SERAPHINA
Ich weiß nicht, wie viele Tage ich schon in dieser Zelle verrotte, als die Wachen endlich nach mir kommen.
Ich habe in den letzten drei Tagen eine Audienz beim Eiskönig gefordert. Zuerst versuchte ich, mit den Wachen zu verhandeln – ruhige, logische Argumente, warum es ein Fehler ist, mich festzuhalten. Meine Eltern werden es irgendwann herausfinden.
Das Östliche Königreich wird meine Rückkehr fordern. Mehr Blutvergießen wird folgen, und diesmal werden es nicht nur Grenzscharmützel sein.
Als das Verhandeln nicht funktionierte, fing ich an zu schreien. Forderte, ihn zu sehen. Verweigerte Essen. Machte es unmöglich, mich zu ignorieren.
Wenn ich nur mit ihm reden könnte, ihn dazu bringen könnte zu sehen, dass meine Freilassung weitere Tode verhindern würde, vielleicht kann ich das in Ordnung bringen. Vielleicht kann ich verhindern, dass mehr Soldaten wegen meiner Entscheidungen sterben.
Aber es ist nicht nur Verzweiflung, die mich antreibt. Jede Nacht spiele ich unsere letzte Begegnung ab – seine Hand an meiner Kehle, die Art, wie mein Körper mit Hitze statt nur mit Angst reagierte.
Die verwirrende Erregung, die durch mich flutete, als er in der Tür über mir aufragte. Luna hört nicht auf, darüber zu wimmern, drückt mir Gefühle auf, die keinen Sinn ergeben. Sie sollte ihn hassen. Wir sollten ihn beide hassen.
Stattdessen läuft sie rastlos auf und ab, selbst durch die Schwäche vom Silber, und ich ertappe mich dabei, wie ich meine Finger an meine Kehle presse, wo ich immer noch den Phantomdruck seiner Hand fühlen kann.
Ich brauche Antworten. Ich muss verstehen, warum mein verräterischer Körper so auf ihn reagiert hat.
Als die Zellentür sich endlich öffnet, raffe ich mich auf die Füße, ignoriere, wie meine Beine zittern und meine Sicht verschwimmt.
„Endlich", krächze ich. „Ich habe seit Tagen gefordert, mit eurem König zu sprechen. Es wird auch Zeit, dass er—"
„Ihr habt eine Audienz gefordert", unterbricht mich einer der Wachen, sein Ausdruck unlesbar. „Der König hat beschlossen, sie zu gewähren."
Etwas in seinem Ton lässt meinen Magen sinken, aber ich schiebe das Gefühl beiseite. Ich habe gewonnen. Ich habe genug Lärm gemacht, dass er mich anerkennen musste. Das muss doch etwas zählen.
Sie öffnen meine Ketten vom Wandring und ziehen mich auf die Füße. Ich versuche, mit einem Anschein von Würde zu gehen, aber meine Beine sind schwach von tagelangem kaum Bewegen, und ich stolpere mehr als einmal beim langen Aufstieg aus den Kerkern.
Als wir einen Raum im Hauptturm erreichen, eine Art Ratskammer mit einem langen Tisch und verstreuten Karten, atme ich schwer, und meine Sicht ist mit Dunkelheit gesprenkelt. Aber ich zwinge mich, aufrecht zu stehen, mein Kinn zu heben wie die Prinzessin, die ich bin.
Kieran ist bereits dort, steht mit dem Rücken zur Tür und blickt aus dem Fenster auf die Berge dahinter. Er trägt das formelle Schwarz und Silber des Nördlichen Königreichs, Kriegerkleidung, die von Macht und Autorität spricht. Als er uns eintreten hört, dreht er sich nicht sofort um.
Und selbst von der anderen Seite des Raumes fühle ich es – diesen Zug, diese unerklärliche Anziehung, die Luna schwach in meinem Kopf aufsteigen lässt.
„Er", wimmert sie. „Ich will zu ihm gehen."
„Halt die Klappe", murmle ich, aber mein Herz rast bereits.
„Lasst uns allein", befiehlt er den Wachen.
Sie gehorchen, und das Geräusch des Schlosses, das einrastet, hallt in der plötzlichen Stille wider.
Für einen langen Moment steht er einfach nur da, sein Rücken starr, seine Hände hinter ihm verschränkt. Ich kann die Spannung in seinen Schultern sehen, in der Haltung seiner Wirbelsäule.
Luna rührt sich schwach in meinem Kopf, wimmert wegen seiner Nähe.
„Etwas stimmt nicht", flüstert sie. „Ich kann es fühlen."
