KAPITEL 2

1354 Worte
Gabriella fest an der Hand haltend, traten sie aus dem mächtigen Herrenhaus. Neben dem glitzernden Schwimmbecken stand ein knallroter Ferrari. Pamela presste die Lippen zusammen. Das musste der Mann sein, für den sie arbeiten sollte – falls er sie überhaupt behielt. Ein Chauffeur in makelloser Uniform trat an den Wagen und öffnete die Tür. „Fassen Sie mich nicht an“, schnitt eine tiefe, raue Stimme durch die Nacht. Die Stimme war kraftvoll, gebieterisch und zugleich gereizt. Wenn er schon mit seinem Fahrer so sprach, wie würde er dann erst mit ihr umgehen?, fragte sich Pamela. Die beiden Beine des Mannes wurden aus dem Wagen gehoben und vorsichtig auf den Boden gestellt, wobei er sich mit den Händen abstützte. „Willkommen daheim, Herr“, sagte Pamela und richtete den Blick auf den Mann, der sich mühsam aus dem Fahrzeug kämpfte. Ein höflicher Gruß konnte vielleicht nicht schaden. Dann sah sie sein Gesicht. Justin Statham. Noch halb von der Tür verdeckt. Der Chauffeur schob einen Rollstuhl heran und stellte ihn direkt vor Justins Füße. Mit einem scharfen Ächzen hievte Justin sich in den Sitz. „Verzeihung, Herr“, murmelte der Chauffeur. „Passen Sie auf, Herr“, sagte Pamela und trat einen Schritt näher. Endlich saß Justin im Rollstuhl, ein erleichtertes Seufzen kam über seine Lippen, als sein Kopf gegen die weiche Stütze sank. „Stellen Sie den Wagen in die Garage und bringen Sie mir den Schlüssel«, wies er den Chauffeur an. Der Fahrer rollte den Ferrari davon und ließ die drei allein am Beckenrand zurück. „Willkommen daheim, Herr«, wiederholte Pamela, diesmal etwas leiser. Nun trafen sich ihre Blicke. Er musterte sie von Kopf bis Fuß, dann wanderte sein Blick zu Gabriella, die klein und still neben ihr stand, und wieder zurück zu Pamela. „Wer sind Sie?«, fragte er. „Ich bin Pamela Lockwood, von Agent Roe hierher geschickt«, antwortete sie. Den Satz hatte sie im Kopf hundertmal geübt – höflich, klar, unterwürfig. „Und wer ist die Kleine?«, fragte er und deutete mit einer knappen Handbewegung auf Gabriella. Gabriella antwortete selbst: „Ich heiße Gabriella. Das ist meine Mami«, sagte sie mit dünner, aber fester Stimme. Justins Blick blieb länger als nötig an dem Mädchen hängen, so intensiv, dass Pamela eine Gänsehaut bekam. Warum schaute er das Mädchen so an? Dann verzog er einen Mundwinkel, und sie wusste sofort: Er würde sie wegschicken. Er öffnete den Mund, doch genau in diesem Moment kehrte der Chauffeur zurück und reichte Justin den Schlüssel. „Verschwinden Sie«, sagte Justin zu ihm. Eine eisige Kälte legte sich über Pamela. Dieser Mann duldete keinen Widerspruch. „Sie wirken nicht, als könnten Sie sich voll auf die Arbeit konzentrieren, und das Mädchen würde Sie ständig stören«, stellte Justin fest. „Ich glaube nicht, dass das mit uns klappt.“ Pamela schloss die Augen. Sie hatte es geahnt. „Bitte, Herr, meine Mami braucht das Geld.“ Pamela riss die Augen auf. Das hatte sie nicht erwartet. Gabriella war es, die bettelte. Sie sah ihre Tochter an, dann Justin, der dem Mädchen tief in die Augen blickte. Justin seufzte und hob den Blick. Pamela richtete sich kerzengerade auf und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Bitte. Sie wird mich nicht behindern.“ „Na gut«, lenkte er ein. „Aber es wird Regeln geben. Eine einzige gebrochen – und Sie sind draußen.“ „Juchhu! Danke!«, quietschte Gabriella, hüpfte hoch und klatschte in die Hände. Justin zischte leise und machte ein genervtes „Tss“. „Welche Regeln, Herr?«, fragte Pamela. „Das sage ich Ihnen, wenn ich mich eingerichtet habe.“ Mit einem leichten Fingerdruck auf die Steuerung setzte sich der Rollstuhl in Bewegung, Richtung Haus. Pamela und Gabriella folgten schweigend. „Mami, dürfen wir heute Abend den riesigen Fernseher anschauen?