VII. Verabredungen

2396 Worte
Sonntags erledige ich meine letzte Abgabe und beginne dann, die Wohnung zu putzen und meine Lernunterlagen zusammenzusammeln. Ich habe Angst davor, abends schlafen zu gehen und versuche, es so gut wie möglich hinauszuzögern. Schräge Träume und unruhiger Schlaf sind in den letzten Monaten meine ständigen Begleiter geworden und ich gehe immer erst vollkommen erschöpft ins Bett, um in einen tiefen Schlaf fallen zu können. Doch diesen Sonntag bin ich noch unruhiger als gewöhnlich. Ich vermisse meine Mama und ich ärgere mich über mich selbst wegen des Streits mit Iris. Um zehn schnappe ich missmutig meine Tasche und mache mich auf den Weg ins Fitnessstudio. Vielleicht kann ich mich dort auspowern. Natürlich bereue ich es, am nächsten Tag, dass ich unausgeschlafen und mit einem leichten Ziehen in den Waden bis am Abend an der Uni bin. In meiner Mittagspause schreibe ich Iris, doch sie reagiert nicht. Dienstagnachmittag kümmere ich mich um mein nächstes Problem: Tim. Mittlerweile habe ich Zweifel, dass es eine gute Idee war, ihm zu schreiben. Denkt er vielleicht, das sei ein Date? Ist es ein Date? Woher weiß man, dass es ein Date ist? In meiner Unwissenheit google ich das mal, doch die Ergebnisse die ich bekomme sind alles andere als hilfreich. Ich seufze und überlege ernsthaft, das Ganze – was auch immer es ist – abzusagen. Doch das wäre richtig gemein. Nein, man sagt kein Date am gleichen Tag ab, außer es ist ein Notfall. Ich schäme mich kurz für den Gedanken. Tim ist ein netter Kerl, soweit ich das beurteilen kann und er hat es nicht verdient, wegen meiner Unberechenbarkeit den Kopf hinhalten zu müssen. Außerdem ist das vielleicht genau das, was ich jetzt brauche. Ich gehe duschen und überlege fieberhaft, was ich anziehen soll. Ach, wenn ich nur wüsste, ob das ein Date ist oder nicht! Schlussendlich entscheide ich mich dafür, dass es kein Date ist. Mit dem Gedanken fühle ich mich wohler. Nur zwei Studienkollegen, die sich treffen. Also schlüpfe ich in meinen Lieblingsrock und ziehe mir ein bequemes Top an. Ein bisschen Makeup und Parfum, denn ohne fühle ich mich nicht wohl. Da ich meine Ballerina noch immer nicht ersetzt habe, schlüpfe ich in Sandalen und schnappe dann meine Handtasche und laufe die Treppen hinunter. Ich komme beinahe zu spät ins heillos überfüllte Pub und ich kann nicht umhin zu hoffen, dass wir einfach keinen Platz haben und das Ganze gezwungenermaßen abblasen. Ich schüttle den Kopf, um den Gedanken loszuwerden und dränge mich zwischen den Leuten durch in den hinteren Teil. Tim winkt mir und ruft meinen Namen zum Glück, denn ich hätte ihn nicht gesehen. Als ich auf ihn zukomme, wird mir bewusst, dass das ein Date ist. Auf unserem Tisch liegt ein ‚Reserviert'-Schildchen und Tim trägt ein Hemd. Zwar ein Jeanshemd, aber wenn er von einem einfachen Treffen ausgegangen wäre, dann würde er wohl ein T-Shirt tragen. Ich schlucke und erwidere sein sympathisches Lächeln. Wir begrüßen uns und ich setze mich ihm gegenüber auf den Stuhl. Ein wenig unsicher greife ich nach der Karte und entscheide mich dafür, dass ein bisschen Alkohol der Situation nur zuträglich sein würde. Tim und ich unterhalten uns gut und er bringt mich viel zum Lachen. Wir sprechen über die Uni und er erzählt mir von seinem zu Hause. Später beichte ich ihm, dass ich ihm ursprünglich nur einen Kaffee vorschlagen wollte, doch er nimmt es mit Humor. Natürlich lässt er es sich nicht