Kapitel 7

1752 Worte
~~Oriana~~ Ich wollte meine Augen nicht öffnen. Dieser seltsame, schwere Ort zwischen Schlaf und Wachsein, in dem dein Gehirn noch nicht vollständig hochgefahren ist — ich blieb dort so lange ich konnte, jagte diesem Zustand nach, hielt mich daran fest. Denn in dem Moment, in dem das Bewusstsein vollständig zurückkehrte, kam alles andere mit ihm zurück. Und das tat es. Wie eine Wand aus Wasser. Der Vertrag. Die herunterzählende Uhr. Cassies Gesicht hinter der Augenbinde. Das Kratzen des Stifts auf Papier. Die Rose auf der Fensterbank, um die ich nicht gebeten hatte und mit der ich nichts anzufangen wusste. Ich starrte an die Decke. Der Raum war dämmrig, das frühe Licht drang kaum durch den Spalt zwischen den schweren Vorhängen. Irgendwo draußen bewegte sich Wasser — dieses tiefe, stetige Geräusch, das in Venedig niemals ganz verstummte, als würde die Stadt durch ihre Kanäle atmen. Unter anderen Umständen hätte ich es vielleicht friedlich gefunden. Im Moment erinnerte es mich nur daran, dass ich sehr weit entfernt war von allem Vertrauten. Ich presste die Handballen gegen meine Augen und blieb eine Weile so liegen, ohne mich zu bewegen. Ich spürte einfach das Gewicht davon. Von allem. Gestern war ich noch eine Anwältin mit einem Gerichtsfall und einer besten Freundin, die es keinen einzigen Nachmittag schaffte, sich aus Schwierigkeiten herauszuhalten. Gestern war mein größtes Problem eine zweistündige Wartezeit auf einer Polizeiwache gewesen. Jetzt fühlte sich das wie ein anderes Leben an. Langsam setzte ich mich auf und schob mir die Haare aus dem Gesicht. Meine Augen waren trocken, aber empfindlich, so wie immer nach dem Weinen. Mein Körper war steif. Ich schwang die Beine aus dem Bett und blieb einen Moment auf der Kante sitzen, die Ellbogen auf die Knie gestützt, den Blick auf den Boden gerichtet. Du hast die richtige Entscheidung getroffen. Seine Stimme von letzter Nacht kam zurück. Tu das nicht, hatte ich gesagt. Tu nicht so, als wäre das eine Entscheidung gewesen. Und ich meinte das immer noch. Jedes einzelne Wort davon. Aber hier zu liegen und mich selbst zu bemitleiden würde mich nirgendwohin bringen. Diese Lektion hatte ich früh gelernt — damals im Waisenhaus, als ich sieben war und ein Mädchen doppelt so groß wie ich mir meine einzigen guten Schuhe weggenommen hatte und ich einen ganzen Nachmittag lang darüber geweint hatte, bis Matron sich neben mich auf die Stufen setzte und ganz sanft sagte: Tränen sind für danach, mein Mädchen. Zuerst denkst du nach. Matron. Ich atmete langsam durch die Nase aus. Sie war jetzt in Sicherheit. In diesem Punkt hatte er sein Wort gehalten. Die Uhr hatte aufgehört zu zählen, und das musste etwas bedeuten, auch wenn ich noch nicht bereit war, ihm irgendeine Anerkennung zu geben. Ich stand auf und ging ins Badezimmer. Das Gesicht im Spiegel war nicht meines — Nur ein Scherz. Es war meines, aber es sah aus, als hätte es etwas durchgemacht. Geschwollene Augen, Spannung tief um meinen Mund, eine gewisse Leere in meinem Ausdruck, die ich normalerweise nicht trug. Ich drehte den kalten Wasserhahn auf und spritzte mir zweimal, dreimal Wasser ins Gesicht, bis ich mich wieder ein wenig mehr wie ein Mensch fühlte. Ich umklammerte den Rand des Waschbeckens und sah meinem eigenen Spiegelbild in die Augen. Du bist Oriana Vitale. Ich sagte es leise zu mir selbst, wie eine