„Endlich", sage ich, meine Stimme heiser, aber trotzig. „Ich habe seit Tagen versucht, dich zu erreichen. Du musst zuhören; mich hier festzuhalten ist ein Fehler. Wenn meine Eltern es herausfinden, werden sie meine Rückkehr fordern. Und wenn du dich weigerst, werden mehr Menschen sterben. Aber wenn du mich jetzt freilässt, mich zurückschickst, können wir—"
„Spar dir den Atem." Seine Stimme ist kalt, schneidet durch meine Worte.
Er dreht sich dann um, und der Blick in seinen eisblauen Augen stoppt die Worte in meiner Kehle. Da ist etwas Endgültiges in seinem Ausdruck, etwas, das mein Blut gefrieren lässt. „Ich habe dich nicht hergebracht, um überzeugt zu werden. Ich habe dich hergebracht, um dich über dein Urteil zu informieren."
Mir fällt der Boden unter den Füßen weg. „Mein Urteil?"
„Öffentliche Hinrichtung." Die Worte werden mit kalter Präzision geliefert. „In drei Tagen. Im Haupthof."
Für einen Moment kann ich die Worte nicht verarbeiten. Dann bricht Ungläubigkeit über mich herein, gefolgt sofort von weißglühender Wut.
„Du—" Ich kann die Worte kaum herausbringen. „Du denkst, du hast das Recht, mich hinzurichten?"
„Ich bin der König. Ich habe jedes Recht."
„Du hast kein Recht!" Ich schreie ihn an, mein Körper zittert vor Wut.
„Vorsicht, Prinzessin." Seine Stimme ist tödlich leise.
„Warum?" Ich belle, Wut fließt durch mein Blut. „Was wirst du tun, mich hinrichten, du Bastard?"
In dem Moment, als die Worte meinen Mund verlassen, sehe ich seine Kontrolle zerbrechen.
Er ist in einem Augenblick quer durch den Raum, greift meine Handgelenke mit beiden Händen. „Wie kannst du es wagen—"
Und dann explodiert die Welt.
Hitze rast meine Arme hinauf, breitet sich durch meinen ganzen Körper aus wie ein Lauffeuer. Es ist dasselbe Gefühl wie im Kerker, nur tausendfach verstärkt – brennend, überwältigend, unmöglich zu ignorieren.
Mein Atem stockt, und ich sehe seine Augen sich vor Schock weiten. Sein Griff verstärkt sich um meine Handgelenke, nicht schmerzhaft, aber besitzergreifend, und plötzlich kann ich an nichts anderes denken als daran, wie richtig sich seine Hände auf meiner Haut anfühlen.
Luna stürzt mit mehr Kraft vor, als sie seit Tagen hatte, wirft sich praktisch gegen mein Bewusstsein.
„GEFÄHRTE!"
Das Wort kracht durch meinen Kopf wie Donner, hallt in jeder Zelle meines Körpers wider. Und ich kann es in Kierans Augen sehen – sein Wolf brüllt dasselbe.
„Nein", haucht er, aber seine Hände verlassen meine Handgelenke nicht. Wenn überhaupt, verstärkt sich sein Griff. „Nein, das ist nicht—"
Jetzt ergibt alles einen Sinn.
Die Wölfe haben von Anfang an danach geschrien, und wir waren beide zu wütend, zu stur, um sie zu hören.
„Das kann nicht passieren." Kierans Stimme ist gewürgt, verzweifelt. Seine Hände sind immer noch an meinen Handgelenken, seine Daumen drücken gegen meinen rasenden Puls. „Du kannst nicht meine Gefährtin sein. Nicht du. Jeder außer dir."
„Das Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit", schaffe ich zu sagen, obwohl mein ganzer Körper bei seiner Berührung singt. „Denkst du, ich will mit einem Mann verpaart sein, der plant, mich hinzurichten?"
Seine Augen blitzen auf. „Denkst du, ich will mit der Frau verpaart sein, die alles zerstört hat, wofür ich gearbeitet habe? Die meine Männer töten ließ?"
„Dann lass mich gehen!" Ich versuche, mich loszureißen, aber sein Griff ist eisern. „Wenn du es so hasst, mich als Gefährtin zu haben, lass mich einfach frei und lass mich gehen!"
„Ich kann nicht!" Die Worte explodieren aus ihm, und plötzlich zieht er mich näher, anstatt mich wegzustoßen. „Verstehst du das nicht? Ich kann dich nicht gehen lassen. Mein Wolf wird es nicht zulassen. Er verlangt, dass ich dich beanspruche, dich markiere, dich in Sicherheit halte—"
Er reißt mich nach vorn und sein Mund stürzt sich auf meinen.
Der Kuss ist nichts wie ich mir einen ersten Kuss vorgestellt habe. Er ist nicht sanft oder süß oder romantisch. Er ist verzweifelt, fast gewalttätig, als würde er versuchen, mich zu verschlingen. Seine Lippen sind rau gegen meine, fordernd, und als ich vor Schock keuche, gleitet seine Zunge in meinen Mund.