nehmen und wir bestellen entkoffeinierten Kaffee. Tim ist unglaublich humorvoll und erzählt die besten Geschichten. Selbstredend nehmen wir auch gegenseitig unsere Dialekte auf die Schippe und er erzählt mir, wie er dazu kam, am Auslandsprogramm teilzunehmen. Ich fühle mich seltsam wohl in seiner Nähe, obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, woher diese plötzliche Unbeschwertheit rührt. Wir sind eine ganze Weile im Pub und ich merke nicht, wie die Zeit verfliegt. Es ist einfach mit ihm, wie Radfahren. Ich muss mich nicht um Gesprächsthemen bemühen, denn wir kommen nie ins Stocken. Und auch mein Wein hilft dabei, dass ich unbeschwerter bin. Wir verlassen nach Mitternacht das Lokal und schlendern gemütlich durch die Stadt. Zum Glück habe ich meine Jeansjacke mitgenommen, denn es ist doch ein wenig kühl geworden. Eine Weile sind wir stumm und ich merke, wie er mir immer wieder einen Blick zuwirft. Endlich scheint er die richtigen Worte gefunden zu haben und fragt mich dann: „Sag mal, ist das ein Date?“ Ich bleibe kurz stehen und überlege. Er scheint ebenso ahnungslos zu sein wie ich. „Um ehrlich zu sein, ich dachte einfach, es wäre nett, dich kennenzulernen“, antworte ich ihm und Tim grinst ein wenig. „Aber ob das als Date zählt, kann ich nicht sagen“, fahre ich dann ein wenig leiser fort und wir setzen uns wieder in Bewegung. „Warum?“, fragt er ein wenig irritiert und ich überlege, wie ich mich da wieder rausreden kann. Gar nicht, entscheide ich. „Ich hatte einfach noch nicht so viele“ „Willst du mich verarschen? Kommst du aus dem Kloster?“, fragt er erstaunt und ich muss lächeln. Er sieht mich erstaunt an und zuckt dann mit den Schultern. Seine Unbeschwertheit ist es wohl die auf mich abfärbt. „Du etwa?“, frage ich keck und stupse ihn mit der Schulter an. „Klar. Unzählige. Hauptsächlich erste“ Er zwinkert mir zu und hält mich dann am Arm fest, denn ich hätte beinahe die Straße gekreuzt, als ein Taxi heranfährt. „Na dann müsstest du doch genau wissen, ob das ein Date ist“ „Normalerweise sage ich bei Dates zu, nicht zu missratenen Kaffeeeinladungen“ Ich schlage die Hände vors Gesicht und schäme mich ein wenig. Tim amüsiert sich darüber und wir besuchen noch einen Eissalon, der damit wirbt, bis in die Morgenstunden geöffnet zu haben. Ich sehe Marie mit ein paar Freundinnen vorbeischlendern. Sie sehen aus, als würden sie gerade von einem Job kommen. Sie winkt mir und grüßt mich von weitem. Ich winke zurück und sie ruft mir zu, dass wir unbedingt wieder mal was trinken gehen müssen, dann biegt sie auch schon wieder um die nächste Ecke. Ich schüttle den Kopf über sie und wende mich dann Tim zu. Er hat es sich nicht nehmen lassen, zumindest das Eis zu bezahlen, als ich mich schon geweigert habe, dass er die Drinks übernimmt. „So, ab jetzt ist es wirklich ein Date“, meint er und wir entscheiden uns für die längere Route zu meiner Wohnung, zu der er mich begleiten will. „So einfach ist das?“, frage ich gespielt skeptisch. „Ja, eigentlich schon“ „Und wenn ich darauf bestanden hätte, das Eis zu zahlen?“ „Dann hätte ich die größere Tüte gewählt!“ Ich muss lachen und frage dann, ob es irgendwelche Regeln zu befolgen gäbe, nun, da wir ein Date haben. Tim überlegt ein wenig und zuckt dann mit den Schultern. „Keine Ahnung. Gibt es die?