Erinnerung. Du bist in Räume gegangen, die dich nicht wollten, und hast gewonnen. Du hast Fälle verteidigt, an die niemand geglaubt hat, und hast gewonnen. Du wirst in diesem Badezimmer dieses Mannes nicht auseinanderfallen. Ich glaubte etwa sechzig Prozent davon. Sechzig reichten aus, um damit zu arbeiten. Etwa zwanzig Minuten später klopfte Nica, leise und zögerlich, als wüsste sie bereits, dass dieser Morgen mehr Vorsicht erforderte als der letzte. Sie kam mit einem Tablett herein und stellte es wortlos auf den Tisch, ordnete alles mit ihrer ruhigen Konzentration. Ich beobachtete sie von meinem Platz auf der Bettkante aus, noch immer in den Kleidern von letzter Nacht, weil sich die für mich bereitgelegten Sachen wie ein Kostüm anfühlten und ich dafür noch nicht bereit war. „Nica.“ „Ja?“ „Wie lange arbeiten Sie schon hier?“ Sie hielt inne, die Hände noch auf dem Tablett. „Vier Jahre.“ Ich nickte langsam. „Ist es —“ Ich hielt inne, überlegte es mir anders und fragte trotzdem. „Ist es hier immer so?“ Sie drehte sich zu mir um und sah mich richtig an, und für einen Moment schien sie etwas abzuwägen. Wie ehrlich sie sein sollte. Wie viel ich wirklich wissen wollte und wie viel ich nur in die Stille hineinsprach. „Es ist, wie es ist“, sagte sie schließlich vorsichtig. Dann leiser: „Aber er hat noch nie jemanden hierhergebracht. Nicht auf diese Weise.“ Darauf antwortete ich nicht. Ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte. Sie goss Tee ein und trat zurück. „Der Herr wünscht Ihre Anwesenheit unten. Wann immer Sie bereit sind.“ Da war es. Ich sah den Tee an. Dann die Tür. Dann die Rose, die noch immer rot und unberührt auf der Fensterbank stand. „Okay“, sagte ich leise. Ich zog mich langsam um. Ich aß die Hälfte von dem, was auf dem Tablett stand, weil mein Magen unruhig war und mich zum Essen zu zwingen sich falsch anfühlte. Den Tee trank ich bis zum letzten Schluck, weil ich etwas Warmes in den Händen brauchte, etwas Gewöhnliches, an dem ich mich festhalten konnte. Dann stand ich auf, strich die Vorderseite des schlichten Kleides glatt, das Nica für mich herausgelegt hatte, und ging zur Tür. Meine Hand ruhte einen Moment auf der Klinke. Sechzig Prozent, erinnerte ich mich. Das reicht. Das Esszimmer lag am Ende eines langen Korridors, gesäumt von dunklen Holzpaneelen und einer Art Stille, die absichtlich wirkte. Meine Schritte klangen zu laut auf dem Boden. Ich ging langsamer als nötig, betrachtete die Gemälde an den Wänden — alt und ernst, Männer mit harten Gesichtern, eine Stadt auf dem Wasser — und sagte mir, dass ich nur schaute, nicht zögerte. Ich zögerte absolut. Ich blieb vor der Tür stehen, richtete den Rücken auf, hob das Kinn wie vor dem Betreten eines Gerichtssaals und stieß sie auf. Er war bereits da. Natürlich war er das. Am Kopf eines Tisches sitzend, an dem ein halber Gerichtssaal Platz gehabt hätte, eine Tasse Kaffee in der Hand, Papiere vor sich ausgebreitet. Das Morgenlicht fiel lang und blass durch die hohen Fenster und fing die Linien seines Gesichts so ein, dass er beinahe wie die Gemälde im Flur wirkte. Beinahe. Er sah auf, als ich eintrat. Einen Moment lang sagte keiner von uns etwas. Ich durchquerte den Raum und zog den Stuhl zu seiner Rechten heraus, weil es der einzige weitere gedeckte Platz war und ich ganz sicher nicht dort stehen würde, um zu überlegen, wo ich sitzen sollte, als wäre das hier