Kapitel 1 – "Wer ist dieser Mann?"
In ihrer Hochzeitsnacht war der Raum mit Rosen gefüllt.
Charlotte saß am Bett und starrte die Hochzeitsfotos an, die sie und Bryson gemacht hatten. Eigentlich sollte heute ihre Hochzeitsnacht sein, aber sie würde später nicht mit Bryson schlafen.
Jemand betätigte den Schalter, und im Nu erloschen alle Lichter. Der Raum war völlig dunkel.
Bumm!
Die Tür wurde eingetreten.
Charlotte konnte eine große, schwarze Gestalt erkennen, die auf sie zustürmte.
In diesem Moment fühlte es sich an, als würde sie von einem Eisberg erdrückt, der auf sie herabfiel. Der kalte, machtvolle Druck der Gestalt nahm ihr den Atem.
"Ah!"
Zwei kräftige Hände packten Charlottes Schultern, und sie wurde mit großer Wucht zu Boden gedrückt …
Tränen liefen über Charlottes Gesicht, während sie ihre Unterlippe fest zusammenbiss.
Sie war bereit, das für Bryson zu tun!
Es war nur dieses eine Mal, aber Charlotte wurde tatsächlich schwanger.
Zehn Monate später fand sie sich im Kreißsaal eines Krankenhauses wieder.
Es war Charlottes Entbindungstermin.
Die qualvollen Schmerzen ließen Charlotte fühlen, als sei sie durch die Hölle gegangen und wieder zurückgekommen. Gemäß der Vereinbarung, die sie vor der Entbindung getroffen hatten, würde Charlotte keine Zeit haben, das Kind, das sie zur Welt bringen würde, anzusehen. Es würde sofort weggenommen werden.
Sie hörte, wie eine Krankenschwester mit einer anderen plauderte: "Der Junge wiegt drei Kilo und ist wirklich bildhübsch. Sein Gesicht ist wunderschön, er ist einfach bezaubernd. Ich habe noch nie so ein schönes Baby gesehen. Schade, dass er gleich nach der Geburt weggenommen wurde. Miss Simmons wird ihn nie zu sehen bekommen …"
Als sie merkten, dass Charlotte das Bewusstsein wiedererlangt hatte, verstummte die Krankenschwester hastig.
Charlotte berührte ihren leeren Bauch. Während der mehr als neunmonatigen Schwangerschaft hatte sie beobachtet, wie ihr Bauch von Tag zu Tag größer wurde. Nun hatte sie ihr Fleisch und Blut, das 283 Tage bei ihr gewesen war, verloren. Charlotte war einfach ratlos.
Doch sie hatte Bryson mit diesem Kind helfen können, als eine Art Entschädigung für jemand anderen. Das bedeutete auch, dass sie Bryson davor bewahrt hatte, ins Gefängnis zu müssen, also hatte sich ihr Opfer gelohnt.
Aber wo war Bryson?
Als Charlotte in die Wehen gekommen war, war Bryson nicht zu Hause gewesen. Sie war mit einem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht worden. Die Haushälterin hatte Bryson bereits angerufen, um ihm Bescheid zu geben, aber jetzt, wo sie ein Kind für ihn geboren hatte, warum war er nicht ins Krankenhaus gekommen, um bei ihr zu sein?
"Miss Charlotte!"
Die Person, die in die Station stürmte, war Alfred, der Hausverwalter der Simmons-Familie.
"Was ist los? Warum bist du so in Eile?", sagte Charlotte besorgt.
Um die Wahrheit vor ihrem Vater zu verbergen – dass sie Bryson tatsächlich half, indem sie ein Kind für ihn austrug – hatte sie geplant, ihrem Vater zu erzählen, dass das Kind nach der Geburt gestorben sei. Doch Alfred war ins Krankenhaus gekommen. Hatte er die Wahrheit herausgefunden?
"Miss Charlotte, Mr. Simmons ist etwas zugestoßen, er liegt jetzt auf der Intensivstation."
Charlottes Herz sank. Trotz der Ratschläge der Krankenschwester zog sie die Infusionsnadel aus dem Handrücken und taumelte aus der Station.