“ Er grinst mich an und ich lecke stumm an meinem Eis. Wir denken beide eine Weile nach und kommen mit ein paar Vorschlägen. Es ist ziemlich lustig und ich bin beinahe ein wenig enttäuscht, als wir in meine Straße einbiegen. Ich bleibe zwei Häuser weiter erst stehen und behaupte, dass ich zu Hause bin. Obwohl ich Tim sehr sympathisch finde, muss nicht sofort jeder wissen, wo ich wohne. „Mir hat das Kaffeetrinken mit dir gut gefallen. Vielleicht sollten wir das nächste Mal ins Kino gehen. Samstagmorgen um sechs Uhr dreißig vielleicht?“, er zwinkert mir zu und ich muss mit ein wenig Röte im Gesicht lachen. „Mir hat es auch gut gefallen“, erwidere ich ein wenig schüchtern und mit meinen Worten zaubere ich Tim ein Lächeln ins Gesicht. „Nur um das klarzustellen, ich frage dich um ein Date“ „Oh. Also wenn das so ist... dann muss ich mein Date-Outfit bereitlegen“, scherze ich und Tim lacht leise. „Was, das ist nicht dein Date-Outfit?“, fragt er erstaunt und lässt den Blick über mich schweifen. „Ähm, nein. Das ist nur Alltag“ Ich bin ein wenig verlegen wegen seines Blickes und der Musterung. Eigentlich wollte ich den Fokus nicht auf meine Kleidung legen. Er sieht mich überrascht an und sagt dann mit einem schelmischen Leuchten in den Augen: „Dann freue ich mich auf dein Date-Outfit“ Ich gebe ihm einen Kuss auf die Wange, bedanke mich fürs nach-Hause-begleiten und wünsche ihm noch eine gute Nacht. Ich warte, bis er um die nächste Ecke verschwunden ist und gehe dann zum richtigen Haus. Als ich abgeschminkt in mein Bett schlüpfe fühle ich mich leicht und unbeschwert. Das lief besser als gedacht. Bereits am nächsten Abend bekomme ich eine Nachricht von Tim, der fragt, ob ich samstags Lust habe, mit ihm ins Kino zu gehen. Er hat mir erzählt, dass er sich sehr für Filme interessiert und da ich auch am nächsten Tag noch immer gut gelaunt bin und mich freue, dass ich ihn gestern gesehen habe, sage ich ihm zu. Bis Samstag verbringe ich meine Zeit hauptsächlich in meinem Zimmer und lerne. Freitags treffe ich mich zuerst mit Iris und entschuldige mich nochmals bei ihr, dass ich sie einfach so stehen lassen habe. Sie hat es bereits vergessen und ist begeistert über meine neue Frisur. Wir quatschen eine Weile, bis wir uns dann auf machen, um Marie und Jenny zum Essen zu treffen. Die beiden sind vor allem für Iris zu engen Freundinnen geworden und sie freuen sich unheimlich für sie, als sie die großen Neuigkeiten mitteilt. Iris hatte nur eine kurze Karriere bei den Escortmädels aber ihre Telefon-s*x-Sache macht sie immer noch ab und an. Patrick scheint es nicht zu stören und Iris gefällt es doch ganz gut. Während des Essens fragt Marie mich, wer mein Begleiter am Dienstag war. Ich habe noch keine Gelegenheit gefunden, es Iris zu erzählen und hole es dann nach. Natürlich muss ich alle Einzelheiten ausplaudern und Marie bestätigt den anderen beiden, dass Tim und ich aussahen als hätten wir sehr viel Spaß. Iris freut sich richtig für mich und als wir zurück zu meiner Wohnung gehen, fragt sie mich immer weiter aus. Sie will ganz genau wissen, woher ich ihn kenne, ich muss jedes Gespräch rekapitulieren und während wir in mein Bett steigen plant sie schon mein Outfit. Sie verbringt den Samstag bei mir, hilft mir ein wenig zu lernen, kocht und entspannt. Patrick ist bis morgen Mittag bei einem Meeting und Iris fühlt sich in ihrer gemeinsamen Wohnung einsam ohne ihn. Als sie mir das beichtet, schämt sie sich beinahe für sich selbst. Doch für mich ist es nur ein weiterer Beweis dafür, wie gut Patrick und sie zusammenpassen. Während Iris meinen Kleiderschrank