“ „Pssst, mein Schatz«, zischte Pamela. Justin schüttelte kaum merklich den Kopf. Er war noch nie einem Mädchen so nah gewesen. Hatte noch nie so viel mit einem Mädchen gesprochen. Hatte noch nie eine Bitte von einem Mädchen erhalten. Ein kleines Mädchen hatte für seine Mutter gebettelt. Ein unschuldiges Flehen, das alte, längst verschüttete Wunden aufriss. Seine eigene Kindheit, in der er selbst gebettelt hatte – vergeblich. Er hatte gesehen, wie sein Vater seine Mutter totgeschlagen hatte. Er hatte gebettelt, doch niemand hatte zugehört. Er hatte geglaubt, das alles hinter sich gelassen zu haben. Sein Herz für immer verschlossen. Doch dieses kindliche Flehen hatte etwas tief in ihm berührt. Dieses Anwesen mit seinen barrierefreien Wegen hatte er genau deswegen gewählt – ein Haus, das perfekt auf seinen Rollstuhl abgestimmt war. Keine Treppen, keine Hindernisse. Der perfekte Ort für seine Genesung und die Feiertage. Er rollte in sein Zimmer und schloss die Tür. Drinnen seufzte er und begann, sein Hemd aufzuknöpfen. Die einfache Bewegung war plötzlich mühsam, er zischte wütend. Früher stark und flink, hatte er alles allein gemacht. Dass er nun auf Hilfe angewiesen war, machte ihn rasend. Da trat Pamela ein. Er drehte sich zu ihr um. Sie trat näher und kniete plötzlich vor ihm nieder. Das letzte Mal, als eine Frau so vor ihm gekniet hatte, war vor einem Monat gewesen. Vor dem Unfall. Und sie hatte ihm einen geblasen. Er öffnete den Mund und atmete heiße, lustvolle Luft aus. „Ich helfe Ihnen, Herr«, bot sie an und sah ihm fest in die Augen. „Gut«, brachte er heraus. Noch immer dachte er daran, wie es sich angefühlt hatte, und ob er das je wieder erleben würde. Ob sein Glied überhaupt noch reagieren konnte. Er sah in ihre Augen. Sie hatten eine Tiefe, die von verborgener Stärke zeugte. Ihr Gesicht war von fast überirdischer Schönheit, umrahmt vom warmen Licht. Ihre Lippen, voll und einladend, versprachen mehr, als ihre Situation erlaubte. Rosa und sinnlich. Die obere Lippe geschwungen, die untere voll – genau die Art, die er mochte. Und dann sah er die Rundung ihrer Brüste unter dem Stoff. Hitze stieg ihm ins Gesicht – ein Gefühl, das er seit Jahren nicht mehr gespürt hatte. Dann der plötzliche Schub, die unerwartete Erregung. Er hatte nach dem Unfall Tänzerinnen gesehen, die sich für ihn ausgezogen hatten. Nichts hatte ihn berührt. Doch diese Frau … schon ihre Nähe weckte etwas in ihm. Unerwartet spürte er, wie sein Glied sich regte. Was? Er hatte gedacht, es sei tot. Die Ärzte hatten gesagt, es würde lange dauern. Warum jetzt? Warum bei ihr? Pamela hob den Blick, dann senkte sie ihn hastig. Sie spürte seinen brennenden Blick. Ein Funke Verstehen, dann ein leichtes Zittern. Sie kannte Justin, aber das hier war zu früh. Viel zu früh. Doch die Pflicht siegte. Mit leichten, präzisen Fingern knöpfte sie sein Hemd auf, ohne ihn zu berühren. Darunter kam ein muskulöser, definierter Oberkörper zum Vorschein. Unter dem dunklen Unterhemd zeichneten sich kräftige Unterarme ab. Wie die Statue im Eingang – nur lebendig. Ein Wunder an männlicher Perfektion. „Helfen Sie mir ins Bett«, sagte Justin. Die plötzliche Intimität erschreckte sie. Sie zögerte. Eine solche körperliche Nähe mit einem fremden Mann – unmöglich. Sie stand auf. „Herr? Wie denn?“ „Ich stehe, Sie stützen«, wies er an. „In Ordnung, Herr.“ Justin stemmte sich an den Armlehnen hoch, Pamela legte die Hand an seine Taille. Er war schwerer, als sie gedacht hatte. Das Gewicht drückte sie nach hinten, ihr Knie knickte ein. Sie stolperte rückwärts aufs Bett – und Justin fiel auf sie drauf. Sie lagen Brust an Brust, ihr Atem vermischte sich, ihre Brüste pressten sich an seinen Oberkörper. „Entschuldigung, Herr«, flüsterte Pamela. „Ist Ihnen etwas passiert?“ Seine Augen waren dunkel vor Intensität. Ein Zittern lief durch sie. Sie spürte seine Kraft, seine Männlichkeit, die Hitze seines Körpers. Er war stärker, wilder, männlicher als Mathias je gewesen war. Er sah sie an – gefangen von ihrer Schönheit und dem, was ihre Nähe in ihm auslöste. Und dann spürte er es: eine Härte, die sich gegen jede Vernunft bildete. Er hatte Tänzerinnen gehabt, die sich für ihn entblößt hatten. Nichts hatte ihn erregt. Doch das hier … das war anders. „Mami, warum liegst du mit dem Herrn im Bett?“
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