"Was ist nur los mit dieser Patientin? Nach der Entbindung ist strenge Bettruhe angesagt. Sie müssen sich wieder hinlegen."
"Hey!"
"Patientin!"
Auf der Intensivstation lag Walter Simmons mit geschlossenen Augen auf dem Krankenbett. Sein Körper war mit verschiedenen Schläuchen durchzogen. Wäre da nicht der Herzmonitor gewesen, der seinen Herzschlag anzeigte, wäre es schwer zu sagen gewesen, dass er überhaupt noch lebte.
Vater war immer gesund gewesen. Er war kaum je krank, und doch war er nun so schwer krank, dass er ein Beatmungsgerät brauchte, um am Leben zu bleiben. Bei diesem Gedanken brach Charlotte in Tränen aus.
"Alfred, was ist passiert?"
Alfred zögerte, bevor er schließlich sagte: "Nachdem du schwanger geworden bist, wollte Mr. Simmons Simmons Inc. an Bryson übergeben, damit er sie führen kann. Aber Bryson und der Vizepräsident, Victor Rutherford, haben sich gegen Mr. Simmons verschworen. Sie haben ihm die Firma weggenommen und drohten damit, Mr. Simmons vor Gericht zu bringen, wegen eines Fehlers, den er vor vielen Jahren gemacht hatte, als er Simmons Inc. vor einer Krise retten wollte! Der Anwalt sagte Mr. Simmons, dass er mit mindestens 15 Jahren Gefängnis rechnen müsse. Mr. Simmons wurde so wütend, dass er Blut spuckte. Zum Glück konnte er gerade noch gerettet werden …"
Was?
Charlotte begann zu zittern. Sie konnte es nicht glauben.
Vater war immer nett zu Bryson gewesen, und sie hatte sogar das Kind eines Fremden geboren, um Bryson zu retten … Wie konnte er ihnen das antun?
Mit zitternden Händen nahm Charlotte ihr Handy und rief Bryson immer wieder an, aber niemand ging dran.
Sie atmete tief ein und stützte ihren geschwächten Körper, als sie den Raum verließ.
"Miss Charlotte, tun Sie bitte nichts Unüberlegtes. Wo wollen Sie hin?"
Charlottes Versuche, sie umzustimmen, ignorierend, taumelte sie aus der Intensivstation.
Sie konnte nicht glauben, dass der Mann, den sie vier Jahre lang geliebt hatte, so etwas tun würde!
Bryson war in der Vergangenheit immer gut zu ihr gewesen, und sie glaubte, dass er seine Gründe haben musste, ihren Vater zu verraten.
Sie musste Bryson sehen, um mit ihm zu reden!
Alfred hielt sie nicht länger auf.
Im Moment war Miss Charlotte die Einzige, die Mr. Simmons retten konnte.
Wenn Bryson noch etwas für Miss Charlotte empfand, würde er Mr. Simmons vielleicht um Miss Charlottes willen gehen lassen …
Charlotte ging hilflos durch den Korridor. Sie stieß versehentlich gegen einen Mann und fiel hin.
Charlotte wollte den Mann zurechtweisen und ihn bitten, aufzupassen, aber als sie seinen Blick traf, schwieg sie aus Angst.
Er war ein äußerst attraktiver Mann mit perfekten Gesichtszügen und einer wirklich starken Ausstrahlung.
Seine dunkelbraunen Augen wirkten wie Tintentropfen im Schnee. Sie waren absolut atemberaubend, aber extrem kalt.
Schon bei diesem einen Blick zitterte Charlotte vor Angst. Sie fühlte sich, als wäre sie in einen eiskalten See gefallen. Seine starke, eisige Aura ließ sie erstarren.
In diesem Moment kam ein Arzt mit gesenktem Kopf auf den Mann zu. "Mr. Connor, Miss Larson hat soeben einen Jungen zur Welt gebracht, aber sie hat zu viel Blut verloren. Ich fürchte, sie könnte …"
Bevor er aussprechen konnte …