energisch durchstöbert und ein Kleid nach dem anderen hervorzieht, muss ich ihr erneut vom Tim erzählen. „Er scheint ganz anders als Jan“, meint sie, während sie die Kleider begutachtet und eines nach dem anderen wieder in den Schrank hängt. Eigentlich habe ich mich bereits für meinen bequemen Jumpsuit entschieden, doch Iris ist das egal. Ihre Aussage lässt mich stocken. Sie hat Recht. Obwohl Jan auch lustig war, war es mit ihm doch ganz anders. Tim war locker und trägt sein Herz mehr oder weniger auf der Zunge. Ich kann immer genau sagen, was er denkt und auch sein Aussehen unterscheidet sich stark von Jan. Tim ist nicht ganz so groß und hat ein bisschen mehr auf den Hüften, er hat ruhige grüne Augen und hellbraunes Haar. Aber er gefällt mir. Es ist einfach mit ihm und das genieße ich. Iris ringt mir das Versprechen ab, mein dunkelgrünes Bodycon Kleid zu tragen und überlässt mir ihre Schuhe, die das Outfit in ihren Augen perfekt machen. Nach einer raschen Dusche im schimmligen Bad binde ich mir die Haare nach hinten und schminke mich. Diesmal lege ich ein wenig mehr Makeup auf und trage Ohrringe. Als ich ins Kleid schlüpfe, seufze ich. Eigentlich will ich in meinen bequemen Jumpsuit schlüpfen. Doch andererseits will ich heute auch gut aussehen. Ich weiß, dass ich eine gute Figur habe und manchmal zeige ich sie doch gerne her. Außerdem würde ich gerne den Ausdruck auf Tims Gesicht sehen. Tim wartet vor dem Kino auf mich und hat die Karten bereits bezahlt. „Du siehst fabelhaft aus“, begrüßt er mich und zieht mich dann in eine kurze Umarmung. Ich drücke ihm einen kleinen Kuss auf die Wange und erwidere das Kompliment. Dann gehen wir etwas trinken bevor der Film anfängt und decken uns mit Knabbereien ein. Nach dem Kino gehen wir noch eine Kleinigkeit essen und unterhalten uns über den Film. Ich finde es unglaublich spannend, mit welcher Leidenschaft Tim die Einzelheiten analysiert und was ihm während des Sehens aufgefallen ist. Auch dieses Mal unterhalten wir uns gut und führen ein wenig tiefgründigere Gespräche als am Dienstag. Ich lache wieder viel und die Zeit vergeht wie im Flug. Tim begleitet mich auch dieses Mal wieder bis vor die Haustüre und er bedankt sich für den schönen Abend. „Es hat mir gut gefallen. Und du sowieso“, sagt er und ich muss lächeln. „Mir hat es auch gut gefallen. Danke dafür“, antworte ich und spiele mit meinem Schlüssel. Mir tun die Wangen schon ein wenig weh, vom vielen Lachen. Tim ist ein unheimlich süßer Kerl. Aus einer Laune heraus stelle ich mich auf die Zehenspitzen und küsse ihn sanft. Es ist ein unschuldiger Kuss und nur unsere Lippen berühren sich, doch es ist ein schönes Gefühl. „Gute Nacht“, flüstere ich danach. Er sieht mich ein wenig perplex an und sein Mundwinkel schiebt sich dann nach oben. Dann lehnt er sich nach vor und seine Hand streift meine, als er meinen Kuss erwidert. Er drückt seine Lippen ein wenig fester auf meine und verharrt ein paar Sekunden länger so, bevor er sich von mir löst. „Gute Nacht, Ariane“, flüstert er mit belegter Stimme und ich lächle ihn ein wenig verlegen an. Tim zwinkert mir zu, grinst und dreht sich um. Ich sehe ihm zu, wie er die Straße entlangläuft und dann in die Luft springt und die Hacken zusammenschlägt. Ich muss lachen und er dreht sich zu mir um und winkt mir zu. Ich winke zurück und schlage dann die Hände vors Gesicht, um mein Lachen zu dämpfen.
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