nicht schon demütigend genug. Ich setzte mich. Goss mir Wasser aus der Karaffe ein. Nahm einen Schluck. „Sie sehen müde aus“, sagte er. „Guten Morgen auch Ihnen“, sagte ich trocken. Etwas bewegte sich in seinem Mundwinkel. Er wandte sich wieder seinen Papieren zu. Ich sah aus dem Fenster auf das Gelände — Stein, Wasser und Mauern — und spürte, wie sich die Stille auf mich legte. Es war keine angenehme Stille. Es war die Art von Stille zwischen zwei Menschen, die zu viel zu sagen haben und keinen sicheren Ort dafür finden. Ein Bediensteter erschien und stellte einen Teller vor mich. Ich sah ihn an. Sah wieder weg. „Cassie ruft um zwölf Uhr an“, sagte er, ohne aufzusehen. Meine Brust wurde ein wenig leichter. „Danke.“ Er nickte einmal. „Heute Abend gibt es eine Zusammenkunft.“ Er blätterte eine Seite um. „Ihre Anwesenheit ist erforderlich.“ Ich stellte mein Glas ab. „Was für eine Zusammenkunft?“ „Die Art, bei der Sie an meiner Seite stehen müssen.“ Ich sah sein Profil an. „Ich werde mehr Informationen brauchen als das.“ Er sah mich an. Dieser ruhige, unbeeilte Blick. „Die Leute werden beobachten. Einige werden nach Schwäche suchen. Zeigen Sie ihnen keine.“ „Ich bin Anwältin“, sagte ich leise. „Ich weiß, wie man einen Raum hält.“ „Das ist kein Gerichtssaal.“ „Nein.“ Ich hielt seinem Blick stand. „Es ist schlimmer. Und ich bin trotzdem noch hier, oder nicht?“ Etwas veränderte sich hinter seinen Augen. Schnell und unlesbar, verschwunden, bevor ich es benennen konnte. Die Türen schwangen auf, bevor einer von uns etwas sagen konnte, und eine Frau trat ein, als hätte sie in ihrem ganzen Leben noch nie auf Erlaubnis gewartet, einen Raum zu betreten. Groß, dunkles Haar, scharfer Blick und ein Grinsen, das den Raum sofort drei Grad wärmer wirken ließ. Sie ähnelte Ciro im Kiefer und in den Wangenknochen, aber alles andere gehörte ganz ihr — laut, wo er still war, offen, wo er verschlossen war. Sie blieb stehen und betrachtete mich mit offener, unverstellter Neugier. „Also existieren Sie tatsächlich“, sagte sie. Trotz allem. Trotz des schweren Morgens und der Enge in meiner Brust und der Erschöpfung tief in meinen Knochen — spürte ich ein leichtes Ziehen an meinem Mundwinkel. „Bis jetzt“, sagte ich. Sie lachte, als hätte ich etwas wirklich Wunderbares gesagt. Ließ sich ohne Einladung auf den Stuhl mir gegenüber fallen und stahl ein Stück Obst von meinem Teller, als würden wir uns seit Jahren kennen. „Rosa“, sagte Ciro. Eine Warnung in einem einzigen Wort. „Ich verhalte mich völlig normal“, sagte sie fröhlich. Dann zu mir, nach vorne gelehnt auf den Ellbogen: „Ich bin Rosa. Seine Schwester. Sie werden mich heute Abend brauchen, also ist es gut, dass wir uns jetzt kennenlernen.“ Ich sah sie an — diese lebendige, gefährliche, vollkommen unbeeindruckte Frau — und spürte etwas, das ich seit meinem Eintritt in dieses Haus nicht mehr gefühlt hatte. Etwas, das nicht ganz Trost war, aber zumindest in derselben Nähe lag. „Oriana“, sagte ich. „Ich weiß.“ Ihr Grinsen wurde breiter. „Ich weiß schon länger von Ihnen, als Sie denken.“ Ich runzelte leicht die Stirn. Merkte es mir. Am Tisch war Ciro sehr still geworden, auf diese Art, wie er still wurde, wenn er auf alles achtete, während er vorgab, auf nichts zu achten. Ich fragte Rosa nicht, was sie damit meinte. Noch nicht. Aber ich würde es tun.
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