Dominanz reagiert, seine Nähe, die Hitze seines Körpers gegen meinen, trotz der Kälte dieses Ortes.
„Und wenn du mich jemals wieder schlägst", fährt er fort, seine Stimme fällt noch tiefer, „werde ich dich im Innenhof vor jedem Soldaten in dieser Festung auspeitschen lassen.
Sie werden zusehen, wie ich das wegnehme, was von deiner kostbaren Würde übrig ist, und dann werden sie genau wissen, was mit Gefangenen passiert, die ihren Platz vergessen."
Dann lässt er mich abrupt los und tritt zurück, als hätte ich ihn verbrannt.
Ich sacke gegen die Wand, keuchend, eine Hand geht zu meiner Kehle, wo ich immer noch den Phantomdruck seiner Finger fühlen kann. Meine Beine halten mich nicht, und ich rutsche hinunter, bis ich auf dem schmutzigen Boden sitze.
Kieran starrt mich einen langen Moment an, etwas Unlesbares flackert hinter diesen kalten Augen. Dann wird sein Gesicht kalt und leer.
„Willkommen in Winterfeste, Prinzessin", sagt er, seine Stimme spöttisch. „Ich hoffe sehr, dass du deinen Aufenthalt genießt."
Er dreht sich um und geht hinaus, die Tür knallt hinter ihm mit brutaler Endgültigkeit zu.
Das Schloss klickt, und ich bin allein in der Dunkelheit mit dem Geräusch meines eigenen rauen Atmens und Lunas verwirrtem Wimmern in meinem Kopf.
Ich sitze dort auf dem schmutzigen Boden, mein ganzer Körper zittert. Ich lasse die Tränen kommen. Still und bitter, sie laufen meine Wangen hinunter und tropfen auf den Steinboden.
Ich weine um das Leben, das ich verloren habe. Für die Menschen, die wegen meiner Entscheidungen gestorben sind. Für die Zukunft, die mir entrissen wurde.
Aber am meisten weine ich, weil ein tiefer, instinktiver Teil von mir, den ich nicht kontrollieren kann, auf die Berührung des Eiskönigs reagiert hat, selbst als er mich erniedrigte.